Anfang Oktober war die Angst vor einer Grippewelle während der Pandemie groß: Grippe-Infizierte könnten die Krankenhaus-Intensivbetten belegen, die für Corona-Infizierte vorgesehen waren und so das Gesundheitssystem weiter belasten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und das baden-württembergische Gesundheitsministerium riefen daher die Bevölkerung dazu auf, sich gegen Influenza impfen zu lassen.

Das rota A vor der Stadt-Apotheke in der Überlinger Münsterstraße. Die Erkältungssaison ist nahezu ausgefallen, so Inhaber Josef Fuchs.
Das rota A vor der Stadt-Apotheke in der Überlinger Münsterstraße. Die Erkältungssaison ist nahezu ausgefallen, so Inhaber Josef Fuchs. | Bild: Cian Hartung

Wie der SÜDKURIER damals berichtete, setzte der frühzeitige Startschuss für Grippeimpfungen die Apotheken und Hausärzte im Bodenseekreis gehörig unter Druck: Diese kamen bei der verfrühten und erhöhten Anzahl an Bestellungen kaum hinterher. Trotz 26 Millionen Grippeimpfdosen, die die Bundesregierung bestellt hatte, führte ein Lieferengpass bei Herstellern dazu, dass auch Apotheken und Kunden im Bodenseekreis lange auf ihre Bestellungen warten mussten.

Wochen später, als diese eintrudelten, war der Lockdown bereits verhängt worden. Die Menschen hatten ihre Kontakte eingeschränkt und eine Grippeansteckung erschien für viele unwahrscheinlich. Und die Apotheker? Die blieben auf ihren Grippeimpfdosen sitzen.

Apotheker berichtet von „extrem großem Druck“ der Bevölkerung

Matthias Maunz, Inhaber der Panda-Apotheke in Markdorf, berichtet, dass er aufgrund der damaligen Hektik zu viele Grippeimpfdosen bestellt habe. „Der Druck der Bevölkerung war extrem groß, da viele Menschen viel früher den Grippeimpfstoff haben wollten“, erinnert er sich. „Es entstand eine Panik, dass bei einer Grippe in Verbindung mit Corona das Virus tödlicher verlaufen kann.“

„Jetzt will kein Mensch mehr den Grippeimpfstoff haben und umtauschen kann ich ihn auch nicht“, sagt Matthias Maunz, Inhaber der Panda-Apotheke in Markdorf.
„Jetzt will kein Mensch mehr den Grippeimpfstoff haben und umtauschen kann ich ihn auch nicht“, sagt Matthias Maunz, Inhaber der Panda-Apotheke in Markdorf. | Bild: Jörg Büsche

Erst im Dezember seien die Dosen nachgeliefert worden. Aber zu dem Zeitpunkt war die Nachfrage aufgrund des Lockdowns bereits stark gefallen. Nun habe Maunz noch immer Grippeimpfstoff im Kühlschrank, erklärt er. „Jetzt will ihn aber kein Mensch mehr haben und umtauschen kann ich ihn auch nicht.“

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„Im Nachhinein“, sagt Maunz, „hätte der Appell zur Grippeimpfung vielleicht nicht politisch erfolgen sollen“. Die Regierung habe so früh für die Impfungen geworben, als diese noch nicht verfügbar war. „Das betrachte ich im Rückblick als problematisch.“

Zu viel versprochen bei zu wenig Grippeimpfstoff

Auch Nabil Nassar, Inhaber der Linden-Apotheke in Friedrichshafen, kritisiert den verfrühten Start der Grippesaison im Oktober. Er sagt: „Der Appell war damals überzogen. Es wurde zu viel versprochen, während noch gar nicht der notwendige Impfstoff verfügbar war.“

„Anfang Oktober und November war die Nachfrage sehr stark. Danach sank sie rapide ab“, sagt Nabil Nassar, Inhaber der Linden-Apotheke und der benachbarten Postfiliale in Friedrichshafen.
„Anfang Oktober und November war die Nachfrage sehr stark. Danach sank sie rapide ab“, sagt Nabil Nassar, Inhaber der Linden-Apotheke und der benachbarten Postfiliale in Friedrichshafen. | Bild: Lena Reiner

Für seinen Betrieb sei der frühe Andrang eine große Herausforderung gewesen. „Anfang Oktober und bis in den November hinein war die Nachfrage sehr stark. Danach sank sie rapide ab.“ Was er jetzt an Grippeimpfstoffen noch im Kühlschrank liegen habe, wolle aber keiner mehr haben, sagt er. Was er damit nun mache? „Das weiß ich auch noch nicht.“

Apotheken können Grippeimpfstoff auf Portal der Landesapothekenkammer anbieten

Seit Dezember habe die Nachfrage nach Grippeimpfstoffen rapide abgenommen, bestätigt auch Josef Fuchs, Inhaber der Überlinger Stadt-Apotheke. „Aus meiner Sicht hat in diesem Winter gar keine Grippesaison stattgefunden.“ Sicherlich liege das auch an den Kontaktbeschränkungen und dem Lockdown, sagt er.

„Aus meiner Sicht hat in diesem Winter gar keine Grippesaison stattgefunden“, so Josef Fuchs, Inhaber der Stadt-Apotheke in Überlingen.
„Aus meiner Sicht hat in diesem Winter gar keine Grippesaison stattgefunden“, so Josef Fuchs, Inhaber der Stadt-Apotheke in Überlingen. | Bild: Cian Hartung

Während in seiner Apotheke die Impfstoffe anfangs nicht zum Wunschtermin lieferbar waren, seien zuletzt viele Impfdosen übrig geblieben. Diese könnten Apotheker über ein Portal der Landesärztekammer anderen Branchenkollegen anbieten und so umverteilen, erklärt Apotheker Fuchs. „Das ist eine Möglichkeit, wie der Impfstoff noch genutzt werden kann.“

„Ich glaube zum heutigen Zeitpunkt, dass es richtig gelaufen ist“

Germar Büngener, Hausarzt aus Friedrichshafen und Vorsitzender der Kreisärzteschaft Bodensee, bestätigt, dass die Influenza in seiner Praxis in diesem Winter kein Thema gewesen sei. Zu Jens Spahns damaligem Impfaufruf sagt er aber: „Der Appell war nicht übertrieben und grundsätzlich sinnvoll. Zu dem Zeitpunkt war der zweite Lockdown noch nicht absehbar.“

„Der Appell war nicht übertrieben und grundsätzlich sinnvoll, weil zu dem Zeitpunkt der zweite Lockdown noch nicht absehbar war“, meint Germar Büngener, Vorsitzender der Kreisärzteschaft Bodensee und Hausarzt in Friedrichshafen.
„Der Appell war nicht übertrieben und grundsätzlich sinnvoll, weil zu dem Zeitpunkt der zweite Lockdown noch nicht absehbar war“, meint Germar Büngener, Vorsitzender der Kreisärzteschaft Bodensee und Hausarzt in Friedrichshafen. | Bild: Landesärztekammer Baden-Württemberg

Zwar seien die folgenden Umstände für Hausärzte und Apotheken aufgrund der hohen Nachfrage „unschön“ gewesen. „Aber ich glaube zum heutigen Zeitpunkt, dass es richtig gelaufen ist“, erklärt Germar Büngener.