Die zwölf Volleyballer und ihr Trainer verlieren sich fast in der riesigen Halle. 10 000 Menschen fasst die A1, die größte Halle der Messe Friedrichshafen. Wo vor Jahren „Wetten, dass….?“ live zu Gast war, die Toten Hosen vor ihren Fans rockten oder alljährlich bei der Messe Interboot eine Segelyacht neben der anderen bestaunt werden konnte, nimmt das rund 20 mal 10 Meter große, knallorangene Spielfeld mit den Tribünen für 3200 Zuschauer drumherum etwa die Hälfte der Messehalle ein.

Teambesprechung in der Trainingspause: Seit einer Woche können die VfB-Volleyballer in der Messehalle trainieren. Am Samstag findet – ohne Zuschauer – die erste Heimspielpartie der Saison statt.
Teambesprechung in der Trainingspause: Seit einer Woche können die VfB-Volleyballer in der Messehalle trainieren. Am Samstag findet – ohne Zuschauer – die erste Heimspielpartie der Saison statt. | Bild: Guenter Kram

Am vergangenen Montag konnte die Bundesliga-Mannschaft das erste Mal in der neuen Spielstätte trainieren. So kurios das klingt: Die Corona-Pandemie hat dem Team die Saison gerettet. Vor knapp zwei Monaten stand die Truppe plötzlich ohne Halle da, weil die ZF-Arena von heute auf morgen vom Rathaus wegen Bauschäden geschlossen wurde. Vor gut zwei Wochen genehmigte der Gemeinderat 1,2 Millionen Euro für den Umzug der VfB-Volleyballer samt Geschäftsstelle aufs Messegelände. Sie dürfen bis April 2022 bleiben.

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Den deutschen Volleyball-Rekordmeister in der eigenen Halle zu beherbergen, sei „eine starke Image-Geschichte“, freut sich Pressesprecher Wolfgang Köhle über das Gastspiel der Sportler, die die Messe damit wieder bundesweit in den Medien platziert. Am Samstag findet das erste Heimspiel gleich gegen Top-Gegner Berlin statt, übertragen im Fernsehen. Die Werbung tut gut: Seltsam leer sind die meisten Hallen seit Ausbruch der Pandemie. Es sei denn, sie werden für „betriebsfremde“ Aufgaben umfunktioniert. Hier hat die Fieberambulanz des Kreises ihren Platz, dort tagte der Gemeinderat. Und im Sommer fand in der A1 Autokino statt.

Im Frühjahr wurde die Halle A1 als Autokino genutzt.
Im Frühjahr wurde die Halle A1 als Autokino genutzt. | Bild: Felix Kästle

Tiefer Einschnitt im Messekalender

Für die Messegesellschaft ist aber auch die Miete, die die neuen Dauergäste zahlen, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Covid-19 hat einen tiefen Einschnitt im Messekalender verursacht. 16 Eigen- und rund 20 Gastveranstaltungen und Kongresse mussten vom Kalender gestrichen werden – trotz enormer Anstrengungen, sichere Hygienekonzepte zu entwickeln. Es blieb bei den Planungen. „Mal untersagten uns behördliche Anordnungen wie die Corona-Verordnung eine Messedurchführung, und bei vielen Leitmessen führten vor allem die internationalen Reisebeschränkungen sowie temporäre Beherbergungsverbote zu zahlreichen Absagen der Aussteller“, erklärt Messegeschäftsführer Klaus Wellmann das Dilemma.

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Nur einen Lichtblick gab es: „Die Interboot-Spezialausgabe war ein voller Erfolg“, erinnert sich der Messechef an die deutlich kleinere Veranstaltung als sonst Anfang September. Als erste große Messe in Baden-Württemberg nach dem Lockdown fand sie tatsächlich statt und bewies, dass „Messeveranstaltungen auch in Zeiten der Pandemie eine sichere Netzwerkplattform darstellen“.

Segelboote bei der Interboot.
Segelboote bei der Interboot. | Bild: Anette Bengelsdorf

Doch der Schaden ist groß. Für das laufende Geschäftsjahr beziffert ihn Klaus Wellmann auf bis zu 14 Millionen Euro, verbunden mit einem starken Umsatzeinbruch. „Aktuell haben wir es in der Messebranche quasi mit einem Berufsverbot zu tun“, sagt er. Kleinere finanzielle Überbrückungshilfen gebe es, aber auch die seien in ihrer Wirkung wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. „Inzwischen sind nahezu alle deutschen Messen auf die Hilfen ihrer Gesellschafter angewiesen“, sagt Klaus Wellmann.

Gemeinderat entscheidet, ob Stadt Eigenkapital der Messe stärkt

Am Montag muss der Gemeinderat darüber beraten. Konkret 5 Millionen Euro braucht die Messe laut der Ratsunterlagen, um nicht in die Insolvenz zu rutschen. Keinen Kredit, sondern einen Zuschuss, der das Eigenkapital stärkt. Sonst droht der finanzielle Absturz. Obwohl die Messe GmbH in diesem Jahr nun gar keine Miete an die Besitzgesellschaft überweist und mit weiteren Einsparungen das Defizit um 7,4 Millionen Euro drücken kann, bleibt am Jahresende ein Verlust von 9,2 Millionen Euro stehen.

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Schwerer wiegt allerdings, dass auch die finanziellen Reserven nahezu aufgebraucht sind. Mit Corona hat keiner gerechnet. Und so hat die Messe in den vergangenen Jahren, als das Geschäft rund lief, nicht nur 40 Millionen Euro mehr Miete bezahlt als sie laut Vertrag musste. Sie hat binnen elf Jahren auch die Schulden bis auf aktuell 37 Millionen Euro halbiert.

Flüssige Mittel reichen nicht aus

Die Konsequenz ist bitter: Jetzt braucht die Messe Geld, also „flüssige“ Mittel, um Rechnungen zu bezahlen. Doch diese Liquiditätsreserve „ist für diese unverschuldete Notsituation nicht ausreichend“, steht in den Unterlagen. 2 Millionen Euro werden quasi sofort benötigt, um die Rechnungen bis Jahresende bezahlen zu können. Mit anderen Worten: Würde der Gemeinderat am Montag der Finanzspritze nicht zustimmen, müsste die Messe GmbH Insolvenz anmelden, weil sie zahlungsunfähig ist. 3 Millionen Euro werden als Kapitalzuschuss für 2021 benötigt. Und auch in den Folgejahren wird Hilfe vom Gesellschafter, der Stadt Friedrichshafen, nötig sein – jedes Jahr rund 3 Millionen Euro. Wenn das operative Geschäft eine schwarze Null schreibt.

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