Alle zwei Wochen fährt Monika Kloka nach Überlingen. Hier wohnt eine fast 100-jährige Frau, die sie seit 15 Jahren betreut. Nicht als Sozial- oder Pflegedienst, sondern als rechtliche Vertreterin. Denn die alte Dame, eine gebürtige Freifrau mit einem sehr bewegten Leben, kann sich ums Finanzielle und ihre Arzttermine nicht mehr kümmern. „Sie hat damals selbst entschieden, dass sie die Betreuung braucht“, erzählt Monika Kloka. Ins Altersheim wolle die Frau, die nach dem Tod ihres Mannes und beider Kinder allein lebt und „im Kopf topfit ist“, partout nicht.

Betreuerin Monika Kloka hat als Vereinsbetreuerin bis zu 80 Klienten parallel betreut.
Betreuerin Monika Kloka hat als Vereinsbetreuerin bis zu 80 Klienten parallel betreut. | Bild: Cuko, Katy

Doch viele Sachen kann sie eben nicht mehr, schon allein wegen ihrer Schwerhörigkeit. So regelt Monika Kloka fast alles vom Termin für die Fußpflege bis zum Antrag beim Sozialamt oder der Pflegekasse. Sie holt Geld von der Bank und händigt das ihrer Klientin beim Hausbesuch aus, damit sie Bares zuhause hat. Und kümmerte sich auch um eine Unterbringung für die Frau, als ein Wasserschaden die Wohnung zeitweise unbewohnbar gemacht hat.

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Jeder kann durch einen Unfall oder eine Krankheit in die Situation geraten, seine Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht mehr selbst regeln zu können – egal ob Staatsanwalt, Einser-Abiturient oder Hartz-4-Empfänger. Dann bestellt das Gericht jemanden zum rechtlichen Betreuer. Das kann auch ein Angehöriger sein. Früher nannte man das Vormundschaft oder Pflegschaft. Die damit bis 1992 verbundene Entmündigung gehört der Vergangenheit an.

Zweiter Betreuungsverein am Start

Im Bodenseekreis ist der Betreuungsverein SKM mit Sitz in Markdorf-Ittendorf seit vielen Jahren die einzige Anlaufstelle auf Vereinsbasis. Unter dem Dach der Diakonie hat sich inzwischen ein zweiter Betreuungsverein gegründet, der gerade seine Arbeit aufnimmt. „Der Bedarf wächst, es ist genügend Arbeit für beide da“, stellt Jürgen Göbel, Geschäftsführer des SKM Bodenseekreis, der zum SKM Diözesanverein Freiburg gehört, nüchtern fest. Schon allein deshalb, weil immer mehr Menschen psychisch oder seelisch krank werden und ihr Leben allein und ohne Hilfe nicht mehr auf die Reihe bekommen.

Hermann Wieland (links) ist stellvertretender Vorsitzender vom Betreuungsverein SKM Bodensee, Jürgen Göbel der Geschäftsführer.
Hermann Wieland (links) ist stellvertretender Vorsitzender vom Betreuungsverein SKM Bodensee, Jürgen Göbel der Geschäftsführer. | Bild: Cuko, Katy

Während Monika Kloka diesen Job seit vielen Jahren hauptberuflich macht und als sogenannte Vereinsbetreuerin in Vollzeit bis zu 55 Menschen parallel zur Seite stand, ist Hermann Wieland Betreuer im Ehrenamt. Der pensionierte Richter am Oberlandesgericht Stuttgart wollte auch im Ruhestand etwas Sinnvolles tun. Gerade als Jurist kann er aus seiner langen Berufserfahrung schöpfen. Fünf Klienten hat er bisher betreut, drei sind es aktuell, darunter zwei Senioren im Altenheim. Einen Klienten betreut er im Tandem mit Angehörigen. „Da bin ich nur für die Finanzen und die Aufenthaltsbestimmung zuständig“, erklärt er. Die Familie kümmere sich um Dinge wie Post oder Gesundheitsvorsorge.

