Als nach den Weihnachtsferien der Schul-Lockdown verlängert wurde, gab es eine Ausnahme. Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) durften wieder öffnen, jedoch nur jene für körperliche und geistige Entwicklung. Für Förderschulen wie das SBBZ Salem, das Kinder mit Lernproblemen von Klasse 1 bis 9 hat, bleibt – wie für alle anderen Schulen auch – nur der Fernunterricht, der trotz großem Engagement der Lehrer eher schlecht als recht funktioniert.

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Hier lernen Kinder aus bildungsfernen Familien, mit verzögerter Entwicklung, Kinder mit Ängsten oder mangelnder Frustrationstoleranz. Kinder, die sich schnell ablenken lassen oder nicht selbstständig arbeiten können. Die Hälfte der Schüler sei nicht unterdurchschnittlich begabt, sagt Gerd Magino, Rektor der Förderschule vor Ort. Aber jedes der 80 Kinder – inklusive der in den Inklusionsklassen betreuten Schüler – brauche viel Zuverlässigkeit und Vertrauen, erklärt der Rektor des SBBZ Salem, der Geschäftsführender Schulleiter im Salemer Tal in Personalunion ist.

Gerd Magino, Rektor des SBBZ Salem und Geschäftsführender Schulleiter im Schulverbund Salemer Tal: „Ich muss die Kolleginnen und Kollegen zu Online-Konferenzen und zum Homeschooling heimschicken, damit sie mit privaten Endgeräten und privatem WLAN versuchen können, die Schüler zu erreichen.“
Gerd Magino, Rektor des SBBZ Salem und Geschäftsführender Schulleiter im Schulverbund Salemer Tal: „Ich muss die Kolleginnen und Kollegen zu Online-Konferenzen und zum Homeschooling heimschicken, damit sie mit privaten Endgeräten und privatem WLAN versuchen können, die Schüler zu erreichen.“ | Bild: privat

Rektor: Kinder brauchen Schule

Gerd Magino möchte mit seinem Team eine Lanze für diese benachteiligten Schüler brechen, die nicht nur beim Lernen, sondern auch in ihrer emotionalen Entwicklung derzeit überproportional abreißen. „Wir als SBBZ kompensieren einiges an gesellschaftlichen Fehlentwicklungen. Aber dazu benötigen wir die Unterstützung der Verantwortlichen“, sagt er. So ist es aus Sicht des SBBZ-Rektors bei Lerngruppen von acht bis maximal zwölf Schülern gut machbar, die Kinder mit ausreichend Abstand in die Klassenzimmer zu holen.

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Bereits beim ersten Lockdown zu Beginn der Corona-Pandemie und vor Weihnachten stieg laut Gerd Magino der Druck auf Elternhäuser und die Gereiztheit. „Viele unserer Eltern leisten hervorragende Arbeit und unterstützen ihre Kinder in dieser schwierigen Zeit. Aber wir hatten vor Weihnachten auch zwei Inobhutnahmen durch das Jugendamt“, sagt er. Kinder mussten also aus ihrer Familie herausgenommen werden.

„Für unsere Kinder ist Tagesstruktur total wichtig. Deshalb hat Schule für sie einen ganz anderen Stellenwert“, erklärt der Rektor des SBBZ. Mit anderen Worten: Die Förderschule kompensiert viele Defizite, in Salem seit Jahren mit Erfolg. Ein Indiz dafür sei die hohe Rückschulungsquote.

Schüler der Förderschule Salem 2016 beim Frühlingsfest in der Sporthalle: Für Kinder mit Lernschwächen hat Schule einen ganz anderen Stellenwert, sagt Rektor Gerd Magino.
Schüler der Förderschule Salem 2016 beim Frühlingsfest in der Sporthalle: Für Kinder mit Lernschwächen hat Schule einen ganz anderen Stellenwert, sagt Rektor Gerd Magino. | Bild: Peter Schober

In der Wahrnehmung der Entscheidungsträger rangierten die Sonderschulen allerdings nachrangig. Mehrfach hätten Regierungspräsidium und Kultusministerium diese Schulart „einfach vergessen“ und erst Tage oder Wochen später informiert. „Erst nach Monaten hat sich beim ersten Lockdown die vorgesetzte Dienstbehörde gemeldet und gefragt, ob alles in Ordnung sei“, kritisiert der Rektor.

