Unverständnis, Bedauern, Mitleid: Als Straftäter sehen SÜDKURIER-Leser den Rentner aus Eriskirch nicht. Er wurde vor Wochenfrist vom Amtsgericht Tettnang zu einer Geldstrafe von 300 Euro wegen Beleidigung verurteilt, weil er bei einer vermeintlichen Demonstration von Corona-Leugnern einer Polizistin gegenüber von „Volldeppen“ sprach. So meint Edilbert Froning aus Uhldingen-Mühlhofen, hier werde jemand „zum Straftäter gemacht“, nur er weil mit einer politisch nicht korrekten Ausdrucksweise „Verständnis für den schweren Dienst der Beamten zum Ausdruck bringt“.

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Dass der Mann mit schmaler Rente dafür 300 Euro büßen und die Verfahrenskosten tragen muss, geht auch Jochen Kirchhoff, Inhaber des Ferienwohnparks in Immenstaad, gegen den Strich. Er hat dem Eriskircher angeboten, seine Strafe zu erstatten und positioniert sich klar und deutlich: „Die Bezeichnung ‚Volldeppen‘ ist für die gegenwärtigen Kreuz-und-quer-Denker noch milde.“ Unter anderem wegen dieser „depperten Demonstranten“ breite sich das Virus weiter aus und zwinge die Regierung zum Lockdown der Tourismus-, Freizeit- und Gastrowirtschaft.“

„Die Bezeichnung ‚Volldeppen‘ ist für die gegenwärtigen Kreuz-und-quer-Denker noch milde.“Jochen Kirchhoff, Geschäftsführer der Ferienwohnpark Immenstaad GmbH
„Die Bezeichnung ‚Volldeppen‘ ist für die gegenwärtigen Kreuz-und-quer-Denker noch milde.“Jochen Kirchhoff, Geschäftsführer der Ferienwohnpark Immenstaad GmbH | Bild: Cuko, Katy

„Keiner von uns freut sich über die gegenwärtige Situation“, sagt Jochen Kirchhoff. Aber: „Es ist nun mal die verdammte gesellschaftliche Verpflichtung, hier solidarisch mit anzupacken“, so Kirchhoff erklärend, warum er die Strafe nicht auf den Schultern des Eriskirchers sitzen lassen will. „Wenn dann ein minikleiner asozialer Teil der Gesellschaft sich auf Grundrechte beruft und diesen Blödsinn auf Demonstrationen kundtut, fragt man sich schon, was in deren Köpfen vorgeht.“ Das habe rein gar nichts mit Querdenken zu tun, „sondern ist einfach nur ganz großer Unfug“.

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Mit so viel Zuspruch hat der Verurteilte, der so im Übrigen für die nächsten drei Jahre als vorbestraft gilt, nicht gerechnet. Es habe ihn aufgebaut, weil es Menschen gebe, „die noch an das Gute glauben und ein Urteil wie gegen mich als falsch ansehen“, schrieb er dankbar an Kirchhoff auf sein gut gemeintes Angebot hin, die Strafe zu übernehmen. Ein Angebot, das er jedoch ausgeschlagen hat. „Das würde dem Urteil ‚im Namen des Volkes“ widersprechen und meiner Einstellung zu Recht und Gesetz nicht gerecht werden“, erklärt der Rentner.

Rentner: „Nicht meine Art, Mitmenschen zu beleidigen“

Auch wenn er davon ausging, dass es sich um eine Demo der Corona-Leugner handelte, sei es „nicht meine Art, Mitmenschen zu beleidigen“, schreibt uns der Eriskircher im Nachgang zur Gerichtsverhandlung. Er sei in seiner Zeit als Gemeinderat oft genug beleidigt worden, wobei er sich auch im Partnerschafts- und Sportverein oder in der Jugendbetreuung über Jahrzehnte in den Dienst der Allgemeinheit gestellt habe, erzählt der 69-Jährige.

