Am 3. März wurde der erste Corona-Befund im Bodenseekreis bestätigt. Ab Mitte März stieg die Zahl der gemeldeten Infektionen stärker. Die meisten Neuinfektionen sind den Daten des Sozialministeriums, wo die Daten aus den Gesundheitsämtern in Baden-Württemberg zusammenlaufen, vom 25. und 26. März zu entnehmen: an beiden Tagen kamen 32 Fälle hinzu. Acht Todesfälle standen im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

 

Seit Mitte April flacht die Kurve sichtlich ab. Für den 17. April sind beim Sozialministerium sieben nachgewiesene Neuinfektionen im Bodenseekreis erfasst. Seither sind es maximal zwei pro Tag, an den meisten Tagen gar keine. Einzige Ausnahme ist der 4. Mai mit vier zusätzlichen Fällen. Das heißt aber nicht, dass im Bodenseekreis niemand mehr getestet werden würde.

 

Pro Wochentag werden bis zu 100 Personen getestet

Das Gesundheitsamt sei nicht die Testzentrale, daher habe auch das Landratsamt keinen vollständigen Überblick, schränkt Behördensprecher Robert Schwarz ein. Im Mittel würden an Wochentagen im Moment aber zwischen 50 und 100 Personen getestet. Zu Schwankungen führe es beispielsweise, wenn in einem Pflegeheim ein Screening vorgenommen wird, erklärt Schwarz auf SÜDKURIER-Anfrage.

Das Ergebnis eines solchen Screenings veröffentlichte die Stadt Friedrichshafen erst vergangene Woche: zum Zeitpunkt der Tests waren alle Bewohner und Mitarbeiter des Altenpflegeheim Karl-Olga-Haus – rund 190 Personen – nicht infiziert.

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Das war der gesamte Landkreis auch schon – zumindest kurzzeitig und zumindest den Zahlen nach. Ende Mai waren kurzzeitig überhaupt keine akuten Infektionen mehr bekannt. Rasch war und ist bis heute bei den vom Landratsamt veröffentlichten Coronazahlen allerdings auch der Hinweis zu finden: „Das Gesundheitsamt geht davon aus, dass das Virus in der Bevölkerung zirkuliert und die Zahl der Virusträger im Landkreis deutlich höher ist, als die labordiagnostisch bestätigten Fälle.“ Erfasst sind schließlich nur Infektionen, zu denen es einen Befund gab. Und getestet wurde und wird zwar – allerdings nicht jeder, der das vielleicht selbst für erforderlich erachtet.

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Getestet wird, wessen Arzt das für sinnvoll erachtet

Die Entscheidung, ob ein Test sinnvoll sei beziehungsweise gemacht werden könne, treffe immer der Arzt oder der Mensch selbst, so Robert Schwarz. Medizinisch sei ein Test vor allem dann sinnvoll, wenn es Symptome, Kontakt zu infizierten Personen oder eine besondere individuelle Gefährdung gibt. Es gab Wochen, in denen nicht zum Abstrich gebeten wurde, wer jünger als 65 Jahre, nicht Risikopatient und nicht in Kontakt mit einem Infizierten stand.

Die Fieberambulanz in der Häfler Messe. (Archivbild)
Die Fieberambulanz in der Häfler Messe. (Archivbild) | Bild: Mona Lippisch

Anfang Mai wurde den Ärzten im Landkreis durchgegeben, dass fortan breiter getestet werden soll. „Seit mehreren Wochen schon kann tatsächlich auch jede Person getestet werden, bei der die medizinischen Fachleute dies für angezeigt halten“, so Schwarz. Wofür die Ressourcen ihm zufolge nicht ausreichen: ein breites Screening der Gesamtbevölkerung. „Fachlich wären solche Blindtestungen aber auch nicht sinnvoll.“

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Welcher Altersgruppe die bislang meisten Betroffenen im Bodenseekreis angehören

Anders als in manch anderem Landkreis blieben die allermeisten Infektionsfälle im Bodenseekreis in der Öffentlichkeit von Anfang an lediglich eine Zahl. Das Landratsamt verweist hierbei auf den Persönlichkeitsschutz der Betroffenen. Auch in einer Rückschau zwischendurch sollen Rückschlüsse auf Personen vermieden werden. In welchen Städten und Gemeinden jene 293 Menschen leben, die bis Mittwoch vergangener Woche positiv getestet worden waren, bleibt unter Verschluss. Aber: Im Bodenseekreis waren bislang etwas mehr Männer als Frauen betroffen, die meisten Betroffenen (77) sind in ihren Fünfzigern.

