Am frühen Nachmittag des 19. November 2020 haben mehrere Menschen in Meckenbeuren-Gerbertshaus Ungewöhnliches beobachtet: Ein offenbar aus der benachbarten Asylbewerberunterkunft kommender Mann, der einen unsicheren, gehetzten Eindruck machte, lief barfuß und im T-Shirt durch den kalten Regen. Eine Nachbarin beschrieb, dass der Mann ein Messer in der Hand hielt. Eine andere Nachbarin schilderte im Landgericht Ravensburg, dass sie kürzlich ein Messer mit rotem Griff und einer etwa 15 Zentimeter langen Klinge beim Unkrautjäten in ihrem Garten gefunden hat. Vermutlich handelt es sich dabei um die Tatwaffe, mit der ein 31-jähriger Mann einen 27-Jährigen an jenem November-Nachmittag in der Unterkunft lebensgefährlich verletzt hat.

Angeklagter gibt Messerstich in die Brust des Opfers zu

„Er hat das Messer versteckt, weil er nicht wollte, dass die Polizei ihn mit der Tatwaffe antrifft“, las Strafverteidiger Martin Frick aus einer Erklärung des 31-Jährigen vor, dem seit 11. Mai wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung der Prozess gemacht wird. Der Mann gibt in seiner Erklärung zu, dass er dem 27-Jährigen mit dem Messer in die Brust gestochen hat.

Fest steht auch, dass bei diesem Stich die Lunge des Opfers verletzt worden ist. Außerdem hat der 27-Jährige von der Auseinandersetzung eine Stichverletzung am Arm und eine neun Zentimeter lange klaffende Schnittwunde am Kopf davongetragen, während der Angreifer nach Polizeiangaben unverletzt blieb.

Widersprüchliche Angaben zum Tathergang und zu den persönlichen Verhältnissen

Die Angaben zum Tathergang gehen weit auseinander. Der Beschuldigte sagt, der Streit sei um einen belegten Backofen in der Küche entbrannt, der 27-Jährige habe ihn und seine Mutter beschimpft, beleidigt und mit einem Löffelstiel bedroht; er habe sich also lediglich zur Wehr gesetzt. „Bleiben Sie mal bei den Tatsachen mit Ihrer Schilderung“, ermahnte Richter Veiko Böhm den Angeklagten.

Tatsächlich war an diesem ersten Verhandlungstag eine gehörige Portion Geduld gefragt. Bereits die Erörterung der persönlichen Verhältnisse des Angeklagten nahm zwei Stunden in Anspruch. Dieser hatte nämlich bei verschiedenen Behörden unterschiedliche Angaben gemacht. Mal war er Klempner, dann wieder Maler oder Geschäftsmann, mal hatte man seinem Asylantrag in Italien stattgegeben, mal war er abgelehnt worden. Es ließ sich nicht einmal zweifelsfrei klären, wo genau sein Geburtsort liegt. Was er aber dann über seinen Dolmetscher glaubhaft machen wollte, war, dass er rein aus Notwehr gehandelt habe.

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„Wenn ich Sie recht verstehe, sitzen sie völlig unschuldig auf der Anklagebank“, sagte Richter Veiko Böhm, der den Angeklagten noch mehrfach aufforderte, mit seinen Schilderungen bei den Tatsachen zu bleiben. Beispielsweise sagte der Angeklagte, er sei bei der Auseinandersetzung erheblich verletzt worden und habe sich das Blut dann abgewaschen. Richter Böhm: „Gesehen hat man null Komma gar nix.“ Angeklagter: „Man hat mich nicht untersucht.“ Richter: „Ich habe doch die Fotos da.“

Opfer berichtet von Päckchen mit Marihuana

Der Geschädigte holte bei seiner Befragung weit aus und erzählte zunächst von einer Plastiktüte mit zwei Päckchen Marihuana, die er aus dem Gebüsch geholt habe, nachdem sie ein Radfahrer dort versteckt habe. Als er zur Schilderung der eigentlichen Tat kam, brach er in Tränen aus. Der Angeklagte habe ihm vor der Dusche aufgelauert, er sei völlig wehrlos und nur mit einem Handtuch bekleidet gewesen, im Kampf ausgerutscht und auf die Knie gefallen; er habe erst fliehen können, als der Angreifer das Messer wieder aus seiner Brust gezogen habe.

Er floh in sein Zimmer, das er gemeinsam mit einem 23-Jährigen bewohnt, schilderte er vor Gericht weiter. Ehe er die Polizei alarmierte, wies er den Mitbewohner an, die beiden Drogenpäckchen mit insgesamt 97 Gramm Inhalt im Garten der Asylunterkunft zu verstecken. Dort fand sie später die Polizei. Die Männer beschuldigten sich vor Gericht gegenseitig, früher mit Drogen gehandelt zu haben.

Der Prozess wird am 26. Mai fortgesetzt. Dem Angeklagten drohen bis zu 15 Jahre Haft, weil Oberstaatsanwalt Peter Vobiller von einer „heimtückischen Begehungsweise“ ausgeht.