Anfang März hat das Bundeskabinett den Weg zur Streichung des Paragrafen 219a geebnet, am 24. Juni beschloss der Bundestag die Aufhebung des Werbeverbots für Schwangerschaftsabbrüche. Doch nicht nur wegen dieses Paragrafen sei die Gesetzeslage ein Problem, sagte Naomi Redmann bereits vor dem Bundestagsbeschluss. Sie leitet die Beratungsstelle von Pro Familia in Ravensburg, wo unter anderem Schwangerschaftskonfliktberatung angeboten wird.

Entsprechende Beratungsstellen lassen sich online finden, zum Beispiel unter www.familienplanung.de, einem Informationsangebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Eine Schwangerschaftskonfliktberatung ist – sofern ein Abbruch nicht medizinisch oder kriminologisch begründet ist – Pflicht. Liegt kein Beratungsschein vor, würde sich ein Arzt sich strafbar machen, wenn er den Abbruch vornimmt.

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Beratungsrecht statt Beratungspflicht

Naomi Redmann hält allein schon diese Verpflichtung für diskussionswürdig: „Wir von Pro Familia halten ein Beratungsrecht für eine bessere Lösung.“ Gudrun Christ vom Pro-Familia-Landesverband erklärt: „Die verpflichtende Beratung verunsichert viele Frauen sehr. Sie fürchten eine Beurteilung und Bewertung ihrer Motive statt eines offenen Angebots über ihre Situation und ihre Optionen.“ Die Beratung müsse aus Sicht von Pro Familia flächendeckend als freiwilliges Angebot zur Verfügung stehen.

Allerdings müssten die Kapazitäten ausgebaut werden, betont Redmann: generell im Bereich der Schwangerenberatung und außerdem im schulischen Umfeld für Sexualkunde. Auch bezüglich der ärztlichen Versorgung für ungewollt schwangere Frauen sei die Politik gefragt. Christ ergänzt: „Für Pro Familia steht fest, dass es in jedem Landkreis eine Möglichkeit geben muss, einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen und Frauen die Methode wählen können müssen.“ Doch genau damit sieht es ziemlich mau in der Bodensee-Region aus.

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Viele weiße Flecken auf der Landkarte

Exakt eine Option für operative Abbrüche gibt es im Bodenseekreis. Ist dort die Wartezeit zu lang, müssen Betroffene 50 bis 100 Kilometer weit fahren. In den Landkreisen Ravensburg und Biberach gibt es kein Angebot, im Kreis Konstanz und Sigmaringen jeweils eines. Welche Ärzte das genau sind, erfahren Betroffene im Schwangerschaftskonflikt bei den Beratungsstellen. Eine Liste der Bundesärztekammer, in die sich Ärzte freiwillig aufnehmen lassen können, ist unvollständig.

Sowohl Pro Familia in Ravensburg als auch die diakonische Beratungsstelle in Friedrichshafen haben ein breites Beratungsangebot, ...
Sowohl Pro Familia in Ravensburg als auch die diakonische Beratungsstelle in Friedrichshafen haben ein breites Beratungsangebot, Schwangerschaftskonfliktberatung ist lediglich ein Teil davon. | Bild: Lena Reiner

Das Klischee der jungen Frau, die leichtsinnig handle und deshalb schwanger werde, sei nicht tragfähig. „Die Beratungszahlen zeigen deutlich, dass der überwiegende Anteil der ungewollt Schwangeren bereits Kinder hat“, berichtet Naomi Redmann. In so einem Fall sei dann nicht nur der reine Anfahrtsweg eine Herausforderung: „Die anderen Kinder müssen in der Zeit dann ja auch betreut werden.“ Immerhin: Seit 2020 gibt es ein telemedizinisches Angebot für medikamentöse Abbrüche. Die schlechte Versorgungslage ausgleichen könne das aber nicht.

Arzt: „Das ist auch eine Frage der eigenen Werte“

Der einzige Arzt, der im Bodenseekreis Schwangerschaftsabbrüche vornimmt, spricht nur anonym darüber. „Ich möchte keine Probleme bekommen“, erklärt er. Bei Kollegen hätten schon aus Protest Kinderschuhe vor der Tür gestanden. Obendrein, so betont er zu Beginn des Gesprächs, habe er „das“ – also Schwangerschaftsabbrüche – gar nie machen wollen. „Das ist auch eine Frage der Ethik und eigenen Werte.“

