Maike Stork

Heute noch leidet Thorsten Gaißer aus Tettnang an einer irreparablen Störung. Der Grund: Seine Mutter trank Alkohol, während sie mit ihm schwanger war. Mit seiner Geschichte ist der heute 25–Jährige nicht allein. Deshalb wollen Vertreterinnen des Landratsamtes mit einer Kampagne nun mehr Menschen für dieses Thema sensibilisieren.

Thorsten Gaißer hat FASD – die sogenannte Fetale Alkoholspektrumstörung. „Etwa 10.000 Kinder werden in Deutschland jährlich mit Schädigungen aller Art geboren, die auf den Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zurückzuführen sind“, erklärt Jugendamtsleiterin Simone Schilling. Dazu gehören körperliche Fehlbildungen, Organschäden oder geistige Behinderungen. Oft komme gar nicht ans Licht, dass der Grund für die Schäden der Alkohol war, merkt Schilling an. Deshalb gebe es vermutlich eine hohe Dunkelziffer an weiteren Betroffenen.

Von oben links nach unten rechts: Koordinatorin Netzwerk Mobile Lucia Beckesch, Landrat Lothar Wölfle, Suchtbeauftragte Corinna Brändle, ...
Von oben links nach unten rechts: Koordinatorin Netzwerk Mobile Lucia Beckesch, Landrat Lothar Wölfle, Suchtbeauftragte Corinna Brändle, Jugendamtsleiterin Simone Schilling, Thorsten Gaißer (Betroffener) und Meinrad Gaißer (Pflegevater) waren bei dem Gespräch über Alkohol in der Schwangerschaft dabei. Sie halten das Plakat der neuen Kampagne „Time Out – Eine Auszeit für mein Baby“ in den Händen. | Bild: Maike Stork

„Ach komm, ein Gläschen geht doch!“ Ein Satz, den sicherlich schon viele Menschen gehört haben – vielleicht sogar in der Schwangerschaft. Suchtbeauftragte Corinna Brändle warnt eindringlich: „Auch nur ein Schluck Wein zur falschen Zeit kann schon zu Behinderungen führen.“

„Alkohol ist ein Gift, das die Zellen irreparabel zerstört“, ergänzt Netzwerkkoordinatorin Lucia Beckesch. Deshalb seien Spirituosen während der Schwangerschaft potenziell sogar gefährlicher als beispielsweise Heroin, das die Zellen „nur“ schädigt, aber nicht zwangsläufig zerstört. Dennoch sei sowohl das Eine noch das Andere extrem schlecht für Babys, betont Beckesch.

Lucia Beckesch (rechts) und Corinna Brändle (links) haben die Kampagne gegen Alkoholkonsum in der Schwangerschaft auf den Weg gebracht. ...
Lucia Beckesch (rechts) und Corinna Brändle (links) haben die Kampagne gegen Alkoholkonsum in der Schwangerschaft auf den Weg gebracht. Ihr Ziel ist es, dass in Zukunft weniger Babys mit vermeidbaren Beeinträchtigungen zur Welt kommen. | Bild: Maike Stork

Kalter Entzug mit vier Wochen

Zum Termin hat Thorsten Gaißer seinen Pflegevater mitgebracht, bei dem er lebt, seitdem er vier Wochen alt ist. „Er war in einer lebensbedrohlichen Situation, als er zu uns kam“, erzählt Meinrad Gaißer. Stark unterernährt, zitternd, gierig nach Nahrung. „Erst später wurde uns klar, dass das ein kalter Entzug war, den er damals durchgemacht hat“, so der Pflegevater. Die Situation sei für die Familie sehr herausfordernd gewesen. Später sei bei seinem Sohn dann eine atypische Form des Autismus festgestellt worden, erklärt er. Schuld war der Alkohol. Heute arbeitet Thorsten Gaißer bei der Stiftung Liebenau und verpackt Pferdefutter und Bierflaschen. „Ich bin zufrieden, so wie es ist“, sagt er. Gedanken über das Handeln seiner leiblichen Mutter mache er sich kaum.

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Thorsten Gaißer hatte Glück im Unglück. Allein leben kann er zwar nicht – aber er kann gehen, sprechen, arbeiten. Andere Betroffene kommen mit schweren körperlichen oder geistigen Behinderungen zur Welt, sagt Corinna Brändle. Dabei könne man diese Schäden so leicht vermeiden, betont Landrat Lothar Wölfle. „Indem man schlicht und einfach nicht trinkt.“ Wie groß die Problematik tatsächlich ist, weiß Simone Schilling: „Frauenärzte gehen davon aus, dass 80 Prozent der Frauen in der Schwangerschaft Alkohol trinken“ – sei es in geringen oder großen Mengen.

Unsere Recherche in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Frauenärzte ergab eine geringere Zahl. Laut einer Studie mehrerer frauenärztlicher Praxen tranken im Jahr 2001 etwa 58 Prozent der werdenden Mütter Alkohol – meist jedoch weniger als einmal im Monat. Auch müsse man beachten, dass Frauen zu Beginn ihrer Schwangerschaft oft noch nicht einmal wissen, dass sie schwanger sind, sagt eine Sprecherin des Berufsverbandes der Frauenärzte. Diese Zahlen werden in den Studien aber trotzdem erfasst.

Kampagne soll Zahl der Betroffenen senken

Time Out heißt die Kampagne des Landratsamt Bodenseekreis, die am 25. November 2022 startete. Schilling: „Damit wollen wir die Zahl der an FASD erkrankten Kinder erheblich reduzieren.“ Alkohol in der Schwangerschaft sei ein absolutes Tabu-Thema, meint die Jugendamtsleiterin. Umso wichtiger sei es aber, öffentlich über die damit verbundenen Risiken aufzuklären.

Geplant sind zahlreiche Präventiv-Maßnahmen in Zusammenarbeit mit Kliniken, Suchtberatungen, Familientreffs, Schulen oder Gynäkologen. Schon heute stehen werdenden Müttern viele Aufklärungsmaterialien bereit – darunter Filme, Postkarten, Broschüren – informiert Corinna Brändle. „Wir wollen überall dort ins Gespräch gehen, wo schwangere Frauen sind.“ Weitere Infos zum Thema sind auf der eigens für die Kampagne eingerichteten Internetseite des Landratsamts zu finden.