Für nur 15 D-Mark zu fünft quer durch ganz Deutschland reisen, wenn auch nur in Bummelzügen: Jürgen Löffler kann sich noch gut an das erste nationale Abo-Ticket erinnern, das die Bahn 1995 eingeführt hatte. Aber auch daran, welches Chaos das Wochenendticket anfangs auslöste. Züge waren hoffnungslos überfüllt, Schaffner überfordert, Reisende blieben an Bahnsteigen zurück. Der Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Bodo befürchtet, dass das von der Bundesregierung versprochene Neun-Euro-Ticket denselben Effekt haben könnte. Das soll im Juni kommen und drei Monate lang ebenfalls bundesweit gelten.

Neun-Euro-Ticket wird für Ansturm sorgen

Freilich sei dieses Super-Sonderangebot bestens geeignet, um nicht nur neue, sondern auch alte Kunden wieder für den öffentlichen Nahverkehr zu begeistern. „Die Pandemie hat uns Fahrgäste gekostet, bis heute“, sagt Jürgen Löffler, der den ÖPNV in den Landkreisen Ravensburg, Lindau und im Bodenseekreis verantwortet. Zirka 20 Prozent weniger Menschen steigen seither in Bus und Bahn ein, nicht nur am Bodensee.

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Doch der wird im Sommer zum touristischen Hot-Spot. Gerade hier könnte das Neun-Euro-Ticket für einen Ansturm sorgen, dem die Verkehrsbetriebe nicht gewachsen sind, befürchtet der Bodo-Chef. Denn sie verfügen über keine Reserven weder beim Personal noch bei den Fahrzeugen.

Viel los auf der Bodenseegürtelbahn. Im Sommer könnte das Neun-Euro-Ticket für einen zusätzlichen Ansturm sorgen.
Viel los auf der Bodenseegürtelbahn. Im Sommer könnte das Neun-Euro-Ticket für einen zusätzlichen Ansturm sorgen. | Bild: Jörg Büsche

Das ist eines der Probleme, die aktuell nicht gelöst sind und für Missstimmung sorgen. Für den öffentlichen Nahverkehr sind eigentlich die Bundesländer zuständig. Doch die hat der Bund vorher nicht gefragt, als er im März das Energie-Entlastungspaket für die Bürger mit dem Neun-Euro-Ticket versprach. Jetzt gibt es Ärger zwischen Bund und Ländern über die Abrechnung der enormen Kosten, die das Sonderangebot verursacht.

Bundesrat könnte Sonderticket blockieren

Im Bundeskabinett soll am Mittwoch eine Gesetzesvorlage abgestimmt werden. Die muss der zuerst der Bundestag und nach derzeitigem Fahrplan am 20. Mai auch der Bundesrat beschließen. Mit Blick darauf fordert unter anderem Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter, das „Kosten-Chaos“ schnellstens zu lösen.

Der Bund habe sich mit dem Neun-Euro-Ticket eine schöne Schlagzeile ausgedacht, wolle sich bei der Umsetzung aber „einen schlanken Fuß machen“. Mit anderen Worten: Man mache nicht mit, wenn die Kosten bei den Ländern, Kommunen und Verkehrsunternehmen abgeladen werden. Der Bund müsse nachbessern.

Es fehlen nicht nur Einnahmen aus dem Ticketverkauf

Dabei geht es nicht nur um den Ersatz für fehlende Einnahmen beim Ticketverkauf. Ursprünglich hatte der Bund zugesagt, alle Kosten für das Sommer-Flatrate-Ticket zu übernehmen. Wenn das – wie erwartet – viele Menschen nutzen, müssten dafür auch zusätzliche Züge und Busse bereitgestellt werden. Dafür wolle der Bund das Geld bis dato aber nicht aufbringen, so Bernreiter.

Die Länder fordern in Summe 5,6 Milliarden Euro vom Bund, der bislang nur 3,7 Milliarden Euro zahlen will. Das reiche aber nicht, um das ermäßigte Ticket zu kompensieren und die bestehenden Lasten im öffentlichen Nahverkehr aufzulösen, beklagt auch der Deutsche Städtetag.

Jürgen Löffler, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Bodensee-Oberschwaben (Bodo), sieht dem Neun-Euro-Ticket mit gemischten Gefühlen ...
Jürgen Löffler, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Bodensee-Oberschwaben (Bodo), sieht dem Neun-Euro-Ticket mit gemischten Gefühlen entgegen. | Bild: Cuko, Katy

Welche Folgen dieses Hickhack um die Finanzierung des 9-Euro-Tickets haben kann, rechnet Bodo-Geschäftsführer Jürgen Löffler vor. Wenn der Kunde für ein Monats-Abo, das regulär 60 Euro kostet, nun nur 9 Euro bezahlt, fehlen 51 Euro in der Kasse. „Das wird ein Problem der Liquidität für die Verkehrsunternehmen“, so Löffler. „Wir können dem Geld nicht hinterherrennen.“

Um Pleiten wegen Zahlungsschwierigkeiten der Unternehmen nicht zu riskieren, funktioniere nur Vorkasse. Der Bund müsse also mit Beginn der Aktion Abschläge auszahlen, wünscht sich der Bodo-Geschäftsführer. Vor dieser „Kosten- und Liquiditätsfalle“ warnt auch der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV).

Bundesweite Ticketplattform soll kommen

Nicht zu unterschätzen sei obendrein der Verwaltungsaufwand. „Es gibt noch keinen nationalen Ticket-Standard“, erklärt Jürgen Löffler, warum auch der Verkauf der Monatskarte nicht einfach wird. Fast 70 Verkehrsverbünde gibt es in Deutschland, aber auch Regionen ohne Verbund. Hier operieren die Anbieter mit Chipkarten, dort noch mit Papier-Fahrkarten. Zwar ist die Branche dabei, eine digitale und bundesweite Ticketplattform aufzubauen, so der VDV. Aber noch ist die nicht am Start.

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Eine weitere Frage treibt den Bodo-Chef um: Was passiert, wenn der Aktionszeitraum Ende August ausläuft? „Es muss unbedingt vermieden werden, dass nach den 90 Tagen Neun-Euro-Ticket die Tarife nach oben schießen“, hat sich Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) bereits positioniert. Für Jürgen Löffler ist die Zeit, als der ÖPNV noch eigenwirtschaftlich, also über seine Nutzer finanziert wurde, ohnehin vorbei.

2019 nahm der Verkehrsverbund am Bodensee noch 45 Millionen Euro über die Fahrentgelte ein. In den beiden Folgejahren waren es Corona-bedingt jeweils rund zehn Millionen Euro weniger. Die hat der Staat über den Rettungsschirm bezahlt. Ohne diese Hilfen werde der öffentliche Nahverkehr künftig nicht mehr zu finanzieren sein.