Der Corona-Lockdown Mitte März legte das öffentliche Leben in vielen Bereichen still. Notruf-Leitstellen und Rettungskräfte allerdings sahen sich vor große Herausforderungen gestellt, auch beim Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Bodensee-Oberschwaben (BOS). „Anfangs mussten wir damit rechnen, dass die Einsätze hochgehen“, sagt Geschäftsführer Volker Geier. Die Gefahr bestand, dass das Notfallsystem – so wie beispielsweise in Italien – kollabieren könnte. Und die Sorge vor einer Ansteckung oder Erkrankung der Einsatzkräfte fuhr in jedem Kranken- oder Rettungswagen mit – noch dazu, wo Masken und Schutzkleidung rar waren.

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Doch es kam anders. Vergleichsweise wenige Menschen am nördlichen Bodensee infizierten sich mit dem Virus. Trotzdem wurde jeder Mitarbeiter beim Rettungsdienst gebraucht. „Wir waren ständig in Habachtstellung, konnten niemanden in Urlaub schicken“, erklärt Volker Geier, warum bei Rettungs- und Notfallsanitätern oder den Disponenten in der Integrierten Leitstelle viele Überstunden aufgelaufen sind, obwohl die Zahl der Einsätze seit Beginn der Pandemie stark rückläufig ist.

Notfallsanitäter des Rettungsdienstes Bodensee Oberschwaben Allgäu versorgen einen Patienten, der mit dem Rettungswagen in die nächste Klinik gefahren wird.
Notfallsanitäter des Rettungsdienstes Bodensee Oberschwaben Allgäu versorgen einen Patienten, der mit dem Rettungswagen in die nächste Klinik gefahren wird. | Bild: Frank Enderle

Gründe dafür gibt es viele. Während des Lockdowns gab es kaum Verkehr auf den Straßen und damit weniger Unfälle. Wegen der Einschränkungen fielen auch weniger Sport- oder Arbeitsunfälle an. Aber selbst Patienten, die Symptome für eine schwere Erkrankung zeigten, verzichteten offensichtlich darauf, einen Notruf abzusetzen.

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„Die einen wollen in den Kliniken niemandem unnötig zur Last fallen, die anderen wegen der vermeintlichen Ansteckungsgefahr nicht ins Krankenhaus.“
Volker Geier, Geschäftsführer der DRK Rettungsdienstgesellschaft Bodensee-Oberschwaben

Ein Phänomen, das beispielsweise auch das Klinikum Friedrichshafen zur Kenntnis nahm, denn die Zahl der Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten sank rapide. Für Volker Geier gibt es zwei logische Erklärungen. „Die einen wollen in den Kliniken niemandem unnötig zur Last fallen, die anderen wegen der vermeintlichen Ansteckungsgefahr nicht ins Krankenhaus.“ Beide Sorgen seien unbegründet.

Ein Drittel weniger Notfalleinsätze als vor Corona

Und doch spiegeln sich diese Ängste nicht nur in weniger abgesetzten Notrufen, sondern nach wie vor auch in den Einsatzzahlen des Rettungsdienstes wider. „Wir haben noch lange nicht die Zahlen vor Ausbruch der Pandemie erreicht“, sagt der BOS-Geschäftsführer. Gab es vor Corona im Durchschnitt 9000 Einsätze pro Monat, so waren es im August rund 6000 und im September sogar nur 5700. Im Vergleich zum Vorjahr sei man in den drei Landkreisen Ravensburg, Bodenseekreis und Sigmaringen etwa bei einem Drittel weniger Notfalleinsätze. Bei den Krankentransporten hätten sich die Zahlen sogar halbiert, so Geier.

„Auch wenn weniger los ist, versuchen wir die Leistungsfähigkeit hochzuhalten und müssen auch die mittelfristigen Entwicklungen im Auge haben“, sagt er. Die Pandemie ist nicht vorbei. Mit einem Anstieg der Erkrankungen und Infektionen ist zu rechnen. Dazu kommt, dass auf einigen Wachen künftig mehr Personal vorgehalten werden soll, um die Aufgaben gut zu erledigen. So wird im nächsten Jahr in der Rettungswache Kressbronn ein Nachtdienst eingeführt; in Friedrichshafen kommt eine weitere Schicht dazu und auch im Bereich Ravensburg sind mehrere Erweiterungen in der Vorhaltung von Leistungen geplant. Allein dafür werden laut Volker Geier 25 neue Planstellen geschaffen.

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Dafür braucht der Rettungsdienst jedoch mehr Personal. Obwohl von 30 Auszubildenden, die jetzt ihre Lehre beendet haben, die meisten beim BOS bleiben und die Mannschaften in den 14 Rettungswachen verstärken, „reicht das nicht, um auch die vielen Überstunden der Kollegen zu kompensieren“. Zum Abbau der in den vergangenen Jahren aufgelaufenen Überstunden bräuchte der Rettungsdienst weitere acht Vollzeitstellen für mindestens die nächsten drei Jahre, so Geier. Dazu komme die normale Fluktuation. Langjährige Mitarbeiter gehen in Rente, andere scheiden aus, die nach einem Freiwilligendienst weiter gearbeitet haben und auf einen Studienplatz warten.

Patrick Hofmeister nimmt in der Leitstelle Bodensee-Oberschwaben die Notrufe entgegen.
Patrick Hofmeister nimmt in der Leitstelle Bodensee-Oberschwaben die Notrufe entgegen. | Bild: Wieland, Fabiane

40 bis 50 neue Mitarbeiter will der DRK-Rettungsdienst deshalb einstellen und denkt dabei auch an ehemalige Zivildienstleistende im Rettungsdienst, die in ihrem angestammten Beruf keine Perspektive mehr sehen. So konnte vor kurzem ein Pilot für den Dienst in der Leitstelle gewonnen werden. Es gebe in vielen Bereichen auch Möglichkeiten für Quereinsteiger. Spezialisten für Notrufsachbearbeitung, Disponenten für Feuerwehr- und Rettungsleitstelle oder Notfallsanitäter würden immer gesucht.

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Aber auch im Freiwilligendienst habe man viele Stellen anzubieten, sagt Volker Geier. „Wer als Schulabsolvent jetzt nicht so richtig weiß, was er machen soll oder mit dem Studium noch warten will, ist bei uns im sozialen Jahr herzlich willkommen.“ Ob FSJ oder BuFDi: Die Ausbildung zum Rettungshelfer oder gar Rettungssanitäter biete mehr als „nur“ ein Wartesemester auf dem weiteren beruflichen Weg.

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