Als narzisstisch und berechnend beschrieb die 51-jährige Nebenklägerin ihre Mutter am dritten Prozesstag vor dem Landgericht in Konstanz. Edith S. sei ein Mensch, der weder Emotionen noch Reue zeige – und Menschen verbal erniedrigen könne: „Sie hätte nie Kinder kriegen sollen, weil sie ein viel zu freiheitsliebender Mensch ist “, sagte die Tochter über die 84-jährige Angeklagte, die ihren Ex-Mann ermordet haben soll.

Seit vielen Jahren war das Paar geschieden, sie lebten in den vergangenen Jahren aber dennoch in einem gemeinsamen Haus in einem Dorf im westlichen Bodenseekreis.

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Mit der Erziehung ihrer drei Kinder habe die Angeklagte große Probleme gehabt. Einer der beiden Söhne (Halbbrüder der Nebenklägerin), der seine Mutter dem Vorsitzenden Richter Arno Hornstein gegenüber als egoistische, selbstbezogene und gewalttätige Soziopathin einstufte, rundete seine Beschreibung wie folgt ab: „Was erwarten Sie für eine Charakterisierung von einem Menschen, der von seiner Mutter nicht mehr in den Arm genommen wurde, seitdem er sieben Jahre alt ist?“ Genau wie seine Halbschwester pflege er schon lange keine gute Beziehung zu seiner Mutter. „Deshalb habe ich den Kontakt zu ihr vor sieben Jahren auch abgebrochen“, ergänzte der 42-Jährige.

Edith S. (links) auf der Anklagebank. Neben ihr sitzt ihre Pflichtverteidigerin Kristina Müller.
Edith S. (links) auf der Anklagebank. Neben ihr sitzt ihre Pflichtverteidigerin Kristina Müller. | Bild: Julian Widmann

Beiden fiel es sichtlich schwer, über ihre Mutter, die früher als Sekretärin an einer Universität gearbeitet hat, zu sprechen. Künstlerisch begabt sei sie gewesen, sogar ein Buch habe sie geschrieben. „Eine freischaffende Künstlerin, von der ich aber niemals mitbekommen habe, dass sie ein Gemälde oder irgend etwas verkauft hat“, erzählte der Sohn.

Wirklich gearbeitet habe sie laut ihm seit langer Zeit nicht mehr – geschweige denn, sich um die Zukunft ihrer drei Kinder gekümmert: „Kinder sollte man doch eigentlich lieben, oder?“, fragte die Nebenklägerin rhetorisch den Vorsitzenden Richter.

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Ihre Mutter sei sehr Ich-bezogen, habe den Vater ausgenutzt – auch finanziell. „Sie ist sehr dominant, kann aber auch ganz schwach sein, wenn es nicht nach ihren Interessen läuft.“ Gegenüber ihrem Vater war sie „häufig böse“, so die Nebenklägerin.

Eine unterschwellige Angst habe die Tochter vor ihrer Mutter laut eigener Aussage schon früh gehabt. Grundsätzlich habe die Angeklagte „zulangen können. Dann ist halt mal quer durchs Wohnzimmer die Fernbedienung geflogen und die Nase meines Bruders hat geblutet“. Interessiert für Schmerzen oder Sorgen, wenn es nicht um die eigenen Probleme ging, habe sie sich aber nie.

Die Tat sei „der Gipfel der Gewaltausübung“

Die Angeklagte habe zum Beispiel auch gewollt, dass „ich meinen Vater nicht mehr Papa nennen darf“. Das Ziel der Angeklagten sei es immer wieder gewesen, ihren Ex-Mann in ein schlechtes Bild zu rücken. Aber trauen die eigenen Kinder ihr auch diesen brutalen Mord zu? „Ja, ich kann mir das sehr gut vorstellen. Die Tat war der Gipfel ihrer Gewaltausübung“, sagte ihr Sohn. Die Tochter sieht es ähnlich: „Sie hatte einen tierischen Hass auf ihn, es gab nie ein schönes Wort von ihr zu ihm.“

Ein ganz anderer Mensch sei ihr Vater gewesen: Beliebt und liebenswert. „Er hat immer versucht, Menschen zusammenzubringen“, sagte sie unter Tränen. Der langjährige Oberstufen- und Beratungslehrer sei engagiert gewesen, zum Beispiel auch im Naturschutz. “Er hatte extrem viele Kollegen.“

Bei der Beerdigung habe die Tochter der Angeklagten viele bekannte Gesichter gesehen, die es laut ihr allesamt nicht fassen konnten und sich betroffen gezeigt hätten.

Das Opfer habe die Angeklagte verehrt

Positiv über das Opfer sprach auch der Sohn der Angeklagten: „Mein Stiefvater war sehr gütig und friedfertig. Lehrer war seine Berufung. Er hat sich rührend um mich gekümmert, obwohl ich nicht sein eigenes Kind war.“

Doch warum hat das Opfer keinen Schlussstrich gezogen? „Ich glaube, er hat meine Mutter auf eine sehr ungesunde Art und Weise verehrt“, sagte der Stiefsohn. Die Tochter meinte zudem, dass er „geschluckt und geschluckt habe.

Das Opfer wollte einen Neuanfang

Er hatte kein konsequentes Auftreten und hat sich viele Dinge einfach gefallen lassen“. Mit der Pensionierung sei er in ein Loch gefallen. Er habe immer wieder mit Depressionen zu kämpfen gehabt.

Vor einigen Jahren habe er dann laut der Tochter gesagt: „War das jetzt alles?“ Bei ihm sei in den vergangenen Jahren der Wunsch immer größer geworden, das gemeinsame Haus zu verlassen – und sich etwas eigenes, neues aufzubauen.

„Er hat gesagt, dass er das Haus verkaufen und neu anfangen möchte“, erzählten Tochter und Stiefsohn. Ihr Vater habe noch Träume und Visionen gehabt, bevor er mitten aus dem Leben gerissen wurde: Er wollte einfach nur gemütlich einen Kaffee trinken oder in die Bibliothek sitzen.

Am Montag, 10. August, wird der Prozess fortgesetzt. Das Urteil soll am 14. August verkündet werden.

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