Eigentlich könnte Ute Stegmann Luftsprünge machen. Doch nicht nur wegen der Corona-Pandemie und der Sorgenfalten vieler Touristiker am See bleibt die Chefin der Bodensee Tourismus GmbH (DBT) auf dem Teppich. Freilich freut sie sich über die beiden Entscheidungen in diesem schwierigen Jahr für die Branche. Denn sie verschaffen der 2017 unter heftiger Kritik eingeführten Echt-Bodensee-Card enormen Aufwind. Zum 1. April 2021 werden zwei große Städte am See mit hoher touristischer Relevanz die EBC-Gästekarte einführen: Lindau und Überlingen. „Ich bin glücklich, dass wir die Kritiker umstimmen konnten“, sagt Ute Stegmann.

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In beiden Städten fiel die Entscheidung der Stadträte nahezu einstimmig aus. In Überlingen hat man fast fünf Jahre darüber debattiert, ob die EBC die Überlinger Gästekarte ablösen und man dem Verbund beitreten soll. Den Weg freigeschaufelt habe maßgeblich Ute Stegmann, sagen Insider. Doch essenziell war ein Zugeständnis des DBT-Hauptgesellschafters.

Überlingen pochte auf Mitbestimmung

Mit 70 Prozent der Anteile bestimmt der Bodenseekreis die Spielregeln im EBC-Verbund. Weitere Mitgesellschafter neben den vier anderen Gründungsmitgliedern (Landkreis Lindau und Sigmaringen, Bodman-Ludwigshafen und Stockach) sind nach wie vor nicht erwünscht. Die Stadt Überlingen pochte aber auf Mitbestimmung – und hätte vermutlich weiter die kalte Schulter gezeigt, wenn die DBT im Sommer nicht den EBC-Beirat aus der Taufe gehoben hätte.

Neuer EBC-Beirat gegründet

Hier sitzen nun alle Partner der Gästekarte ein bis zwei Mal im Jahr am Tisch und beraten, was die Gesellschafter beschließen sollen. Somit bekommt (nicht nur) Überlingen, was die Stadt zur Bedingung für den Beitritt gemacht hatte: Transparenz darüber, was mit den Einnahmen aus der EBC-Gästekarte geschieht und Mitsprache bei Projekten oder Vorhaben der Tourismus-Gesellschaft.

Die Stadt Lindau ist untrennbar mit ihrer Insel als touristisches Highlight verbunden. Rund eine Million Gäste kommen pro Jahr. Archivbild: Patrick Seeger/dpa
Die Stadt Lindau ist untrennbar mit ihrer Insel als touristisches Highlight verbunden. Rund eine Million Gäste kommen pro Jahr. Archivbild: Patrick Seeger/dpa | Bild: Patrick Seeger

Damit wächst der Kreis der Mitglieder in der EBC-Familie nicht nur auf zwölf Städte und Gemeinden. Mit einem Schlag kommen rund 1,4 Millionen Übernachtungen dazu, für die der Solidarbeitrag von 1,10 Euro pro Gast fällig wird – doppelt so viel wie bisher in zehn Gemeinden. Mit Lindau (jährlich rund 800 000 Gästeübernachtungen ohne Geschäftsreisende) und Überlingen (650 000) werden so im nächsten Jahr knapp drei Millionen Übernachtungen EBC-pflichtig.

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Das spült auch doppelt so viel Geld in die Kassen von DBT und dem Verkehrsverbund Bodo. 1,5 Millionen Euro werden allein Lindau und Überlingen für die EBC überweisen – und sich das Geld großteils über die Kurtaxe bei den Touristen zurückholen. 350 000 Euro mehr als bisher bleiben bei der DBT. 1,1 Millionen Euro zusätzlich fließen in die Kassen von Bodo. Der bietet den Inhabern der EBC-Gästekarte dafür die kostenlose Mitfahrt in Bus und Bahn im gesamten Verbundgebiet. Und das reicht von Oberstaufen im Allgäu bis Sipplingen und hoch bis Bad Saulgau.

Bernd Hasenfratz, Prokurist beim Verkehrsverbund Bodo, und Ute Stegmann, Geschäftsführerin der Deutschen Bodensee Tourismus GmbH (DBT), setzen weiter auf die „Echt Bodensee Card“ (EBC). Gastgeber und Touristinfos nutzen seit diesem Jahr eine einheitliche Druckvorlage auf unfoliertem Papier.
Bernd Hasenfratz, Prokurist beim Verkehrsverbund Bodo, und Ute Stegmann, Geschäftsführerin der Deutschen Bodensee Tourismus GmbH (DBT), setzen weiter auf die „Echt Bodensee Card“ (EBC). Gastgeber und Touristinfos nutzen seit diesem Jahr eine einheitliche Druckvorlage auf unfoliertem Papier. | Bild: Cuko, Katy

Ganz so optimistisch rechnet Ute Stegmann – Stichwort Pandemie – allerdings nicht. Ohne Corona waren für dieses Jahr Einnahmen von rund 350 000 Euro geplant. „Wir rechnen mit etwa 20 Prozent weniger, weil in dieser Größenordnung auch weniger Gäste kamen“, so Stegmann. Inklusive Lindau und Überlingen kalkuliert die DBT-Chefin im nächsten Jahr deshalb vorsichtig mit rund 600 000 Euro aus dem Solidarbeitrag der Städte und Gemeinden. Das Geld braucht die DBT auch, denn ab 2021 müssen die Kredite getilgt werden, die der Landkreis für die Anlaufphase der EBC gezahlt hat. „Wir schaffen das“, sagt Ute Stegmann.

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Denn auch künftig muss die DBT-Chefin mit ihrem Team dicke Bretter bohren. Die Gesellschafter erwarten, dass sich weitere Seegemeinden für die EBC entscheiden. Aktuell laufen Gespräche mit Kressbronn und Uhldingen-Mühlhofen, so Stegmann. Auch Friedrichshafen steht auf der Agenda. Allerdings müsste die Kreisstadt dafür zunächst die Kurtaxe einführen.

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Nach dem Hickhack um die EBC-Chipkarte ist Ute Stegmann froh darüber, dass die Gästekarte auf Papier seit letztem Jahr „gut und einfach läuft“. Im nächsten Schritt soll es die Karte – egal ob auf Papier oder via Handyticket – mit einen QR-Code geben. „Wir wollen das sehr sorgfältig vorbereiten und planen die Einführung vorsichtig in 2022“, sagt sie.

Bild: FEZE

Eine andere Großbaustelle sei dafür in den Hintergrund gerückt. Wohl noch lange wird es für EBC-Nutzer keine kostenlose Verlängerung der Bus- der Bahnfahrt über (Kreis)Grenzen hinaus nach Konstanz oder Vorarlberg geben. Wohl wissend, dass sich die neuen Partner Überlingen und Lindau diesen Anschluss wünschen. Doch diese Regionen deckt der Verkehrsverbund Bodo nicht ab. „Wir müssen gut kommunizieren, dass das Weiterfahren eben extra kostet“, weiß Ute Stegmann. Andererseits wüssten die Kunden schon, dass so ein Verbundnetz irgendwo endet.

Auch wenn es derzeit unrealistisch scheint, sich mit den Nachbarn auf eine Gästekarte zu einigen: „Das Ziel bleibt“, sagt die DBT-Chefin.