Bis 10. Juni waren 293 Infektionen im Bodenseekreis bekannt. So verteilen sich die bisherigen Fälle nach Behördenangaben auf die verschiedenen Altersgruppen:

In die Fieberambulanz in Friedrichshafen – jene in Überlingen wurde Ende April geschlossen – wurden in Hochzeiten an normalen Wochentagen um die 50 Menschen geschickt. Aktuell werden Schwarz zufolge noch etwa ein Dutzend täglich untersucht. Gut möglich, dass für einen Abstrich bald auch niemand mehr in die Messe fahren muss: „Aktuell erarbeitet die kassenärztlichen Vereinigung ein Netz an Schwerpunkt- und Notfallpraxen speziell für mögliche Corona-Patienten.“

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Was, wenn die Zahl der Neuinfektionen wieder stärker steigt?

Dass die Zahl der Corona-Patienten wieder steigt, ist nicht auszuschließen. Diese Befürchtung begleitet jede der inzwischen umfangreichen Lockerungen. „Als Katastrophenschutz- und Gesundheitsbehörde müssen wir uns bei unseren Vorbereitungen immer eher am negativen Ende des Möglichkeitenspektrums orientieren“, schickt Robert Schwarz seiner Antwort auf die Frage nach einer Einschätzung des Landratsamtes vorweg. „Deshalb müssen wir damit rechnen, dass mehr soziale Kontakte, mehr enges Beieinandersein im öffentlichen und privaten Raum und mehr Reiseverkehr auch dazu führen werden, dass das Virus wieder vermehrt übertragen wird.“ Sicher werde auch die Wiederaufnahme des Schulbetriebs spannend werden.

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Sollte es tatsächlich wieder mehr Neuinfektionen geben, kann das Landratsamt sofort reagieren, sagt Robert Schwarz. Systeme und Abläufe seien installiert. „Die Fallrecherche und das Kontaktpersonenmanagement des Gesundheitsamts ist an sieben Tagen in der Woche bereit, loszulegen.“ Auch umfangreichere Recherchen seien möglich, da das Gesundheitsamt auf eine Reserve von bis zu 50 Kollegen aus anderen Ämtern zurückgreifen könne. Binnen weniger Stunden sei es möglich, gemeinsam mit der jeweiligen Ortspolizeibehörde Eindämmungsmaßnahmen treffen, etwa Einrichtungen oder Lokale zu schließen.

Ein kritischer Wert löst sich automatisch ein schon definiertes Vorgehen aus

Was passiert, wenn im Bodenseekreis der Wert von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner überschritten werden sollte? Einen automatisierten Ablaufplan, der durch eine bestimmte Zahl ausgelöst wird, gibt es nach Auskunft von Robert Schwarz nicht. Man müsse immer die Umstände anschauen und darauf vor Ort reagieren. „Wir haben aber aus der Lockdown- und Alarm-Phase nun einen ganzen Werkzeugkasten zu Verfügung, um ein Ausbruchszenario schnell recherchieren, eingrenzen und darauf reagieren zu können. Auch stehen die medizinischen Kapazitäten und Abläufe bereit, um mit einer Mehrzahl an Erkrankungsfällen umgehen zu können.“

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Von Normalität kann auch im Landratsamt nur bedingt die Rede sein

Für den Moment und nach allen bekannten Zahlen nach scheint aber Ruhe eingekehrt zu sein. Macht sich das auch bei der Katastrophenschutzbehörde bemerkbar? „Ja und nein“, antwortet Robert Schwarz. Vieles zur Vorbereitung auf eine Infektionswelle sei längst erledigt und griffbereit, aktuell gebe es kaum neue Fälle und der Krisenstab müsse sich nicht mehr täglich treffen. „Auch das gesamte Landratsamt geht behutsam wieder Richtung Normalbetrieb zurück“, so Schwarz.

Andererseits sei „normal“ während und womöglich auch nach Corona in vielen Fällen etwas anderes als davor. „Das müssen wir bei allem bedenken, was mit Kundenkontakt zu tun hat. Außerdem kommen trotzdem fast täglich neue Infos und Impulse herein, die verarbeitet werden wollen.“ Das fange bei den „schier unzähligen“ Verordnungen und deren Änderungen an und reiche über das Konjunkturpaket des Bundes – bis hin zu neuen Infektionsfällen.