„Am Ende des Schultags müssen wir Schüler aus verschiedenen Lerngruppen, die wir den ganzen Tag mit riesigem Aufwand separiert haben, in den gleichen Bus setzen.“
Gerd Magino, Rektor des SBBZ Salem

Die Corona-Verordnung des Landes sei zudem auf Primar- und Sekundarstufen bezogen. Die Folge: Am SBBZ gibt es – wenn Präsenzunterricht wieder erlaubt ist – einen Hygieneplan für die Grundstufe, einen für die Hauptstufe, einen für die Kernzeitbetreuung und einen für die Ganztagskonzeption. Vier Pläne unter einem Dach. Das Ergebnis sei nicht nur große Unsicherheit bei Schülern, Lehrern und Eltern. „Am Ende des Schultags müssen wir Schüler aus verschiedenen Lerngruppen, die wir den ganzen Tag mit riesigem Aufwand separiert haben, in den gleichen Bus setzen“, beklagt Gerd Magino.

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Wie Fernunterricht bei Kindern funktioniert, die auf massive Unterstützung beim Lernen angewiesen sind, sei eigentlich keine Frage. Doch selbst wenn so zumindest eine qualifizierte Assistenz möglich sei: „Wir sind nicht Homeschoolingfähig“, sagt der SBBZ-Rektor. Seine Schule habe über den Digitalpakt des Bundes „noch kein einziges Gerät erhalten“, obwohl der Medienentwicklungsplan fertig und in allen Gremien verabschiedet sei.

Laptops für Schüler sind bestellt

Bis Ende Februar hofft Gerd Magino auf zumindest zwölf Kombigeräte, die als Tablet oder Laptop nutzbar sind, um sie an Schüler, ohne PC zu Hause, auszuleihen. Auf Nachfrage erklärt die Salemer Gemeindeverwaltung, dass nach den Wünschen aller Schulen 104 Geräte für Schüler gekauft, aber „wegen Engpässen bei der Lieferfirma“ noch nicht ausgeliefert wurden.

Doch selbst damit könne das SBBZ noch keinen digitalen Fernunterricht anbieten, denn die Schule habe weder ein WLAN-Netz noch konferenzfähige Laptops für die Lehrer. „Ich muss die Kolleginnen und Kollegen zu Online-Konferenzen und zum Homeschooling heimschicken, damit sie mit privaten Endgeräten und privatem WLAN versuchen können, die Schüler zu erreichen.“

Rathaus: Das Land ist der Dienstherr, nicht die Gemeinde

Für die Bildungsplattform und die Ausstattung der Lehrer sei das Land als Dienstherr, nicht die Gemeinde Salem zuständig, nimmt das Rathaus dazu Stellung. Auch am SBBZ seien internetfähige PCs vorhanden, die von den Lehrern jederzeit vor Ort genutzt werden könnten. „Der digitale Unterricht kann also am SBBZ Salem mit der vorhandenen EDV-Ausstattung problemlos angeboten werden und ist nicht von WLAN im Schulgebäude abhängig“, heißt es aus dem Rathaus.

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Parallel dazu würden derzeit die Elektroarbeiten ausgeschrieben, mit denen die Schulgebäude in Salem ertüchtigt, um WLAN ergänzt sowie die Server aufgerüstet werden sollen.

Dazu kommt jedoch, dass das Thema Datenschutz noch vollkommen ungeklärt sei. Genau genommen wisse kein Lehrer im Land, was beim Homeschooling übertragen werden darf und was Eltern auch von anderen Schülern sehen dürfen. „Hier werden wir in rechtlicher Unsicherheit gelassen“, erklärt Gerd Magino.