Es ist eine schlimme Geschichte. Und es ist eine traurige Geschichte, die gestern im Saal eins des Ravensburger Landgerichts aufgerollt wird. Auf der mit Plexiglas abgeschirmten Anklagebank sitzt ein dunkelhaariger Mann ohne Mimik und mit verwischter Sprache. Daneben ein Betreuer vom Zentrum für Psychiatrie Weissenau (ZfP), der den Beschuldigten von den stählernen Handfesseln befreit hat.

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Die Berufswelt stand dem Mann auch lange offen, wie zu hören ist: Kindheit in gutbürgerlichem Elternhaus. Abitur ohne Probleme. Informatikstudium. Promotion mit Auszeichnung. Erste Stelle an einer Universität und gute Aussichten auf eine wissenschaftliche Laufbahn. Aber von ersten Problemen mit Vorlesungen ist die Rede. Es folgen mehrere Stellenwechsel.

Eine feste Partnerschaft hatte er nie und war jahrelang allein. Noch vor dem 30. Geburtstag wird dann erstmals das Seelenleiden Schizophrenie festgestellt. Diskussionen mit der Mutter über die Einnahme von Medikamenten. Erste Aufenthalte in der psychiatrischen Tagesklinik in Wangen. Kurzzeitig kommt es zur Zwangsunterbringung und Zwangsmedikation nach massiven Krankheitsausbrüchen.

Der Beschuldigte fühlt sich ausspioniert und glaubt, er solle umgebracht werden

Der mittlerweile Arbeitslose geht zur Polizei und erkundigt sich, ob er die Eltern töten dürfe. Er fühlt sich ausspioniert. Weil er nach eigener Aussage das „Leithammel-Gen“ besitzt, soll er umgebracht werden. Fast zwei Stunden bemüht sich die Ravensburger Strafkammer mit Richter Veiko Böhm, in die Gedankenwelt des Beschuldigten vorzudringen.

Dann tritt die Richterin als Zeugin auf, die im Juli Opfer des gewalttätigen Angriffs wurde. Zwei Jahre vorher hatte sie schon einmal die Zwangsunterbringung anordnen müssen, nachdem der Mann einen Rentner für einen Spion hielt und attackierte. In der neuerlichen Anhörung habe die Juristin gespürt, wie sie sagt, „dass es Ernst wird“. Dann kommt der Mann mit gespreizten Händen auf sie zu, sagt, er müsse jetzt ein Zeichen setzen, drückt die Frau zu Boden und würgt sie massiv am Hals und reißt ihr Haarbüschel aus.

Drei Männer müssen den Angreifer von seinem Opfer am Boden wegreißen

Drei Männer müssen den Angreifer von seinem Opfer am Boden wegreißen. Als davon die Rede ist, zeigt der Angeklagte erstmals eine Reaktion. Kurzes Grinsen, Kopfschütteln, dann signalisiert nur das Spiel der Hände Emotionen. Die Richterin erleidet eine Schädelprellung, eine Gehirnerschütterung, Hämatome und Würgemale, die sie – „vermutlich noch unter Schock“ selbst mit dem Handy aufgenommen hat. Auf dem großen Bildschirm im Gerichtsaal werden die Fotos gezeigt. Als Staatsanwalt Peter Spieler nach einer möglichen Tötungsabsicht fragt, sagt die Richterin: „Ich bin überzeugt, dass er es machen wollte.“

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Zur Problematik des Falles hat der Ravensburger Psychiatrie-Professor Tilman Steinert schon vor Jahren geschrieben: „Die Zwangseinweisung gilt ebenso wie die Behandlung gegen den erklärten Willen des Patienten als ethisches und rechtliches Problem, das allen Beteiligten Unbehagen bereitet.“ Für das Landgericht geht es um die Frage: Wie unberechenbar und potentiell gewaltbereit ist der seelisch schwerkranke Mann?

Nach zehnstündiger Verhandlung beschloss die Strafkammer die Unterbringung des Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus.