„Wir müssen unbedingt verhindern, dass die Fallzahlen wieder massiv ansteigen. Also heißt es für uns: testen, testen, testen“. So erklärte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann bereits vor elf Tagen, dass sich jetzt selbst Menschen ohne Symptome, aber mit Kontakt zu einem Covid-19-Infizierten testen lassen sollen. Nur so könnten Erkrankte früh erkannt und isoliert werden.

Landkreis will ab sofort breiter testen

Im Bodenseekreis hat die Verwaltung am Dienstag den Ärzten mitgeteilt, dass fortan breiter getestet werden soll, erklärt Pressesprecher Robert Schwarz auf Anfrage dieser Zeitung. Bisher galt eine sehr restriktive Regelung. Die lehnte sich an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) an. Aber selbst bei Personen, die mit Husten und Fieber deutliche Covid-19-Syptome hatten, wurde kein Abstrich gemacht, wenn sie jünger als 65 Jahre, (vermutlich) nicht mit einem Infizierten in Kontakt waren oder kein Risikopatient sind.

Offizielle Zahlen und Infektionsgeschehen

„Das war auch sinnvoll, nachdem klar wurde, dass die Testkapazitäten eine knappe Ressource sind“, erklärt Robert Schwarz. Die Entscheidung darüber, ob ein Test nötig sei, treffe immer der behandelnde Arzt. Die meisten Hausärzte haben in den vergangenen Wochen mögliche Corona-Patienten nach Absprache mit dem Gesundheitsamt in die Fieberambulanz geschickt. Hier sei „der ganz überwiegende Teil“ der Menschen auch getestet worden, so Schwarz.

Testkapazitäten nicht wesentlich ausbaubar

Allerdings waren laut Kreisverwaltung bis dato nur etwa 50 Tests pro Tag im Labor Gärtner in Weingarten möglich, die auch zügig analysiert werden konnten. Bei deutlich mehr angelieferten Abstrichen hätte das zu Verzögerungen geführt, Testmaterialien wären zudem knapp geworden. „Die Kapazitäten sollen aber erweitert werden, sodass die Abstrichzahl in Spitzen deutlich nach oben gehen kann. Das Labor hält dafür auch Notfallreserven vor“, erklärt der Kreissprecher. Wie hoch der Bedarf künftig sein wird, könne kaum vorausgesagt werden. Eine überschlägige Planung der Kreisverwaltung geht von einer Verdoppelung der täglichen Abstriche – also rund 100 Coronatests täglich – aus. Aber hochgerechnet auf rund 210 000 Kreisbewohner ist das immer noch weniger als ein Prozent.

Wer Symptome hat, wird nun getestet

Von einem breiten Screening könne im Bodenseekreis also auch jetzt überhaupt keine Rede sein. Tests können und sollen nach wie vor „nicht beliebig mit der ‚Gießkanne‘ ausgeschüttet werden“, erläutert Schwarz die Empfehlung der Kreisverwaltung. Neu ist, dass nun alle Personen getestet werden sollen, die Symptome haben – egal ob mit oder ohne Kontakt zu Infizierten. Darüber hinaus empfiehlt das Land „dringend“, auch Menschen ohne Anzeichen für eine Erkrankung zu testen, wenn sie engen Kontakt zu Infizierten haben.

Die Fieberambulanz in der Messe Friedrichshafen bleibt in Betrieb, auch wenn nur wenige behandelt werden.
Die Fieberambulanz in der Messe Friedrichshafen bleibt in Betrieb, auch wenn nur wenige behandelt werden. | Bild: Lippisch, Mona

Auch in Kliniken, Gemeinschaftsunterkünften oder Pflegeheimen soll nun „ohne Anlass“ breiter getestet, wünscht das Land. Darüber entscheidet aber nicht das Landratsamt, sondern der jeweilige Träger. Mit denen sei man in der Abstimmung, „die Testrate deutlich zu erhöhen“, so der Kreissprecher. Doch selbst mit den erweiterten Kapazitäten würde es rein rechnerisch mehrere Wochen dauern, alle Heime komplett durchzutesten.

Deutlich weniger Patienten in der Fieberambulanz

Luft nach oben gibt es. Ausgeschöpft werden die aktuelle Testkapazitäten laut Schwarz derzeit nicht. Die Zahl der Patienten, die in die Fieberambulanz auf der Messe geschickt werden, sei mit 15 bis 20 pro Tag stark rückläufig. Allerdings behandeln auch viele Hausarztpraxen, die wieder über ausreichend Schutzkleidung verfügen, nun wieder selbst ihre Patienten mit Corona-Verdacht.

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Der Rückschluss liegt nahe, dass die Zahl der Infizierten im Kreisgebiet trotz der Dunkelziffer tatsächlich niedrig ist. Der Bodenseekreis steht mit bisher 288 positiv Getesteten zusammen mit dem Stadtkreis Karlsruhe und dem Landkreis Emmendingen – hochgerechnet auf 100 000 Einwohnern – mit seinen Corona-Zahlen in Baden-Württemberg am Ende der Liste. Die Zahl der mit dem Covid-19-Virus Infizierten ist seit gut drei Wochen nicht mehr nennenswert angestiegen. „Die gemeldeten Zahlen haben das tatsächliche Infektionsgeschehen nie komplett abgebildet. Das haben wir euch immer deutlich und offen gesagt“, relativiert Kreissprecher Robert Schwarz. Die Zahlen seien „bestenfalls ein Indikator“. Auch deshalb sei „weiterhin große Vorsicht geboten“, warnt er.

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