Es habe Überzeugungsarbeit von mehreren Seiten gebraucht. Und er ist sicher: Dass so wenige Ärzte sie vornehmen, habe nichts damit zu tun, dass Schwangerschaftsabbrüche nach wie vor im Strafgesetzbuch stehen. „Das liegt vielmehr daran, dass viele Ärzte es einfach nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können.“

Um die Versorgungslage zu verbessern, rät er dazu, im Kontext Verhütung bessere Bildungsarbeit zu leisten. „Es gibt Mütter, die lassen ihre Töchter aus religiösen Gründen nicht am Aufklärungsunterricht teilnehmen. Und dann wundern sie sich, wenn die mit 18 schwanger werden“, sagt er. Auch sehe er manche Frauen mehr als einmal im Jahr zum Abbruch; da sei Nachlässigkeit bei der Verhütung der Grund. Hier müsse man ansetzen: präventiv.

Beratungspflicht öffnet Raum zum Sammeln

Nehmen Frauen einen Abbruch auf die leichte Schulter? Nach ihrer Erfahrung sei das nie der Fall, sagt Sabine Hornig von der diakonischen Beratungsstelle in Friedrichshafen. Auch deshalb sei sie gegen eine Abschaffung der Beratungspflicht. „Hier klingeln manchmal Frauen Sturm, kommen aufgelöst vom Frauenarzt, bei dem sie eben von der ungeplanten Schwangerschaft erfahren haben“, schildert sie. Ohne die Pflicht würden diese Frauen eventuell einen Abbruch vornehmen lassen, bevor sie einen klaren Gedanken fassen könnten.

Die studierte Theologin und Pädagogin Sabine Hornig findet es wichtig, in ihrer Rolle bei der Schwangerschaftskonfliktberatung nicht als ...
Die studierte Theologin und Pädagogin Sabine Hornig findet es wichtig, in ihrer Rolle bei der Schwangerschaftskonfliktberatung nicht als Richterin gesehen zu werden. | Bild: Lena Reiner

Durch die Beratung gebe es die Möglichkeit, sich erst einmal zu sammeln. „Dabei bin ich hier nicht die Richterin, wie manche meinen, und ich möchte auch niemanden von etwas überzeugen“, sagt Hornig. „Mir geht es darum, den Boden zu erkunden, auf dessen Grundlage die Entscheidung getroffen wird.“ Gerade wenn die Entscheidung am Ende für einen Abbruch ausfalle, sei es wichtig, dass die Frauen sich auch Jahre danach noch daran erinnern könnten, wie sie diese getroffen hätten. „Wenn man zehn Jahre danach drei Kinder hat, kann es sein, dass man sonst unfair gegenüber der Frau von damals wird und denkt, Kind Nummer vier sei doch auch zu schaffen gewesen“, führt sie aus. „Dabei ist man eben nicht mehr die Frau von damals.“

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Schon die eine Anlaufstelle im Bodenseekreis ist ein Fortschritt

In Sachen Versorgungslage teilt Hornig die Position anderer Beratungsstellen. Vor rund 20 Jahren habe sie in Berlin die vorgeschriebene Weiterbildung gemacht, um Schwangerschaftskonfliktberatung anbieten zu können. „Da war die Rede von dem Arzt hier und dem Arzt dort“, erinnert sich Hornig. Mit einer Liste zum Abarbeiten sei sie zurück an den Bodensee gekommen und habe ihre Arbeit aufnehmen wollen. „Und dann musste ich feststellen: Es gibt gar keinen Arzt in der Nähe.“

Es gebe eine Vorgabe zur Versorgungsdichte an Beratungsstellen, die sei auch hier in der Gegend erfüllt. Doch für Ärzte, die dann den operativen oder medikamentösen Schritt vornehmen, sei nicht genauso gesorgt.

Hoffnung auf Verbesserung durch Wegfall des Paragrafen 219a

„Natürlich darf man niemanden dazu verpflichten“, meint Sabine Hornig. „Alle, die sich an einem Schwangerschaftsabbruch beteiligen, sei es beratend oder operativ, müssen das mit sich selbst ausmachen können.“ Dennoch sei es wichtig, dass sich die Situation bessere. Dafür sei auch politische Unterstützung wichtig.

Die eine ärztliche Anlaufstelle, die es heute gibt, sei ein wichtiger Fortschritt gewesen: „In meinen ersten Jahren hier verbrachten wir oft die Hälfte des Beratungsgesprächs mit Organisatorischem“, sagt Hornig. Sie hoffe, dass es durch den Wegfall des Paragrafen 219a und basierend auf der Erhebung zur Versorgungslage in Baden-Württemberg weitere Fortschritte gebe.