Herr Dr. Büngener, danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Sie haben ja im Praxisalltag kaum Luft für ein Gespräch.

Ja, das ist wirklich enorm im Moment. Vielen Menschen geht es sehr schlecht. Dieses Sammelsurium, das jetzt in meiner Hausarztpraxis zusammenkommt, habe ich während meiner 30-jährigen Tätigkeit als niedergelassener Hausarzt nicht erlebt. Einige Patienten haben Angst aufgrund der Inflation und der steigenden Energiepreise ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können. Andere leiden unter den psychischen und körperlichen Folgen der Pandemie, zum Beispiel starkes Adipositas oder Ängsten, unter Menschen zu gehen. Hinzu kommen die Patienten mit Spätfolgen einer Corona-Infektion – und nicht selten kommt das eine zum anderen.

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Haben Sie viele Long-Covid-Patienten in der Praxis?

Ja, es gibt etliche Menschen, die noch Monate nach ihrer Infektion zu kämpfen haben und aktuell in die Hausarztpraxen kommen. Ich beobachte, dass die Infizierten mit einem sehr hohen Ct-Wert, also über 35, am stärksten unter einer intensiven Folgeerkrankung leiden. Das geht quer durch alle Altersgruppen. Die Symptome sind sehr unterschiedlich. Viele dieser Patienten sind sehr schnell erschöpft, nicht mehr so leistungsfähig wie früher. Häufig haben sie eine erhöhte Herzfrequenz, also einen erhöhten Ruhepuls. Einige leiden unter Erinnerungs- und Sprachfindungsschwierigkeiten, andere unter Hörproblemen. Wir sehen etliche organische Folgen, die eindeutig auf die Corona-Infektion zurückzuführen sind, wissen aber noch viel zu wenig darüber.

Wie therapieren Sie Long-Covid-Patienten?

Die geringere Belastbarkeit ist bei den meisten Patienten ein großes Thema. In seltenen Fällen geht das so weit, dass mehrwöchige stationäre Reha-Aufenthalte nötig werden. Das sind meist Menschen, die vorher gesund, nach Corona aber nicht mehr arbeitsfähig sind. Es geht ihnen körperlich und psychisch sehr schlecht. Beim Großteil versuchen wir aber erstmal die Belastung im Alltag zu herunterzuschrauben, Stichwort gesunde Work-Life-Balance. Wir therapieren ganzheitlich – konservativ und mit Naturheilverfahren.

Sie sprachen davon, dass viele Patienten psychisch unter den Pandemie-Folgen leiden.

Ja, Gesundheit ist ja immer von vielen Faktoren abhängig, also multifaktoriell. Im Moment löst eine Krise die nächste ab und diese Unsicherheit, die herrscht, ist absolut nicht gesundheitsfördernd. Das betrifft die Menschen sehr unterschiedlich. Da ist zum Beispiel die ältere Frau, die kaum mehr über die Runden kommt bei den Lebensmittelpreisen. Die einsam in ihrer Wohnung sitzt und kaum Sozialkontakte hat. Da sind diejenigen, die vorher schon sehr belastet waren und denen es immer schlechter geht. Da sind die Familien, die am Limit waren durch das Homeschooling und die Schließungen. Die zweiten Schulschließungen im Herbst 2020 waren rückblickend einer der größten Fehler der Pandemiepolitik. Sie haben definitiv mehr Schaden angerichtet als das sie genutzt hätten. Die Folgen sind deutlich sichtbar – und werden uns noch lange beschäftigen.

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Was hilft Menschen, wenn es ihnen schlecht geht?

Durch das Social Distancing haben viele Menschen verlernt, sich anderen zu öffnen. Dabei sind Sozialkontakte ein echtes Heilmittel. Menschen müssen sich verstanden fühlen, sich in den Arm nehmen, sie brauchen Nähe. Mit körperlicher Zuwendung haben viele im Moment noch Schwierigkeiten, schließlich war es zwei Jahre aufgrund der Infektionsgefahr tabu, sich körperlich näher zu kommen. Ich beobachte tatsächlich, dass einige Menschen eine Angst entwickelt haben, abgelehnt zu werden. Das Gegenüber könnte einen ja wegstoßen, also umarme ich es gar nicht bei der Begrüßung, sondern bleibe auf Distanz. Vieles muss erst wieder erlernt werden.

Also lieber jetzt wieder unter Menschen gehen statt nur auf die Infektionsgefahr zu achten?

Auf jeden Fall! Ich plädiere hier für einen vernünftigen Umgang mit dem Virus. Wir haben ja die Testmöglichkeiten – und die können wir nutzen. Also lieber häufiger testen und wenn einer positiv ist, bleibt er zuhause. Aber ansonsten: Raus ins Leben!