Kurzarbeit und der Wegfall zahlreicher Minijobs sind nur wenige Auswirkungen der Corona-Pandemie, die dazu führen, dass viele Menschen in der Krise weniger Geld zur Verfügung haben. Die Vermutung liegt nahe, dass damit auch die Anzahl der Verschuldungen wächst. Doch lässt sich diese Annahme bestätigen? Wir haben mit einem Schuldnerberater über die aktuelle finanzielle Situation der Menschen im Bodenseekreis gesprochen.

Etwa 500 Menschen pro Jahr bei der Schuldnerberatung

Sebastian Klein vom Sozialamt des Landratsamtes Bodenseekreis ist einer von drei Beratern, die sich im Kreis um verschuldete Menschen kümmern. Wie Klein berichtet, sind es jährlich um die 500 Menschen, die er und seine Kollegen kostenlos beraten. „2020 waren es 539 Haushalte, in diesem Jahr sind es bislang 553“, sagt Klein. Ähnlich sehen die Zahlen aus den Vorjahren aus. Fakt ist also: In der Corona-Pandemie kommen nicht mehr Menschen zur Schuldnerberatung als zuvor.

Doch die Anzahl der Menschen, die tatsächlich von einer Überschuldung betroffen sind, ist ohnehin weitaus größer. „Nur ein kleiner Teil der Betroffenen wagt der Schritt und kommt zu uns zur Beratung“, weiß Klein. Insgesamt 7,33 Prozent der Bevölkerung im Bodenseekreis war 2020 (2019: 7,43 Prozent) von einer Überschuldung betroffen, heißt es im Schuldneratlas Deutschland. Das sind bei knapp 218 000 Einwohnern etwa 15 970 Menschen, die als überschuldet gelten.

Zu den häufigsten Ursachen von Überschuldung gehören eine Scheidung oder Trennung. 21 Prozent der 539 Menschen, die 2020 zur ...
Zu den häufigsten Ursachen von Überschuldung gehören eine Scheidung oder Trennung. 21 Prozent der 539 Menschen, die 2020 zur Schuldnerberatung ins Landratsamt gekommen sind, gaben dies als Grund für die Überschuldung an. | Bild: Ute Schönlein

Sebastian Klein berichtet: „Viele kommen erst sehr spät zu uns. Wenn der Strom abgestellt wird oder die Miete nicht mehr bezahlt werden kann. Wenn die Existenz bedroht ist.“ Dann können Klein und seine Kollegen zwar immer noch helfen, aber in einem begrenzten Rahmen. „Es wäre schön, wenn Betroffene sich schon bei ersten Anzeichen einer Verschuldung bei uns melden würden“, sagt Klein. Typische Anzeichen können laut dem Berater etwa Rückbuchungen auf dem Konto sein.

Die Gründe, warum Menschen überhaupt bei Sebastian Klein landen, seien vielfältig. Von Krankheit über Scheidung bis hin zur fehlenden finanziellen Allgemeinbildung gebe es zahlreiche Ursachen für eine Überschuldung. „Auch falsch getroffene Entscheidungen können eine Ursache für eine Verschuldung sein“, weiß Klein.

Zu den häufigsten Ursachen von Überschuldung gehören eine Scheidung oder Trennung. 21 Prozent der 539 Menschen, die 2020 zur ...
Zu den häufigsten Ursachen von Überschuldung gehören eine Scheidung oder Trennung. 21 Prozent der 539 Menschen, die 2020 zur Schuldnerberatung ins Landratsamt gekommen sind, gaben dies als Grund für die Überschuldung an. | Bild: Ute Schönlein

Seit Beginn der Corona-Pandemie gehört auch das Thema Kurzarbeit zum Inhalt der Schuldnerberatung. „Man merkt, dass andere Leute herkommen. Solche, die normalerweise genügend Geld haben, aber wegen Kurzarbeit jetzt eben weniger zur Verfügung haben“, erklärt Sebastian Klein. Es seien beispielsweise Menschen mit 3500 Euro Nettoverdienst. Meist Familienväter. „Mit diesem Geld müssen sie oft eine ganze Familie ernähren. Wenn sie dann von Kurzarbeit getroffen sind, funktioniert das irgendwann auch nicht mehr“, weiß der Experte.

Hauptklientel sind „sozial schwächere Menschen“

Doch diese Art der Beratungen bleiben auch in der Pandemie eine Ausnahme. Laut Sebastian Klein sind es größtenteils die „sozial schwächeren Menschen mit wenig Einkommen“, die eine Schuldnerberatung in Anspruch nehmen. Nicht wenige haben monatlich nur 450 Euro zur Verfügung.

Und gerade für diese Menschen sei die Hürde, zur Schuldnerberatung zu gehen, seit Corona erheblich größer geworden. „Es gibt keine freie Sprechstunde vor Ort mehr, Gespräche finden nur noch telefonisch statt“, erzählt Klein. Viele Betroffene seien dadurch gehemmt, weiß der Experte, der darauf hofft, dass die Sprechstunden in absehbarer Zeit wieder stattfinden können. Klein betont: „Es ist etwas anderes, ob man telefoniert oder ob man sich gegenübersitzt, wenn man über Persönliches spricht.“

Das könnte Sie auch interessieren