Er ist groß, schwarz und räkelt gern seine Flügel in der Sonne. Und wer in diesen Tagen etwa mit dem Boot der Lipbachmündung nahekommt, hört ihn auch schnell. Als gewiefter Jäger ist er den Bodenseefischern allerdings ein Dorn im Auge, obendrein soll sein Kot den Bäumen in Nistgebieten schaden: Der Kormoran scheint am Bodensee wenige Unterstützer zu haben.

Video: Lena Reiner

Einige hundert Paare brüten nach Angaben von Niko Schotzko derzeit im Bereich der Lipbachmündung zwischen Friedrichshafen und Immenstaad. Er befasst sich seit 2009 mit dem Kormoran in der Bodenseeregion und ist für das Amt der Vorarlberger Landesregierung im Funktionsbereich Fischerei und Gewässerökologie tätig.

Baden-Württemberg in der Pflicht?

„Tatsache ist, dass Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren keinerlei Maßnahmen gesetzt hat, was zu einem weiteren starken Anstieg des Kormoranbestandes am See geführt hat“, sagt Schotzko. „Inzwischen halten sich bis zu 4000 Kormorane gleichzeitig am See auf.“ Die Fischbiomasse, die diese Vögel im Laufe eines Jahres entnehmen, werde vorsichtig mit rund 400 Tonnen geschätzt.

Das Kormoranmanagement im Vorarlberger Schutzgebiet Rheindelta komme aufgrund des zunehmenden Drucks brutwilliger und jagender Vögel aus den baden-württembergischen Kolonien nun eindeutig an seine Grenzen, mahnt Schotzko an: “Wenn dort in den nächsten Jahren weiter nichts getan wird, bin ich nicht sehr zuversichtlich, dass wir hier im Rheindelta weiterhin erfolgreich die Zahl der Brutpaare in Grenzen halten können.“ Seit Jahren hake es daran, dass sich Baden-Württemberg nicht dazu durchringen könne, koordiniert mit den anderen Anrainern gezielte und erprobte Vergrämungsaktionen in Schutzgebieten umzusetzen.

Ganz schön was los in den Bäumen in der Nähe des Bodenseeufers: Bei den Kormoranen ist derzeit Brutzeit.
Ganz schön was los in den Bäumen in der Nähe des Bodenseeufers: Bei den Kormoranen ist derzeit Brutzeit. | Bild: Lena Reiner

Mit seiner Kritik ist Niko Schotzko nicht allein: Alle Jahre wieder fordern Fischer am baden-württembergischen Bodenseeufer eine Lösung für das Kormoranproblem, da sie den Fischbestand durch den Vogel bedroht sehen.

Ministerien setzen auf Erkenntnisse aus einer Vorstudie

„Die Anliegen und Sorgen der Bodensee-Anrainer werden vom Land Baden-Württemberg durchaus wahrgenommen“, betont Sebastian Schreiber, Pressesprecher des Ministeriums für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR). Diese Anliegen hätten auch dazu geführt, dass eine Vorstudie vom MLR in Abstimmung mit dem Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft (UM) in Auftrag gegeben worden sei, die sich mit der Thematik der Auswirkung der Kormorane auf die Fische und die Fischerei am Bodensee und in seinem näheren Umland beschäftigt habe.

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Die Vorstudie liege im Entwurf vor und habe zu wichtigen Erkenntnissen in diesem Bereich geführt, so Schreiber. „Sobald die Vorstudie endgültig fertiggestellt und abgestimmt ist, werden die Ministerien MLR und UM gemeinsam mit allen Anrainern das Gespräch suchen, um über ein weiteres Vorgehen und die Möglichkeiten eines zwischen allen Anrainern abgestimmten Kormoranmanagements am Bodensee zu sprechen.“

„Ein wirtschaftliches Problem, keinesfalls ein ökologisches“

Bedenken an einem sogenannten Kormoranmanagement und der Vergrämung der Vögel, die auch deren Abschuss bedeuten kann, äußert hingegen Lisa Maier, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Ornithologie und Schutzgebietsbetreuung am Bodenseezentrum des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) auf der Reichenau. „Hier ist es mir ganz wichtig, zu betonen: Der Kormoran ist, wenn überhaupt, ein wirtschaftliches Problem, keinesfalls ein ökologisches“, beantwortet sie die Frage nach einer Abwägung von Vogel- und Fischschutz.