Ehrenamt mit kleiner Pauschale

Reich wird man damit nicht. Die Ehrenamts-Pauschale von rund 400 Euro im Jahr je Betreuungsfall decke im Zweifel nicht mal das Fahrgeld, sagt Hermann Wieland. Hat ein Klient mehr als 5000 Euro Vermögen, muss er die Betreuung selbst zahlen. Sonst steht der Staat auch dafür ein. „So ein Verein ist wichtig“, sagt der Richter a.D, der sich auch bei Rotary und im Gemeinderat Kressbronn engagiert. Inzwischen ist er stellvertretender Vorsitzender des Betreuungsvereins SKM Bodenseekreis.

Jürgen Göbel ist Ansprechpartner für drei Berufsbetreuer und rund 230 ehrenamtliche Betreuer beim Betreuungsverein SKM Bodenseekreis.
Jürgen Göbel ist Ansprechpartner für drei Berufsbetreuer und rund 230 ehrenamtliche Betreuer beim Betreuungsverein SKM Bodenseekreis. | Bild: Cuko, Katy

Derzeit sind zwei hauptberufliche Betreuer und Monika Kloka, die das als Rentnerin noch im Mini-Job macht, beim SKM angestellt. Eine Vollzeitkraft soll noch dazu stoßen. „Dann sind wir personell wieder gut aufgestellt“, sagt Jürgen Göbel. Ohne die „Ehrenamtler“ jedoch, die der Betreuungsverein vermittelt, könnte der Staat dem amtlichen Betreuungsschutz gar nicht nachkommen. Allein beim SKM Bodenseekreis wurden im vergangenen Jahr 325 Menschen auf dieser Basis rechtlich betreut, davon zwei Drittel außerfamiliär.

Kann dann ein fremder Mensch einfach so über einen bestimmen? „Wir sind Berater und arbeiten mit ihnen, nicht über ihren Kopf hinweg. Wir wollen sie in ihrer Selbstbestimmung stärken“, sagt Monika Kloka. Die Sorge, die in der Frage mitschwingt, kann Jürgen Göbel nachvollziehen, aber auch er verneint. „Wir versuchen immer, im Einvernehmen mit dem Betroffenen zu handeln. Wunsch, Wohl und Wille des Betreuten müssen unser Handeln lenken. Außerdem sind rechtlich viele Sicherungsseile eingezogen“, erklärt er. Nur ein Beispiel: Vor der Einweisung in eine psychiatrische Klinik wider dem Willen des Betroffenen braucht es ein Gutachten und einen Verfahrenspfleger als „dritte Instanz“, der vom Gericht bestellt wird.

Den Betreuten vor sich selbst schützen

Es gebe nun mal Situationen, wo ein Betreuer seinen Klienten vor sich selbst schützen muss. So einen Fall hat auch Hermann Wieland. Die Frau ist geistig behindert, aber mit über 3000 Euro Rente finanziell gut aufgestellt. „Aber sobald sie Geld in die Hand bekommt, ist das schnell weg, auch das für ihren Unterhalt“, erzählt er. Also hat er ein separates Konto eingerichtet und rationiert das Geld wöchentlich.

Beratung und Begleitung

Neben der Vermittlung, Fortbildung und Begleitung der Ehrenamtlichen berät der Verein aber auch zu Themen wie Vorsorge-Vollmacht, Betreuungs- oder Patientenverfügung. „Das wird sehr stark nachgefragt“, sagt Jürgen Göbel. Wer als rechtlicher Betreuer tätig werden möchte, kann sich beim Betreuungsverein melden (SKM Bodensee, Telefon 0 75 44 / 96 79 960, betreuung@skm-bodensee.de). Am 29. Juni startet zudem eine Fortbildungsreihe für ehrenamtliche rechtliche Betreuer mit vier Seminaren im Landratsamt Bodenseekreis.