Über Monate hinweg Strom vom Nachbargrundstück entnommen und für die eigene Autowerkstatt verwendet: Für dieses Delikt – Entziehung von elektrischer Energie – sowie Hausfriedensbruch wurde ein 38-jähriger Mann aus dem westlichen Bodenseekreis am Amtsgericht Überlingen zu einem Bußgeld in Höhe von 1200 Euro verurteilt.

Der Angeklagte, ein gelernter Maler und Lackierer, hat nach Urteil des Amtsgerichts eine Stromleitung vom Grundstück eines großen Gasthofs zu seiner angemieteten Scheune auf sein Grundstück gelegt. Den Strom nutzte er dort nach eigenen Angaben für Arbeiten am eigenen Auto. Dabei entstanden Stromkosten in Höhe von rund 560 Euro.

Auf der Suche nach dem angezapften Stromverteiler

Seit 2013 hatte der Angeklagte eine Scheune in seiner Stadt gemietet, um dort seine Autos abzustellen und an diesen zu basteln. Bei der Anmietung hatte er nach Angaben vor Gericht mit dem Eigentümer und Vermieter eine mündliche Abmachung getroffen. Diese besagte, er dürfe den in der Scheune verfügbare Strom nutzen. Im Mietvertrag war diese Vereinbarung allerdings nicht schriftlich festgehalten worden.

Ab 2016 vermietete dieser das Nachbargrundstück des Angeklagten an das Landratsamt Bodenseekreis. Das Landratsamt plante, das Gebäude zu einer Asylunterkunft umzubauen. Ab Ende 2018 meldete der zuständige Hausmeister des Landratsamts, der die Instandhaltung des Hauses überprüfte, einen hohen Stromverbrauch auf dem Grundstück.

Der Saal 108 von innen: Aufgrund von Corona wird auch hier in regelmäßigen Abständen die Verhandlung unterbrochen und gelüftet.
Der Saal 108 von innen: Aufgrund von Corona wird auch hier in regelmäßigen Abständen die Verhandlung unterbrochen und gelüftet. | Bild: Hilser, Stefan

Auf der Suche nach der Ursache ließ er Heizung, Wasser und Beleuchtung im Gebäude weitgehend abschalten. Doch die Kosten blieben, wie der Hausmeister vor dem Amtsgericht aussagte. Eher zufällig entdeckte er ein Gebäude, in dem früher eine Wäscherei betrieben wurde, die auch zum Grundstück gehörte. Dort war ein Stromverteiler angezapft worden.

Eigentümer erscheint nicht vor Gericht

Das Landratsamt Bodenseekreis erstattete Anzeige. Die folgenden Polizeiermittlungen ergaben, dass vom Stromverteiler in der alten Wäscherei des Gasthofs eine „laienhafte Leitung“, wie es ein Vertreter der ermittelnden Polizeikommission im Amtsgericht formulierte, zur Scheune des Angeklagten lief. Laut Aussagen des Hausmeisters und des Polizeibeamten muss der Angeklagte für das Verlegen einer Stromleitung ein schwer zugängliches Nebengebäude des Gasthofs mittels einer Leiter betreten haben. Der Angeklagte hätte sich nach Aussage des Hausmeisters bei der Verlegung bei voller Stromspannung in Lebensgefahr begeben. Auch einen Kurzschluss und eine mögliche Brandentstehung hätte er damit in Kauf genommen.

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Dass er Strom vom Nachbargrundstück genutzt hatte, bestritt der Angeklagte im Gericht zwar nicht. Doch er sagte, diese Leitung nicht selbst gelegt zu haben. Sie sei bereits vorhanden gewesen, als er die Scheune 2013 angemietet hatte. Der Eigentümer konnte dazu nichts aussagen, da er am Verhandlungstag krankgeschrieben war. Er hatte sich aber bereits bei den Polizeiermittlungen nach der Anzeige des Landratsamts dazu geäußert.

Verteidigung kritisiert: „Urteil baut auf Vermutungen auf“

Vor allem die Abwesenheit des Eigentürmers kritisierte die Verteidigerin des Angeklagten vor der Urteilsverkündung. Auch hätte niemand den Angeklagten dabei gesehen, wie er das Kabel verlegt hätte, beklagte sie. „Dieses Urteil baut nur auf Vermutungen auf“, so die Verteidigerin.

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Richter Alexander von Kennel dagegen sprach nach rund zweistündiger Verhandlung von einer „eindeutigen Beweislage.“ Er bot dem Angeklagten an, den Einspruch zur Anzeige zurückzunehmen. Ein Einspruch hätte für ihn ein geringeres Bußgeld bedeutet. Doch der Angeklagte tat dies nicht. Er muss neben Prozesskosten und Bußgeld auch die Kosten, die durch die Delikte entstanden sind, in Form eines Wertersatzes an das Landratsamt zurückzahlen.