Winfried Kretschmann sparte bei seiner Rede auf dem Obsthof von Hubert Bernhard nicht mit Superlativen: „Heute sind wir an einem Pioniertag“, sagte der Ministerpräsident. Diese Tage seien prägend für Lebensläufe – und solch einer finde heute statt. Ob dieser Freitag der 13., an dem in Kressbronn eine Solaranlage eingeweiht wurde, die Region tatsächlich verändern wird – das wird sich in kommenden Jahren zeigen.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann sieht in der Agri-Photovoltaik eine „riesige Chance“, wie er bei seiner Rede betonte.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann sieht in der Agri-Photovoltaik eine „riesige Chance“, wie er bei seiner Rede betonte. | Bild: Benjamin Schmidt

Derzeit Strom für 65 Haushalte

Klar ist schon jetzt: Seit Kurzem ersetzen Solarpanels auf 0,4 Hektar Fläche die sonst üblichen Hagelschutznetze auf Bauer Bernhards Hof. Der Fachbegriff hierfür lautet Agri-Fotovoltaik. Energieerzeugung und Landwirtschaft sollen also Hand in Hand gehen. Über Apfelbäumen wurden die Zellen angebracht – und sie liefern bereits Strom für 65 Haushalte. Das Ganze ist Teil eines Forschungsprojekts, das Land Baden-Württemberg mit 2,5 Millionen Euro fördert. An fünf Standorten, darunter Kressbronn und Ravensburg, werden in den kommenden Jahren solche Anlagen erprobt.

Die Grundidee scheint so einfach wie sinnvoll. Statt Netzen schützen Solarpanels Obstbäume vor Hagel, extremer Hitze und auch Kälte. Der Clou: Die Anlagen sind lichtdurchlässig – und lassen damit noch genug Licht für die darunter liegenden Pflanzen durch.

So sieht sie aus, die Agri-Photovoltaik-Anlage. Geht alles gut, könnte das Modell Schule machen – und nachhaltigen Strom für ...
So sieht sie aus, die Agri-Photovoltaik-Anlage. Geht alles gut, könnte das Modell Schule machen – und nachhaltigen Strom für tausende Haushalte in der Bodenseeregion liefern. | Bild: Benjamin Schmidt

Bauer Hubert Bernhard berichtet: „Wir testen Panels mit unterschiedlicher Lichtdurchlässigkeit.“ Denn je mehr Licht die Zellen aufnehmen können, desto mehr Strom produzieren sie auch. Wie viel Licht die darunter liegenden Pflanzen brauchen, um gut wachsen zu können, soll unter anderem herausgefunden werden. In Kressbronn werden daher zwei unterschiedlich durchlässige Anlagen getestet.

Produzent und Abnehmer: Obstbauer Hubert Bernhard liefert seinen Strom an das Regionalwerk Bodensee. Rechts auf dem Bild ist dessen ...
Produzent und Abnehmer: Obstbauer Hubert Bernhard liefert seinen Strom an das Regionalwerk Bodensee. Rechts auf dem Bild ist dessen Geschäftsführer Michael Hofmann zu sehen. | Bild: Benjamin Schmidt

Abnehmer der in Kressbronn erzeugten Energie ist das Regionalwerk Bodensee mit Sitz in Tettnang. Deren Geschäftsführer Michael Hofmann sagt: „Wir versorgen derzeit etwa 35.000 Haushalte, sprich gut 60.000 Bürger.“ Mit den 1000 Hektar Obstfläche, die im Gebiet des Versorgers unter Netzen liegen, könnte das Regionalwerk seinen gesamten Energiebedarf decken, so Hofmann. Derzeit bezieht der Betrieb seinen Strom am freien Markt, genauso wie das Stadtwerk am Bodensee.

Nach Informationen des Kompetenzzentrums Obstbau in Ravensburg liegen etwa 5000 Hektar Obstbaufläche unter Netzen entlang des Sees. Folgt man der Kalkulation des Regionalwerks, wonach mit 1000 Hektar 35.000 Haushalte versorgt werden können, so würde dies bedeuten: In Summe könnten 175.000 Haushalte am Bodensee lokal erzeugte Energie beziehen. Weitere 2000 Hektar liegen zudem noch nicht unter Netzen – und könnten auch noch genutzt werden.

