In seiner Urteilsbegründung sprach der sensibel agierende Vorsitzende Richter der 2. Strafkammer, Christian Roch, von einer tragisch-toxischen Beziehung, die das Ehepaar über viele Jahre führte: Obwohl das spätere Opfer und der Angeklagte bereits getrennt waren, trafen sie an jenem 8. März 2020 in einem Hotel auf der Lindauer Insel aufeinander. Sie hatten zwei getrennte Zimmer angemietet, der Mann wollte am nächsten Tag in Lindau eine neue Arbeit aufnehmen.

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Im Laufe des Abends kam es laut Anklageschrift zu einem wohl zunächst verbalen Streit zwischen dem Paar. Die Frau soll ihrem Mann zum wiederholten Male vorgeworfen haben, außereheliche Kontakte und Beziehungen zu haben. Der 37-Jährige, der zu diesem Zeitpunkt bereits unter erheblichem Alkoholeinfluss stand, wollte das Zimmer verlassen.

Kurz vor der Tür sah er ein großes Messer liegen, stach seiner Frau damit in die Innenseite des Oberschenkels und durchtrennte dabei eine Arterie, hieß es vor Gericht zur Tat. Die Frau blutete stark und verlor das Bewusstsein. Der Mann setzte einen Notruf ab und blieb vor Ort. Seine Frau starb jedoch aufgrund des hohen Blutverlustes kurze Zeit später im Lindauer Krankenhaus. Der Mann wurde festgenommen und eine Blutprobe ergab nur wenige Stunden nach der Tat eine Blutalkoholkonzentration von 1,9 Promille im Mittelwert. Die Tat gestand der Mann, das Kemptener Landgericht verurteilte ihn daraufhin zu acht Jahren Haft.

Bundesgerichtshof hebt Urteil auf

Dinah Bauer, die Verteidigerin des Angeklagten, hatte nach dem Urteil, das im Oktober 2020 gesprochen worden war, Revision eingereicht, um prüfen zu lassen, ob der verurteilte Mann in einer Entziehungsanstalt besser untergebracht sein könnte. Das Urteil wurde vom Bundesgerichtshof aufgehoben. Der Schuldspruch blieb dadurch zwar rechtskräftig, aber die 2. Strafkammer musste nun die Strafbemessung neu beurteilen.

Dazu wurde von der Kammer ein Sachverständigengutachten in Auftrag gegeben. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Susanne Lausch, kam nach Gesprächen mit dem Angeklagten und Akteneinsicht zu dem Schluss: „Er konsumierte seit seinem 20. Lebensjahr regelmäßig Alkohol in größeren Mengen. Er hat zwar meiner Ansicht nach keine Persönlichkeitsstörung, es gab aber ein aktives Konfliktmanagement in seiner Ehe“, so Lausch. Zum Tatzeitpunkt dürfte der Angeklagte etwa 2,5 Promille gehabt haben, was einem schweren Rauschzustand gleichkommt, so Lausch weiter. Die Gutachterin bescheinigte dem Mann zum Zeitpunkt der Tat aber eine verminderte Steuerungsfähigkeit.

„Wir waren immer auch für dich da. Jetzt haben die Kinder keine Mutter und keinen Vater mehr, sondern nur noch uns Großeltern.“
Mutter der Getöteten zum Angeklagten

Der zweifache Familienvater sprach im Revisionsprozess sein tiefes Bedauern über die Tat aus und wandte sich an die Eltern seiner getöteten Ehefrau, die als Nebenkläger auftraten. Die Mutter der getöteten Frau erklärte unter Tränen: „Wir waren immer auch für dich da. Jetzt haben die Kinder keine Mutter und keinen Vater mehr, sondern nur noch uns Großeltern.“

Der 37-Jähre wurde im Revisionsprozess wegen Totschlags an seiner Ehefrau zu fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Außerdem wird der laut Gutachten schwer alkoholkranke Mann in eine Entziehungsanstalt eingewiesen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.