Reiner Krause fährt seit vielen Jahren Motorrad. Der Club-Biker versteht, dass manche sich von Motorenlärm belästigt fühlen, und wünscht sich Vernunft auf beiden Seiten. „Ich mag es ja auch nicht, wenn ich sonntags im Garten sitze und der Nachbar die Motorsäge anwirft“, zieht er einen Vergleich.

Er sehe hier Raum für eine gemeinsame Lösung, ein Aushandeln, ein vernünftiges Gespräch. Ein pauschales Sonntagsfahrverbot lehnt er ab: „Damit werden wir kollektiv in die Haftung genommen für die schwarzen Schafe, die es natürlich auch gibt.“ Die Teilnahme an der Demonstrationsfahrt sei für ihn eine Selbstverständlichkeit. Krause hat einen Treffpunkt in Eriskirch öffentlich bekannt gegeben und so stoßen Freunde aus der Umgebung und sogar aus Österreich dazu.

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Reiner Krause ist seit 30 Jahren Club-Biker aus Überzeugung.
Reiner Krause ist seit 30 Jahren Club-Biker aus Überzeugung. | Bild: Lena Reiner

Tim Herms ist einer von ihnen. „Ich habe nicht einmal ein Auto“, verrät er im Gespräch. Längere Strecken lege er immer mit dem Motorrad zurück, für kurze Fahrten habe er seit einiger Zeit ein E-Bike. Das Motorradfahren ist somit mehr für ihn als ein Hobby. Zum Gesetzenwurf rund ums Sonntagsfahrverbot hat er noch keine ausführliche Meinung. „Wir werden hier gerade überrollt, auch von Tatsachen, die wie in Österreich geschaffen werden“, sagt er.

Tim Herms legt alle Fahrten auf zwei Rädern zurück: Mal elektronisch unterstützt und mal mit Verbrennungsmotor.
Tim Herms legt alle Fahrten auf zwei Rädern zurück: Mal elektronisch unterstützt und mal mit Verbrennungsmotor. | Bild: Lena Reiner

Er deutet auf sein Motorrad: „Das hier ist meine Harley. Da steht eingetragen 98 Dezibel. Jetzt kann ich keine Pässe mehr fahren in Österreich.“ Ganz viel sei allerdings vom Fahrstil abhängig, er selbst beschreibt sich als „ganz dezenten“ Fahrer. „Es gibt doch genug von uns, die total vernünftig fahren.“ Und gerade betont er: „Ich finde es schade, wenn so ein Gesetz alle betrifft.“

Ungewohnter Anblick in Eriskirch: Hier versammeln sich Biker aus Österreich und der Gegend, um gemeinsam zum Demo-Sammelpunkt an der Messe zu fahren.
Ungewohnter Anblick in Eriskirch: Hier versammeln sich Biker aus Österreich und der Gegend, um gemeinsam zum Demo-Sammelpunkt an der Messe zu fahren. | Bild: Lena Reiner

Mittlerweile ist es voll auf dem Supermarktparkplatz in Eriskirch geworden: Etwa 50 Motorräder stehen hier und ihre Fahrer warten auf die gemeinsame Fahrt zum Messegelände in Friedrichshafen. Schon hier zeigt sich: Das Interesse an der Demonstration ist groß. „Wir haben vier Millionen angemeldete Motorräder in Deutschland“, kommentiert es Biker Thomas Fetscher, „das Thema betrifft also wirklich viele.“

Thomas Fetscher ist dabei, weil er sich nicht vorschreiben lassen möchte, wann er fahren darf. Er spricht sich gegen einen Generalverdacht gegen alle Biker aus.
Thomas Fetscher ist dabei, weil er sich nicht vorschreiben lassen möchte, wann er fahren darf. Er spricht sich gegen einen Generalverdacht gegen alle Biker aus. | Bild: Lena Reiner

Hinzu komme das schöne Wetter, das überhaupt zur Ausflugsfahrt an den Bodensee einlade. Bei der Fahrt Richtung Messe füllt sich die Straße mit motorisierten Zweirädern: aus allen Richtungen stoßen Motorradfahrer dazu.

Video: Lena Reiner

Der Parkplatz an der Westseite des Messegeländes ist voll. Maschine reiht sich an Maschine. Schaulustige sind gekommen und schauen fasziniert zu, wie der Zustrom nicht abbricht. Veranstalter Jörg Brucker hatte im Vorfeld zunächst mit 500, später mit 1000 Teilnehmern gerechnet.

Video: Lena Reiner

Diese Zahlen sind an dem sonnigen Samstag schnell überschritten. Roland Cron gehört zu denen, die deshalb spontan zur Ordnerweste greifen: „Ich bin wirklich beeindruckt. Ich hatte ja gedacht, dass einige kommen, aber dass es so viele werden, erstaunt mich auch.“

Wegen des unerwartet großen Andrangs übernimmt Roland Cron spontan eine Ordnerrolle ein.
Wegen des unerwartet großen Andrangs übernimmt Roland Cron spontan eine Ordnerrolle ein. | Bild: Lena Reiner

Auch Kim Koller aus der Nähe von Ulm ist unter den Teilnehmern. Sie sagt: „Ich finde es nicht fair, dass uns pauschal ein Fahrverbot feiertags droht, wenn laute Autos weiterhin fahren dürfen.“ Außerdem kritisiert sie, dass Regelungen generell auch dem aktuellen Stand der Technik angepasst werden müssten.

