„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ formulierte einst der Philosoph Martin Buber. Wie recht er hatte, wird in diesen pandemischen Corona-Monaten deutlicher denn je. Während immer mehr Wehmut den Blick in Richtung Weihnachten prägt, leiden die Kulturschaffenden schon viele Monate ganz besonders an Einschränkungen, Verboten und Publikumsentzug.

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Dem Postulat Bubers würde auch Oliver Noltes Einwurf beim virtuellen runden Tisch zur Situation der Kultur gerecht, zu dem der Landtagsabgeordnete Martin Hahn (Bündnis 90/Grüne) jetzt eingeladen hatte. „Wie wäre es, wenn wir das Fernsehen abschalten würden und die Theater, Konzertsäle und Galerien offen lassen?“ fragte Nolte eher rhetorisch in die Runde, an der sich auch Bernd Eiberger vom Häfler Kulturhaus Caserne und Staatssekretärin Petra Olschowski beteiligten.

Gedankenaustausch geht online beim virtuellen runden Tisch.
Gedankenaustausch geht online beim virtuellen runden Tisch. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Die Schließung von Theatern stehe einfach einem Offenhalten der Schulen entgegen, versuchte Politikerin Olschowski das Argument Bernd Eibergers zu entkräften, der Kulturbetrieb habe einfach keine Lobby. Die Politik lade zum Autogipfel, aber nicht zum Kulturgipfel, hatte der Häfler formuliert. Für den Überlinger Theatermacher Oliver Nolte war zumindest die fehlende Differenzierung bei den Beschränkungen nicht verständlich, zumal er selbst durch die Reduktion des Auditoriums auf 25 Sitzplätze nicht nur den gebotenen Abstand im Publikum hergestellt hatte, sondern nach Investitionen in wirkungsvolle Filter auch noch die Luft dauerhaft rein erhält.

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Von einem Lamento kann bei Nolte dennoch keine Rede, das Hahn als Moderator mit der Frage „Wie geht es der Kultur in diesen Tagen?“ geradezu herausgefordert hatte. „Uns geht es zurzeit gut“, überraschte der Schauspieler. Auch wenn das Formular für den Antrag zur vielbeschworenen November-Förderung nach wie vor auf sich warten lasse und auch am Montag noch nicht abrufbar gewesen sei.

Zwischen Freiheit und Verantwortung

Als freier Künstler schätze er die Freiheit, trage aber auch die Verantwortung für schwierige Zeiten, sagt Nolte. Deshalb habe er sich mit seiner Frau auf das Experiment des digitalen Online-Theaters eingelassen und auch darin investiert. Natürlich vermisse er den unmittelbaren Kontakt zum Publikum, doch sei dieser im virtuellen Raum auf andere Weise sogar konkreter möglich. „Wir arbeiten nicht umsonst und machen kein Streaming“, erläutert Nolte. „Die Zuschauer müssen reservieren und bezahlen. Und wir begrüßen das Publikum auch persönlich und sind in direktem Kontakt.“ Er sei zum einen erfreut, dass sich viele Zuschauer darauf einließen. Toll sei es, dass auch die Stadt dies mit ihrer Förderung des „Wintertheaters“ akzeptiert habe.

Bernd Eiberger ist stellvertretender Geschäftsführer der Kulturhaus Caserne gGmbH in Friedrichshafen.
Bernd Eiberger ist stellvertretender Geschäftsführer der Kulturhaus Caserne gGmbH in Friedrichshafen. | Bild: Lena Reiner

Eine ähnlich kreative Lösung wie bei dem kleinen Überlinger Theater sei für das Häfler Kulturhaus Caserne als sozio-kulturelles Zentrum kaum geeignet, bei dem auch die Begegnung der Menschen untereinander ein ganz wichtiger Faktor sei, gab Bernd Eiberger zu bedenken. Das Überleben selbst sei jedoch dort insofern leichter, als die Einrichtung von der Zeppelin-Stiftung unterstützt werde. „Doch ein Rockkonzert funktioniert auch nicht ohne Live-Publikum“, sagt Eiberger. Gleiches gelte für andere Genres, insbesondere eingemietete Tanzveranstaltungen.

Die Novemberhilfe: Was muss man beachten?

Theatermacher Oliver Nolte macht die Lage „nachdenklich“

Nicht nur als Kulturschaffender, der sich mit kreativen Lösungen gefordert sieht, mache ihn die Situation sehr nachdenklich, erklärte Oliver Nolte. Auch als normaler Staatsbürger sehe er in der verordneten kulturellen Abstinenz Gefahren, sagte er und wurde mit einem Exkurs auf die Demokratietheorie von Jürgen Habermas regelrecht philosophisch.

Oliver Nolte auf der Bühne – das gibt es derzeit nicht live zu sehen. Hier mit Birgit Nolte-Michel in Martin Walsers   Beziehungsdrama „Die Zimmerschlacht“.
Oliver Nolte auf der Bühne – das gibt es derzeit nicht live zu sehen. Hier mit Birgit Nolte-Michel in Martin Walsers Beziehungsdrama „Die Zimmerschlacht“. | Bild: Hanspeter Walter

Kultur lehre uns, Dinge und Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, diese unterschiedlich zu bewerten und andere Einschätzungen auch zu tolerieren. Damit vermittle sie ein demokratisches Grundprinzip, dessen Bröckeln in verschiedenen populistischen Strömungen in jüngerer Zeit an verschiedenen Stellen deutlich werde und so zu einer wachsenden gesellschaftlichen Polarisierung führe. Von hier war es für Oliver Nolte auch nur ein kleiner Schritt zu einer kultivierten Sprache, auch im Umgang miteinander. Dass diese Kultur zusehends in Gefahr gerate, werden in der um sich greifenden Hatespeech im Netz ganz offensichtlich werde. Doch auch im aktuellen Diskurs selbst sollten die Worte sorgfältiger gewählt werden, bekräftigte der Theatermacher und beklagte, dass Kultur unter „Freizeitbeschäftigung“ einsortiert worden sei. Auf offene Ohren stieß Nolte damit bei Petra Olschowski. Ihr Ministerium habe sofort in Berlin interveniert, als ihm dies bekannt geworden sei.

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