Für Jochen Kirchhoff war die Rückmeldung des Seniors auf sein Angebot „beeindruckend“. Er möchte die 300 Euro nun stattdessen spenden. Das Geld wird die Kinderstiftung Bodensee erhalten, haben beide Männer vereinbart.

Zeugen distanzieren sich vom Vorgehen

Kontakt zum Eriskircher suchten allerdings auch die Zeugen, die beim Gerichtstermin vor einer Woche nicht aussagen durften. Alle Drei distanzieren sich davon, wie das gelaufen ist. „Ich fühle mich missbraucht“, erklärt Franz Labitzke zum Vorgehen der Polizistin und der strafrechtlichen Verfolgung des Rentners. Und auch Lena Reiner hat kein Verständnis dafür: „Wir finden ‚Volldeppen‘ eigentlich harmlos. Das ist kein Begriff, der uns trifft, und haben uns schon ganz andere Sachen anhören müssen“, sagt sie.

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Frank Labitzke und Lena Reiner vom Häfler „Bündnis für Vielfalt“ traten am 24. Mai als Veranstalter der Demonstration am „Tag des Grundgesetzes“ auf. Wohl aus diesem Grund kam die Polizistin auf sie zu und erklärte, dass sie ein Mann als „Volldeppen“ bezeichnet habe. „Sie hat uns erklärt, dass sie das ohnehin anzeigen müsse, weil es eine Straftat sei, und fragte uns, ob wir das nicht auch anzeigen wollen“, so Frank Labitzke, der – wie Lena Reiner – außer Hörweite stand und „diesen Aufriss“ eigentlich nicht wollte.

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Das Kuriose an der Situation: Beide unterschrieben letztlich die Anzeige, weil sie ebenfalls davon ausgingen, dass die Polizistin von einem Corona-Leugner sprach – die vermutlich selbst dieser Meinung war. Mit „diesen Leuten“ hätten sie an jenem Tag mehrmals darüber diskutieren müssen, warum sie mit Abstand und Maske für die Grundrechte eintreten, erinnert sich Lena Reiner noch sehr genau. Dass die Anzeige dann einem Rentner galt, der sich wie sie gegen die Querdenker positionieren wollte, finden beide nur noch grotesk.

„Wir hätten nur aussagen können, was die Polizistin uns gegenüber gesagt hat. Und wir hätten den Mann gern entlastet.Frank Labitzke, Sprecher des „Bündnis für Vielfalt“ in Friedrichshafen
„Wir hätten nur aussagen können, was die Polizistin uns gegenüber gesagt hat. Und wir hätten den Mann gern entlastet.Frank Labitzke, Sprecher des „Bündnis für Vielfalt“ in Friedrichshafen | Bild: SK

„Ich ärgere mich wirklich darüber“, erklärt Frank Labitzke als Sprecher vom „Bündnis für Vielfalt“. Wenn ihn jemand direkt als Volldeppen titulieren würde, halte er sowas aus und habe eher das Bedürfnis, mit diesem Menschen zu reden. Mit dem Rentner aus Eriskirch „wäre das in drei Sätzen aus der Welt geschafft“, so Labitzke.

Frank Labitzke: „Mir tut das alles unendlich leid“

Regelrecht absurd sei allerdings, dass sie dann als Zeugen vom Gericht geladen, aber nicht gehört wurden. „Wir hätten nur aussagen können, was die Polizistin uns gegenüber gesagt hat. Und wir hätten den Mann gern entlastet.“ Sie seien außerdem „nur froh“, dass sie nicht auch noch Verdienstausfall oder Fahrkosten bei Gericht geltend gemacht hätten, weil die der Rentner im Rahmen der Verfahrenskosten hätte auch noch tragen müssen.

„Mir tut das alles unendlich leid“, entschuldigt sich Frank Labitzke bei dem Rentner nun auch in aller Öffentlichkeit. Schriftlich hätten ihm die drei „Zeugen“ das bereits persönlich mitgeteilt.