Anne Vogt harrt geduldig im Foyer der Linzgau-Diakonie Altenpflege in Überlingen aus, bis sie an die Reihe kommt. Die 83-Jährige ist eine von 82 Personen aus der betreuten Wohnanlage, die gegen das Coronavirus geimpft werden. Sie hat alle nötigen Dokumente bereit und freut sich auf die Impfung: „Ich hoffe, dass man dann wieder fort darf“, wünscht sich Anne Vogt, die im Sommer an den Gardasee reisen möchte, „wenn man darf“. Momentan ist die rüstige Seniorin vor allem zu Fuß unterwegs: „Jetzt gerade fahre ich nicht gern Bus, da laufe ich lieber.“

Alles parat, gleich kann es losgehen: Anne Vogt vor ihrer ersten Impfung gegen das Coronavirus.
Alles parat, gleich kann es losgehen: Anne Vogt vor ihrer ersten Impfung gegen das Coronavirus. | Bild: Altmann, Miriam

Keine Angst vor der Impfung

Als die 83-Jährige dann dem Impfteam gegenübersitzt, wird sie von Ella Neumann darüber aufgeklärt, wie der Impfstoff wirkt, welche Nebenwirkungen möglich sind und dass ein zweites Mal geimpft werde. Anne Vogt nennt ihren Termin für die Zweitimpfung wie aus der Pistole geschossen. „Sie wissen schon Bescheid“, stellt Ella Neumann lächelnd fest, die als Hautärztin und Allergologin in Wangen tätig ist.

Nach der medikamentösen Abklärung bleiben keine Fragen offen: „Ich habe keine Angst“, sagt Anne Vogt, kurz bevor ihr Uwe Zahn die Impfung verpasst. Wie die anderen Mitglieder des mobilen Impfteams hat sich der Krankenpfleger für diesen Dienst, dem er in seiner Freizeit nachgeht, freiwillig gemeldet. „Die sind alle froh, dass sie an der Reihe sind“, berichtet Uwe Zahn von seinen bisherigen Einsätzen.

Schon vorbei! Anne Vogt blickt Uwe Zahn erleichtert an.
Schon vorbei! Anne Vogt blickt Uwe Zahn erleichtert an. | Bild: Altmann, Miriam

Kein Corona-Fall in der Linzgau-Diakonie

Manuela Buschle kann von ihren Schützlingen in der Linzgau-Diakonie Altenpflege dasselbe sagen: „Die haben sich alle auf die Impfung gefreut.“ Die Pflegedienstleiterin zeigt sich erleichtert, dass es in der Einrichtung seit Beginn der Pandemie keinen einzigen Corona-Fall gab. Sie weiß, dass eine gehörige Portion Glück mit im Spiel war, doch sie betont, dass schon frühzeitig umfassende Hygienemaßnahmen umgesetzt wurden.

Außerdem hätten sich die Mitarbeiter im vergangenen Jahr privat zurückgenommen und die Angehörigen der Bewohner hätten sie sehr unterstützt: „Es haben sich alle an die Regeln gehalten“, fasst die 43-Jährige zusammen, die ab dem 1. April auch die Einrichtungsleitung übernehmen wird.

Pflegedienstleiterin Manuela Buschle packt auch bei den Schnelltests mit an: „Wir mussten uns viele Eieruhren anschaffen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Nach 15 Minuten kann das Ergebnis abgelesen werden: zum Glück negativ.
Pflegedienstleiterin Manuela Buschle packt auch bei den Schnelltests mit an: „Wir mussten uns viele Eieruhren anschaffen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Nach 15 Minuten kann das Ergebnis abgelesen werden: zum Glück negativ. | Bild: Altmann, Miriam

Hoffnung auf Besuch der Enkel

Die Pflegedienstleiterin ist ständig unterwegs, um die nächsten Senioren in den Impfraum zu bringen und zu überprüfen, ob alles parat ist. Die nächste in der Reihe ist Helga Kimmich, die sichtlich aufgeregt ist. „Dieser Impfstoff wurde bereits millionenfach gespritzt und hat seine Wirkung bewiesen“, beruhigt Ella Neumann sie. Die 82-Jährige ist überrascht, als die Impfung nach einem kleinen Piks schon vorbei ist. „Da werden sich die Enkel freuen, wenn sie mal wieder kommen können“, sagt Helga Kimmich hoffnungsvoll.