„Nicht der Räuber reguliert die Beute, sondern umgekehrt“, sagt Lisa Maier, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Ornithologie ...
„Nicht der Räuber reguliert die Beute, sondern umgekehrt“, sagt Lisa Maier, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Ornithologie und Schutzgebietsbetreuung am NABU-Bodenseezentrum. | Bild: Pina Niessen

Es müsse sicherlich eine Lösung dafür gefunden werden, dass der Kormoran Fischernetze teilweise bei dem Versuch, Beute zu machen, zerreiße. Das Problem sei jedoch, dass allzu oft der Fischbestand mit dem Fischereiertrag gleichgesetzt werde. Dabei handle es sich allerdings um zwei komplett unterschiedliche Angaben. „Im Fischereiertrag spiegeln sich ausschließlich die fischereilich nutzbaren Arten wider, außerdem noch andere Faktoren, wie die Anzahl der Fischer oder der Fischereiaufwand“, führt Maier aus. Was den tatsächlichen Fischbestand des Bodensees angehe, habe der Kormoran keine negative Auswirkung. „Nicht der Räuber reguliert die Beute, sondern umgekehrt.“

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Der Brutbestand habe in den vergangenen zwei Jahren noch einmal zugenommen, trotz des angeblichen Fischmangels. Und eine Zunahme des Kormorans bei gleichzeitigem Fischmangel wäre ökologisch nicht möglich, erklärt die Naturschutzexpertin.

Eine Ausnahme gebe es allerdings: Arten, die ohnehin aufgrund anderer Faktoren selten geworden seien, beispielsweise die Äsche. Diese Art leide enorm unter dem Klimawandel. „Wenn nun einige Kormorane den Laichplatz der Äschen entdecken, können sie dort empfindliche Schäden in der Population ausrichten. Diese Plätze müssen deshalb geschützt werden, um die Art zu erhalten“, führt sie aus.

Vertriebene Vögel verteilen sich auf restlichen See

Zusammenfassend lässt sich Maier zufolge sagen, dass der Kormoran, wenn überhaupt, ein Faktor von vielen sei, die den Fischereiertrag am Bodensee beeinflussen. Ein Abschießen zur Regulierung würde so große Kollateralschäden innerhalb eines international bedeutenden Vogelschutzgebietes mit sich bringen, dass der etwaige fischereiliche Nutzen in keinerlei Verhältnis zum Preis stünde, den die Natur dafür zu zahlen hätte.

Im Vorarlberger Rheindelta würden seit über zehn Jahren jährlich Maßnahmen zum „Management“ der dortigen Kolonie vorgenommen, so Maier: „Mit dem Resultat, dass sich die ursprünglich fast 200 Brutpaare dort nun auf den restlichen See verteilt haben. Lokale Vergrämung von Brutkolonien führt immer zu einer Aufsplittung der Kolonien, die sich in der Folge andere Brutplätze suchen.“

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Ein Großteil der jährlich rund 750 betroffenen Kormorane werde in den Schutzgebieten des deutschen Untersees und des Vorarlberger Rheindeltas geschossen. In wichtigen Vogelschutzgebieten, die der NABU-Mitarbeiterin zufolge vor allem in den Herbst- und Wintermonaten weit über 100.000 Wasservögel beherbergen. „Die ‚lethale Vergrämung‘ eines Kormorans führt dazu, dass tausende Entenvögel auffliegen und die wichtigen Schutzgebiete verlassen. Vor allem zur kalten Jahreszeit im Winter bedeutet das einen enormen Energieverlust. Diese Kollateralschäden werden aber leider meist vergessen in der Diskussion um den Kormoran“, kritisiert Lisa Maier.