Etwa 5000 Hektar Fläche liegen in der Bodenseeregion unter Hagelschutznetzen. Diese könnten in Zukunft durch Solarpanels ersetzt und zur ...
Etwa 5000 Hektar Fläche liegen in der Bodenseeregion unter Hagelschutznetzen. Diese könnten in Zukunft durch Solarpanels ersetzt und zur Stromerzeugung genutzt werden. | Bild: Benjamin Schmidt

Ökonomisch könnte sich die Sache auch für Landwirte rechnen. Obstbauer Bernhard hat gut 200.000 Euro aus eigener Tasche für das Projekt beigesteuert, weitere 200.000 Euro erhielt er durch Förderung, wie er sagt. Etwa 35.000 Euro kann durch die Stromeinspeisung jährlich verdienen – abhängig von den Preisen für Energie. Sinken zudem noch die Kosten für die Panels, wäre der Solarstrom für Landwirte ein willkommenes Zusatzeinkommen.

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Daher sieht Ministerpräsident Kretschmann auch keine Notwendigkeit, dass das Land künftig derartige Anlagen finanziell fördert. „Der Strom soll ja ein zusätzliches Einkommen sichern“, so Kretschmann. „Der Witz ist ja, dass man damit Geld verdienen kann.“

Obstbauer Hubert Bernhard erläutert, wie die Anlage funktioniert. Von links: Hubert Bernhard, Andreas Bett vom Fraunhofer-Institut, der ...
Obstbauer Hubert Bernhard erläutert, wie die Anlage funktioniert. Von links: Hubert Bernhard, Andreas Bett vom Fraunhofer-Institut, der Landtagsabgeordnete Martin Hahn (Grüne), Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der Tübinger Regierungspräsident Klaus Tappeser (CDU). | Bild: Benjamin Schmidt

Was fehlt, ist neben ausreichend Erfahrung mit den neuartigen Anlagen allerdings noch die Infrastruktur – vor allem Speichermöglichkeiten für den nachhaltigen Strom. Regionalwerk-Chef Hofmann setzt hier einerseits auf Speichermöglichkeiten in privaten Haushalten, etwa durch E-Autos. „Hinzu könnten noch zentrale Speicher kommen.“ Mit Blick auf die kommenden Jahre sagt Hofmann: „Wir werden nach und nach die Kapazitäten ausbauen.

Sebastian Dix, Sprecher des Stadtwerks am See.
Sebastian Dix, Sprecher des Stadtwerks am See. | Bild: holldesign

Plant das Stadtwerk am See ähnliche Angebote? Sprecher Sebastian Dix schreibt auf Anfrage: „Wir beschäftigen uns bereits mit Freiflächen-PV-Anlagen, haben allerdings mangels Kapazitäten und geeigneter Flächenangebote noch keine konkreten Projekte.“ Zudem verweist Dix auf hohen Aufwand von Freiflächen-Anlagen, etwa in Sachen Erschließung oder Baugenehmigung. Tatsächlich startete auch das Projekt in Kressbronn verspätet.

Lieferketten könnten Probleme machen

Eine weitere Hürde könnte zudem die Beschaffung ausreichender Panels darstellen. Teile der Anlage, die im Kompetenzzentrum Obstbau in Ravensburg getestet werden soll, lagen bis vor Kurzem noch im Hafen in Rotterdam und befinden sich derzeit in Belgien. Hintergrund sind global gestörte Lieferketten – die Teile kommen aus China.

Dass die notwendige Technologie auch wieder in Deutschland produziert werden sollte, betont daher auch Professor Andreas Bett vom Fraunhofer-Institut, das die Tests der Agri-Fotovoltaik-Anlagen begleitet. „Das Problem wurde bereits von der Bundesregierung erkannt“, so der Experte. Er glaubt daher, dass die Abhängigkeit von China in Zukunft abgebaut werden kann.

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