Die Corona-Krise als Chance? So will der Internationale Gewerkschaftsrat (IGR) es jedenfalls sehen. Dem IGR gehören Gewerkschaften aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein an. Bei einem Pressegespräch in Friedrichshafen gingen Arbeitnehmervertreter auf Erfahrungen der vergangenen Monate sowie Lehren ein, die aus ihrer Sicht daraus zu ziehen sind. Ideen und Anhaltspunkte dazu seien bei virtuellen Treffen über den bisherigen Zeitraum der Pandemie hinweg gesammelt worden.

Bessere Arbeitsbedingungen und krisensicheres Gesundheitssystem

„Der Applaus war gut, der hat auch viele Menschen aufgeweckt, aber er ist verhallt. Und Applaus füllt keinen Magen und zahlt keine Miete“, sagte Bärbel Mauch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zum Thema der systemrelevanten Berufe. Dass gerade Pflegeberufe bessere Bedingungen bräuchten, sei ein „altes“ Gewerkschaftsthema und nur durch die Pandemie zeitweilig in den Fokus der breiten Öffentlichkeit geraten.

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Der IGR fordere hierbei bessere Arbeitsbedingungen und ein krisensicheres Gesundheitssystem. Davon sei man in Deutschland aktuell weit entfernt: “Viele Pflegekräfte arbeiten nur in Teilzeit, da dann ihre tatsächlichen Stunden einen Vollzeitjob umfassen“, beschrieb Mauch. „Arbeiten sie auf Vollzeitbasis, liegen ihre tatsächlichen Stunden schnell bei 150 Prozent.“

Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Cent

In allen vier Bodenseeanreinerstaaten vergleichbar stellt sich die Lage in der Gastronomie dar. “Wenn von den niedrigen Löhnen nur 80 Prozent Kurzarbeitergeld bleiben und außerdem das Trinkgeld fehlt, dann geht es einfach nicht, davon zu leben“, sagte Sigi Langenbahn vom Liechtensteinischen ArbeitnehmerInnenverband (LANV). Von Gewerkschaftsseite sei versucht worden, auf die Problematik hinzuweisen, eine politische Reaktion sei allerdings ausgeblieben: „Wir hoffen, dass wenn das alles durch ist und analysiert wird, da entsprechend Anpassungen gemacht werden und wenn wieder so ein Fall eintritt, besser reagiert werden kann“, so Langenbahn.

Sigi Langenbahn vom LANV: „Die Zahlen für Sozialgeld sind gleichgeblieben, aber es haben viel mehr Leute eine Schuldnerberatung in Anspruch genommen. Viele leben lieber vom Ersparten oder verschulden sich sogar, bevor sie zum Amt für Soziale Dienste gehen.“
Sigi Langenbahn vom LANV: „Die Zahlen für Sozialgeld sind gleichgeblieben, aber es haben viel mehr Leute eine Schuldnerberatung in Anspruch genommen. Viele leben lieber vom Ersparten oder verschulden sich sogar, bevor sie zum Amt für Soziale Dienste gehen.“ | Bild: Lena Reiner

Die Folge der schlechten Situation von Gastronomie-Mitarbeitern während der Krise habe letztlich zu einem Fachkräftemangel geführt, viele seien abgewandert: in Handel und Industrie. Lukas Auer vom Thurgauer Gewerkschaftsbund bestätigte das grenzübergreifende Phänomen: “Jetzt läuft die Gastronomieschiene wieder, aber die Fachleute fehlen.“

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„Gerade in der Gastronomie war die Lage katastrophal“, betonte auch Bärbel Mauch. „Da gibt es viele Minijobber, die zahlen nicht in die Sozialkasse ein und erhalten daher auch nichts. Wir fordern ja schon lange eine Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Cent.“ Dass eine bessere Bezahlung in der Gastronomie zu einer starken Verteuerung der Preise in Restaurants führe, hält sie für unwahrscheinlich. “Es kostet ja auch Zeit und Geld, immer neue Minijobber einzulernen, gerade bei der hohen Fluktuation. Auch Fehler müssen ausgebügelt werden.“

Lukas Auer vom Thurgauer Gewerkschaftsbund mit Blick auf die Corona-Krise: „Wir haben viele Kantone, die sind tourismusabhängig; die waren kurz vor dem Kollaps. Jetzt läuft die Gastronomieschiene wieder, aber die Fachleute fehlen.“
Lukas Auer vom Thurgauer Gewerkschaftsbund mit Blick auf die Corona-Krise: „Wir haben viele Kantone, die sind tourismusabhängig; die waren kurz vor dem Kollaps. Jetzt läuft die Gastronomieschiene wieder, aber die Fachleute fehlen.“ | Bild: Lena Reiner