Kim Koller hat zwar erst vor drei Jahren den Motorradführerschein gemacht, fuhr aber schon vorher auf dem Motorrad ihrer Mutter mit und ist sozusagen ins Bikerleben hineingewachsen.
Kim Koller hat zwar erst vor drei Jahren den Motorradführerschein gemacht, fuhr aber schon vorher auf dem Motorrad ihrer Mutter mit und ist sozusagen ins Bikerleben hineingewachsen. | Bild: Lena Reiner
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Video: Lena Reiner

Am Straßenrand haben sich kleine Menschengruppen zusammengefunden, um die Demonstration zu beobachten. „Ich habe noch nie so viele Motorräder auf einmal gesehen“, meint ein Wartender. „Ich bin zwar selbst kein Motorradfahrer, aber ich bin solidarisch hier. Das kann doch nicht sein, dass hier kollektiv bestraft wird. Zum einen fahren die meisten total vernünftig und zum anderen kann man mit Autos schließlich auch ordentlich Lärm machen.“

Dieser Anblick dauert ungewöhnlich lange an am Samstag: Tausende Motorradfahrer ziehen vorbei.
Dieser Anblick dauert ungewöhnlich lange an am Samstag: Tausende Motorradfahrer ziehen vorbei. | Bild: Lena Reiner
Emotionale Unterstützung gibt‘s nicht nur winkend vom Straßenrand, sondern auch per Daumen hoch aus einem fahrenden Cabrio.
Emotionale Unterstützung gibt‘s nicht nur winkend vom Straßenrand, sondern auch per Daumen hoch aus einem fahrenden Cabrio. | Bild: Lena Reiner

Einige Kilometer weiter müssen die Demonstrierenden dann eine andere Route nehmen, als sie geplant hatten: Wegen der unerwartet hohen Teilnehmerzahl führt ihr Weg nun ab Überlingen in Richtung Autobahn. Noch am Freitagnachmittag gingen Organisator Jörg Brucker und der Ravensburger Polizeisprecher Oliver Weißflog von einer ganz anderen Route aus. Sie hätte durch Ludwigshafen, Radolfzell, Böhringen und Singen zum Hegaustern oberhalb von Engen führen sollen.

Stau vor Hagnau gibt‘s oft. Selten sorgt einer für so großes Staunen wie die Schlange an Motorrädern.
Stau vor Hagnau gibt‘s oft. Selten sorgt einer für so großes Staunen wie die Schlange an Motorrädern. | Bild: Lena Reiner

Bislang sei die Demonstration ohne größere Zwischenfälle verlaufen, sagte Polizeisprecher Oliver Weißflog am Samstagnachmittag auf SÜDKURIER-Anfrage. „Zum Start in Friedrichshafen waren es etwa 5000 Teilnehmer“, schätzt er.

Video: Lena Reiner

Natürlich könne es sein, dass sich die Zahl während der Demo verändert habe. Es könnten Teilnehmer auch noch später hinzugestoßen sein. Andere Biker seien vielleicht auch vorausgefahren. Weil es sich wegen eines Unfalls zusätzlich staut, beenden manche Demonstranten kurzfristig ihre Teilnahme und kehren um.

Abschlussbilanz der Polizei

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Angeführt von einem Streifenwagen des Polizeipräsidiums Ravensburg, erreicht die Kolonne der demonstrierende Motorradfahrer den Hegaublick bei Engen. Ein paar Meter weiter war das offizielle Ziel beim Restaurant Hegaustern etwas abseits der bei Motorradfahrern belieben Strecke.
Angeführt von einem Streifenwagen des Polizeipräsidiums Ravensburg, erreicht die Kolonne der demonstrierende Motorradfahrer den Hegaublick bei Engen. Ein paar Meter weiter war das offizielle Ziel beim Restaurant Hegaustern etwas abseits der bei Motorradfahrern belieben Strecke. | Bild: Tesche, Sabine

Bei der verspäteten Ankunft am Hegaustern, eins der Restaurants auf dem Hegaublick oberhalb von Engen, hatte Polizei und die freiwilligen Order um Organisator Jörg Brucker viel zu tun. Zunächst galt es, wegen des begrenzten Raums und auch aus Gründen der Corona-Verordnung die Gruppe drastisch zu verkleinern.

Einer der Polizisten, die den Tross der 5000 Motorradfahrer von Friedrichshafen bis zum Zielort am Hegaublick begleitet haben, hilft, den Verkehr in möglichste geordnete Bahnen zu lenken. Denn der Hegaublick ist auch für Spaziergänger und Wanderer ein beliebtes Ziel.
Einer der Polizisten, die den Tross der 5000 Motorradfahrer von Friedrichshafen bis zum Zielort am Hegaublick begleitet haben, hilft, den Verkehr in möglichste geordnete Bahnen zu lenken. Denn der Hegaublick ist auch für Spaziergänger und Wanderer ein beliebtes Ziel. | Bild: Tesche, Sabine

Am Hegaublick sind Begegnungen von Autofahrern, Bikern und Spaziergängern eine vertraute Szenerie. Für alle ist, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen, der idyllische Platz mit dem großartigen Blick auf den Hegau ein beliebtes Ziel.

Spaziergänger, die von der breit angekündigten Demo-Fahrt anscheinend nichts wussten, wurden von dem plötzlichen Auftauchen hunderter Motorradfahrer überrascht. Dabei war deren Zahl aus Platzgründen inzwischen von 5000 auf 500 reduziert worden.
Spaziergänger, die von der breit angekündigten Demo-Fahrt anscheinend nichts wussten, wurden von dem plötzlichen Auftauchen hunderter Motorradfahrer überrascht. Dabei war deren Zahl aus Platzgründen inzwischen von 5000 auf 500 reduziert worden. | Bild: Tesche, Sabine

Was sagt Jörg Brucker, der vom unerwartet hohen Zulauf zu der Demo-Fahrt überraschte Organisator, am Ende der Veranstaltung? Das sehen Sie im Video:

Video: Sabine Tesche
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