„Bevor wir eintauchen, vergessen Sie bitte alles, was Sie über Geschäftsberichte denken.“ Mit diesen Worten beginnt der Film, mit dem das Stadtwerk am See seine Jahresbilanz für das Jahr 2021 im Internet präsentiert. Aufnahmen zeigen malerische Eindrücke vom Bodensee. Ein Sprecher flüstert mit ruhiger Stimme: „Als Unternehmen blicken wir im Jahr 2021 auf positiv-kribbelnde Zahlen zurück. Und dieses gute Gefühl möchten wir mit Ihnen teilen.“

Schon seit Jahren informiert das Stadtwerk mit digitalen Formaten über seine Geschäftstätigkeiten, wurde dafür auch schon ausgezeichnet. Doch sollte ein kommunaler Betreiber in Zeiten historisch hoher Energiepreise überhaupt positive Zahlen erwirtschaften? Wäre es nicht sinnvoller, Gewinne an die Kunden rückzuführen? Immerhin könnte so deren Kostenlast gesenkt werden.

Umsätze und Kosten steigen

Hier zunächst der Blick auf die Zahlen. Im vergangenen Jahr erwirtschafte das Stadtwerk in Summe gut 261 Millionen Euro an Umsätzen, das sind gut 56 Millionen Euro mehr als noch 2020. Ein großer Teil davon wurde mit Netzbetrieb und Vertrieb von Strom und Gas erwirtschaftet. Doch auch andere Geschäftszweige spielen eine Rolle, etwa der Anlagenbau für Unternehmen oder der Glasfaser-Ausbau.

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Doch nicht nur die Umsätze sind im vergangenen Geschäftsjahr deutlich angestiegen: Der sogenannte Materialaufwand – und damit die Kostenseite – stieg um 67 Millionen Euro. Schuld daran sind nach Auskunft von Sebastian Dix, Sprecher des Stadtwerks, vor allem die hohen Energiegroßhandelspreise. Denn das Stadtwerk muss Strom und Gas größtenteils selbst einkaufen, und leitet sie dann an seine Kunden weiter.

Unter dem Strich blieb im Betrieb im Jahr 2021 noch etwa 7,2 Millionen Euro an Gewinn hängen. Das sind zwar 2,6 Millionen Euro weniger als im Vorjahr. Dennoch bleibt die Frage: Sollten diese Millionen in Zeiten der Energiekrise nicht besser an die Kunden durchgereicht werden?

Wohin die Gewinne fließen

Diese Frage beantwortet Sebastian Dix mit einem klaren Nein. Er argumentiert: „Wir finanzieren mit dem Stadtwerk-Ergebnis öffentliche Aufgaben der Daseinsvorsorge für die Region – und die sind zumeist defizitär.“ Die Hauptgesellschafter des Stadtwerks sind die Technischen Werke Friedrichshafen (TWF, 74 Prozent) sowie die Stadtwerke Überlingen (24,2 Prozent). Die sind etwa für Stadtbusse oder Parkhäuser zuständig.

Am Ende der Gewinn- und Verlustrechnung des Stadtwerks am See steht letztlich eine Null – die Überschüsse werden an die Gesellschafter ausbezahlt. Im Jahr 2021 waren das etwa 5,2 Millionen für die TWF, an die Stadtwerke Überlingen gingen gut 1,7 Millionen.

Monika Blank, Pressesprecherin der Stadt Friedrichshafen
Monika Blank, Pressesprecherin der Stadt Friedrichshafen | Bild: Stadt Friedrichshafen (Archiv)

Monika Blank, Sprecherin der Stadt Friedrichshafen, vertritt dieselbe Position wie Sebastian Dix. „Sowohl das Stadtwerk als auch die TWF tragen mit ihrer Geschäftstätigkeit zur Daseinsvorsorge bei und erfüllen öffentliche Aufgaben – von der Strom- und Gasversorgung bis hin zum Betrieb von Parkhäusern, E-Ladestationen und dem Stadtverkehr.“

So sieht es in Friedrichshafen und Überlingen aus

Tatsächlich zeigt ein Blick in Dokumente des Gemeinderats Friedrichshafen, dass mit dem Geld meist defizitäre Aufgaben finanziert werden. Der Stadtverkehr erwirtschaftete in der TWF ein Minus von 2,3 Millionen Euro, auch für ihren Anteil an der Katamaran-Reederei Bodensee mussten sie 241.000 Euro berappen. Der übrig bleibende Gewinn in Höhe von gut 945.000 Euro verblieb im Unternehmen als Rücklage, lediglich 50.000 Euro flossen direkt an die Stadt. Damit, so Blank, würden aber auch kommunale Aufgaben finanziert.

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Der Blick in die Unterlagen der Stadtwerke Überlingen zeigt: Diese erwirtschafteten trotz ihrer Gewinnbeteiligung am Stadtwerk am See unter dem Strich sogar ein Minus in Höhe von gut 800.000 Euro. Auch hier schlägt der Betrieb des Stadtbusses mit 565.000 Euro zu Buche. Sebastian Dix, an den die Pressestelle Überlingens verweist, betont zudem: „Auch der Bau des Parkhauses Therme in Überlingen belastet die Stadtwerke.“ Dieses hatte unterm Strich neun Millionen Euro gekostet.

Sebastian Dix resümiert: „Würde das Stadtwerk am See seine Gewinne direkt an seine 120.000 Kunden auszahlen, bekäme jeder von ihnen 60 Euro ausbezahlt.“ Dafür wären dann etwa Stadtbusse, Katamaran und Parkhäuser nicht mehr finanziert. Damit dürfte er durchaus recht haben. Am Wunsch der Kunden nach günstiger Energie dürfte diese Erkenntnis allerdings wenig ändern.

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