Aufwertung „frauentypischer“ Berufe

Auch zu Hause, im Privaten, habe sich durch die Pandemie etwas verändert, so Mauch: Zum einen hätten häufiger Frauen ihre Jobs aufgegeben, da sie immer noch tendenziell schlechter bezahlte Berufe ausübten. Zum anderen seien auch bei zwei berufstätigen Partnern in gut bezahlten Berufen die üblichen Fürsorgetätigkeiten mehrheitlich von Frauen übernommen worden: “Da müssen wir aufpassen und frauentypische Berufe aufwerten.“

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Als positiver Aspekt aus der Krise hingegen könne an sich das Homeoffice mitgenommen werden. Lange hätten Arbeitgeber dieses aus unterschiedlichen Gründen ihren Mitarbeitern verweigert. Nun habe sich gezeigt: “Wenn es sein muss, dann funktioniert es auch.“ Hier könne man sicherlich manches fortsetzen, was in der Krise etabliert worden sei.

Bärbel Mauch vom DGB, Region Südwürttemberg, sieht einen Rückschritt bei der Gleichberechtigung: „Wenn beide im Homeoffice sind, auch wenn beide gut verdienen, hat die Mama sich um Homeschooling und Hausarbeit gekümmert. Die traditionelle Rollenverteilung schlägt ganz schnell durch, das geht ratz fatz.“
Bärbel Mauch vom DGB, Region Südwürttemberg, sieht einen Rückschritt bei der Gleichberechtigung: „Wenn beide im Homeoffice sind, auch wenn beide gut verdienen, hat die Mama sich um Homeschooling und Hausarbeit gekümmert. Die traditionelle Rollenverteilung schlägt ganz schnell durch, das geht ratz fatz.“ | Bild: Lena Reiner

Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf

“Das könnte generell die Gelegenheit sein, Familie und Beruf besser zu vereinbaren“, sagte Sigi Langenbahn. Schon vor Corona hätten Umfragen gezeigt: „Jungen Menschen ist das immer wichtiger.“ Auch dürfe man den pandemie-unabhängigen Wandel nicht vernachlässigen. Durch die Digitalisierung werde immer weniger Arbeitskraft benötigt. Es sei daher wichtig, Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen, so Langenbahn: “Studien in Ländern, die bereits eine Vier-Tage-Woche eingeführt oder getestet haben, zeigen, dass die Leute dadurch gesünder und glücklicher werden.“

Nettoausgleich höher ansetzen

Auch eine Erhöhung des Nettoausgleichsbetrags fordern die Gewerkschaftsvertreter. Die Sorge, dass dadurch die soziale Hängematte zu gemütlich werde, kann Reinhard Stemmer (ÖGB) ausräumen: “Wenn man nach Belgien schaut und mit Österreich vergleicht, das einen deutlich niedrigeren Prozentsatz auszahlt, dann sieht man, dass die Arbeitslosigkeit in Belgien im gleichen Zeitraum dennoch niedriger war.“

Reinhard Stemmer von der ÖGB Vorarlberg kritisiert zu niedrig angesetzte Nettoersatzraten: „Wenn ein Mensch Geld im Sackerl hat, gibt er es auch aus. Hat er keins, spart er oft am falschen Ende. Es geht hier auch um die Unterstützung der Wirtschaft vor Ort.“
Reinhard Stemmer von der ÖGB Vorarlberg kritisiert zu niedrig angesetzte Nettoersatzraten: „Wenn ein Mensch Geld im Sackerl hat, gibt er es auch aus. Hat er keins, spart er oft am falschen Ende. Es geht hier auch um die Unterstützung der Wirtschaft vor Ort.“ | Bild: Lena Reiner

Bei besagtem Nettoausgleichsbetrag, der im Kontext von Lohnfortzahlungen und Arbeitslosengeld relevant wird, bilden laut IGR derzeit Österreich mit 55 und Deutschland mit 60 Prozent die Schlusslichter am Bodensee.

Besteuerung der „Onlineriesen“

Zu guter Letzt forderten die Gewerkschafter eine Form von Lieferkettenverantwortung und eine Besteuerung der „Onlineriesen“, da der Onlinehandel nicht nur durch die Krise in den letzten Jahren stark zugenommen habe – und das häufig auf Kosten derer, die an Produktion oder Auslieferung beteiligt seien.