„Darum soll es ja gehen“, erklärt Ella Neumann den Sinn der Impfung, „doch denken Sie daran, dass Sie den vollen Impfschutz erst nach vier Wochen haben“. Auf dem Weg in den Beobachtungsraum zeigt die frisch Geimpfte froh ihren Impfnachweis. Die letzten Monate waren hart für sie: „Man war halt viel allein – gut, dass es das Telefon gibt!“

Die 82-jährige Helga Kimmich zeigt den Nachweis über ihre Impfung gegen das Coronavirus.
Die 82-jährige Helga Kimmich zeigt den Nachweis über ihre Impfung gegen das Coronavirus. | Bild: Altmann, Miriam

Demente besonders von Maßnahmen betroffen

Besonders herausfordernd waren die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie für demente Personen, da ihnen das Verständnis für die nötigen Veränderungen fehlte. „Einige Demente wussten nicht, was los ist“, erzählt Manuela Buschle.

Ihre Kollegin Nicole Hechler vom Sozialen Dienst berichtet von einem Mann, der nicht verstehen konnte, weshalb sich seine Frau anscheinend von ihm distanziere. Auch bemerkten die Angestellten während des ersten Lockdowns, dass die Dementen in der Zeit schlechter gegessen hätten. „Danach hat sich ihre mentale Gesundheit wieder verbessert“, merkt die 34-Jährige an. Daher hofft sie, dass die Hygienemaßnahmen etwas gelockert werden können, sobald alle, die das möchten, vollständig geimpft sind.

Nicole Hechler vom Sozialen Dienst hatte viel mit der Koordination der Impfungen zu tun und hat trotzdem immer ein offenes Ohr für die Bewohner.
Nicole Hechler vom Sozialen Dienst hatte viel mit der Koordination der Impfungen zu tun und hat trotzdem immer ein offenes Ohr für die Bewohner. | Bild: Altmann, Miriam

Sehr hohe Impfbereitschaft

Die Impfquote in der Einrichtung ist beträchtlich: 42 von 45 stationären Bewohnern sowie sechs Neuzugänge ließen sich impfen und jeweils etwa 90 Prozent der Tagespflegegäste und der Personen aus der betreuten Wohnanlage. Abgelehnt wurde die Impfung in Einzelfällen mit ärztlicher Rücksprache aufgrund des Gesundheitszustands. „Ich brauche das nicht, ich bin schon alt“, zitiert Manuela Buschle einen Bewohner.

Nebenwirkungen bei wenigen Personen

Für Maria Muchalla wäre eine Ablehnung nie infrage gekommen: „Ich brauchte diese Sicherheit. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe.“ Die 88-Jährige lebt stationär in der Einrichtung und wurde bereits im Februar zweimal geimpft. Laut eigenen Angaben habe sie die erste Impfung „ganz toll weggesteckt“, doch die zweite Dosis habe ihr „ganz schön zu schaffen gemacht“.

Sie berichtet von stärkeren Nebenwirkungen wie Schmerzen und einer unnatürlichen Müdigkeit, doch diese seien stetig weniger geworden. „Ich würd‘s immer wieder machen“, lautet indes ihr Fazit.

Maria Muchalla wurde bereits im Februar zweimal geimpft: „Ich fühle mich jetzt sicher“, sagt die 88-Jährige.
Maria Muchalla wurde bereits im Februar zweimal geimpft: „Ich fühle mich jetzt sicher“, sagt die 88-Jährige. | Bild: Altmann, Miriam

Pflegedienstleiterin Manuela Buschle ergänzt, dass die meisten Bewohner jedoch keine Nebenwirkungen verspürt hätten – lediglich ein paar Mitarbeiter hätten nach der zweiten Impfung erhöhte Temperatur und Schüttelfrost gehabt. Ella Neumann vom mobilen Impfteam erklärt, dass das am Alter liege: „Je älter man ist, desto besser wird der Impfstoff vertragen.“

Die Einsatzfahrzeuge vor dem Haupteingang der Linzgau-Diakonie Altenpflege in Überlingen lassen erahnen, dass der Tag ein besonderer war: Zwei mobile Impfteams waren vor Ort, um die Tagespflegegäste und die Bewohner der betreuen Wohnanlage gegen das Coronavirus zu impfen.
Die Einsatzfahrzeuge vor dem Haupteingang der Linzgau-Diakonie Altenpflege in Überlingen lassen erahnen, dass der Tag ein besonderer war: Zwei mobile Impfteams waren vor Ort, um die Tagespflegegäste und die Bewohner der betreuen Wohnanlage gegen das Coronavirus zu impfen. | Bild: Altmann, Miriam

Schutzmaßnahmen gelten weiterhin

In drei Wochen reisen die mobilen Impfteams erneut an, um die Zweitimpfungen zu verabreichen. Daher ist noch eine ganze Weile erhöhte Wachsamkeit angesagt, um die Bewohner nicht zu gefährden. Das Sozialministerium entschied, dass die Schutzkonzepte aufgrund der dynamischen Infektionslage weiterhin gelten, teilte der Träger der Einrichtung seinen Angestellten mit. Doch das Sicherheitsgefühl nach zwei erfolgten Impfungen kann den Menschen in den Pflegeeinrichtungen keiner nehmen.