Neulich haben sie wieder Bierpong gespielt. „Man hat einen Bierpong-Tisch, auf dem zehn Becher im Dreieck aufgestellt werden und muss mit einem Ball in die Becher, die halb mit Bier gefüllt sind, treffen. Das Team, das zuerst zehn Becher getroffen hat, gewinnt. Wird der eigene Becher getroffen, muss man leer exen“, erklärt Studierendensprecher Lukas Heim.

„Ich habe das Gefühl, man hat uns irgendwie vergessen.“
Lukas Heim

Ein klassisches Trinkspiel für WG-Partys also. Jetzt gibt es das nur virtuell – veranstaltet von der Studierendenvertretung. „Zu Beginn hatten wir bei solchen Online-Events noch viele Anmeldungen, aber so langsam ist die Luft raus“, sagt Heim, „viele sitzen doch ohnehin den ganzen Tag vor dem Rechner.“ Nach 14 Monaten im Lockdown fehle den jungen Menschen einfach die Perspektive. „Ich habe das Gefühl, man hat uns irgendwie vergessen.“

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Stresslevel ist bei Studierenden besonders hoch

Mangelnde Perspektive, Isolation, wenig Möglichkeiten, die eigene Zukunft zu planen: Studierende sind während der Pandemie stark belastet. Das zeigt auch eine Studie der AOK Baden-Württemberg: 55,9 Prozent der Studierenden gab eine starke Belastung an – und damit mehr als bei Selbstständigen, Arbeitnehmern oder Rentnern. Nach Beschäftigungsgruppen unterteilt, zeigten lediglich „Nichterwerbspersonen“ einen noch höheren Stresslevel (72,7 Prozent), heißt es in der Studie.

Leerer Campus: das Sommersemester findet nur online statt.
Leerer Campus: das Sommersemester findet nur online statt. | Bild: DHBW Ravensburg

„Studierende verlassen ein stark strukturiertes Umfeld aus Familie und Schule und haben jetzt kaum Möglichkeiten, durch soziale Vernetzung wieder Orientierung und Kontrolle zu erlangen“, erklärt AOK-Psychologin Sandra Goal. Junge Menschen, die umgezogen seien, könnten in ihrer Umgebung keine Kontakte knüpfen, solche, die bei ihren Eltern blieben, ebenfalls keine neue Routine entwickeln. Antriebslosigkeit passe zu diesem Befund: „Die wissen ja nicht, in welche Richtung.“

Jonas Wallendorf ist stellvertretender Studierendensprecher der DHBW Ravensburg – und studiert Wirtschaftsinformatik. Vorlesungen gibt es seit März 2020 in seinem Fach nur online.
Jonas Wallendorf ist stellvertretender Studierendensprecher der DHBW Ravensburg – und studiert Wirtschaftsinformatik. Vorlesungen gibt es seit März 2020 in seinem Fach nur online. | Bild: Wienrich, Sabine

Monatelang allein im Wohnheim

Das kann auch Jonas Wallendorf, stellvertretender Studiensprecher der DHBW Ravensburg, in Teilen bestätigen. „In manchen Fächern, beispielsweise in der Wirtschaftsinformatik, gab es seit März 2020 keine Präsenzveranstaltungen mehr. Manche Zweitsemester waren noch nie in einem Hörsaal. Sie kennen ihre Kommilitonen nicht. Teilweise sind sie gar nicht erst von zuhause ausgezogen.“ Er selbst lebt im Wohnheim in Ravensburg.

„Man vereinsamt schon ein bisschen.“
Jonas Wallendorf

„Ich war monatelang alleine im Wohnheim“, sagt Wallendorf, „man vereinsamt schon ein bisschen. Die ganze Situation hat sich nicht gerade positiv auf mein Gemüt ausgewirkt.“ Für Studierende an dualen Hochschulen sei es allerdings ein Vorteil, dass sie ja auch noch im Betrieb arbeiten. Zwar seien auch hier viele im Homeoffice, doch manche erlebten in ihren Betrieben etwas Normalität und haben Sozialkontakte. „Während beispielsweise Unistudenten ihre Nebenjobs verloren haben, kommen die meisten an der DHBW ganz gut über die Runden“, sagt Wallendorf, „aber es gibt natürlich auch DHBW-Studierende, die in der Eventbranche oder im Tourismus arbeiten, die doch auch hart getroffen sind.“

Studiensprecher Lukas Heim lebt in einer WG im Friedrichshafener Wohnheim.
Studiensprecher Lukas Heim lebt in einer WG im Friedrichshafener Wohnheim. | Bild: Wienrich, Sabine

Hat die Politik die Studierenden vergessen?

„Ja!“ – die Antwort von Lukas Heim kommt wie aus der Pistole geschossen. Auch Jonas Wallendorf stimmt zu: „Man fühlt sich als Studierende wirklich im Moment überhaupt nicht beachtet.“ Heim ergänzt: „Es wird viel über Kinder und Schüler gesprochen, aber wir Studierenden kommen in der Debatte eigentlich kaum vor.“ Er wünscht sich vor allem eins: eine Rückkehr zur Normalität. „In den Betrieben und Schulen funktioniert es mit Tests und Kontaktnachverfolgungen doch auch“, sagt Heim, „man könnte auch an den Hochschulen viel mehr möglich machen als einfach nur zu schließen, beispielsweise Projektgruppen oder Lerngruppen zuzulassen.“ Anders als Arbeitnehmer oder Schüler hätten Studierende keinerlei Möglichkeit, an Präsenzveranstaltungen teilzunehmen – denn es gebe sie schlicht weg nicht. Lediglich Klausuren finden in Präsenz statt.

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Fakt ist: Während für Gastronomie, Tourismus und den Freizeitbereich bereits Anfang Mai Öffnungsstrategien vom Land verkündet wurden, stehen die Bildungsbereiche bislang außen vor. So wird aktuell beispielsweise ein Modellprojekt für die Eröffnung des Europaparks in Rust geplant, für Hochschulen sucht man solche Projekte jedoch vergeblich.

Neue Corona-Verordnung lässt mehr Präsenz an Hochschulen zu

Doch das soll sich mit der neuen Corona-Verordnung, die am Freitag, 14. Mai, in Kraft tritt, ändern. „Wir werden – orientiert an der generellen Öffnungsstrategie des Landes – über die bisher schon möglichen notwendigen Präsenz-Formate hinaus inzidenzabhängig weitere Präsenzveranstaltungen im Sommersemester ermöglichen können“, erklärt Denis Burgert, Sprecherin des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer betont: „Unser Ziel ist es, bei weiter stabil rückläufigen Inzidenz-Werten bereits im Sommersemester schrittweise noch mehr Präsenz zu ermöglichen. Und natürlich hoffen wir alle, dass die Hochschulen dann im Wintersemester 2021/2022 wieder Lehrveranstaltungen grundsätzlich in Präsenz planen können.“

Und wann werden Studierende geimpft?

„Man spricht aktuell viel darüber, dass Geimpfte Privilegien bekommen – aber wir Studierenden scheitern doch oft schon an der Hausarztsuche an den Studienorten“, sagt Wallendorf. Viele Studierenden würden erleben, wie das Leben nun an ihnen vorbeizieht – und die tröstenden Worte der Politik seien gut gemeint, aber nicht hilfreich. „Wir fänden Impfmobile an den Hochschulen auf jeden Fall wünschenswert“, sagt der künftige Wirtschaftsinformatiker, „einfach ein schnelles, pragmatisches Vorgehen, sodass alle schnell ein Angebot haben.“ Wallendorf schätzt die Impfbereitschaft bei Studierenden sehr hoch ein.

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