Große Früchte werden verkauft, kleine bleiben am Baum hängen: Bei der Kirschenernte mussten diesen Sommer viele Obstbauern Abstriche machen. Denn verkauft wurden fast nur noch große Früchte. „Früher hätten wir auch die Kirschen mit nur 22 bis 24 Millimeter Durchmesser gepflückt. Heute lohnt sich das nicht mehr, wir bekommen sie nicht los“, berichtet Manfred Büchele.

Manfred Büchele ist Obstbauer und Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Obstbau Bodensee in Bavendorf.
Manfred Büchele ist Obstbauer und Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Obstbau Bodensee in Bavendorf. | Bild: Benjamin Schmidt

Als Obstbauer und Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Obstbau Bodensee weiß Büchele, dass er nicht der einzige Landwirt ist, dessen Kirschen dieses Jahr zum Teil an den Bäumen hängen blieben. Zu groß sei die Konkurrenz durch größere Früchte aus anderen Ländern, die hier zu billigen Preisen verkauft werden.

Mit der ausländischen Konkurrenz mithalten könnten nur Landwirte mit großer Anbaufläche. „Da habe ich aber auch keine Wahl, ich kann eine solche Menge ja nicht beim Wochenmarkt loswerden“, erklärt Manfred Büchele. Schaffen es die Kirschen vom Bodensee erst einmal in den Supermarkt, werden sie auch nachgefragt. Diese Erfahrung hat zumindest Büchele gemacht.

Frisch geerntete Kirschen werden in großen Kisten zum Obstgroßhandel geliefert.
Frisch geerntete Kirschen werden in großen Kisten zum Obstgroßhandel geliefert. | Bild: Manfred Büchele

Trotz Inflation: Bodensee-Obst wird nachgefragt

„Die Hysterie, dass Menschen wegen der Inflation kein Geld für Lebensmittel ausgeben, ist meiner Meinung nach nicht korrekt“, sagt der Experte. Er wisse, dass Touristen und auch Einheimische gerne das Obst vom Bodensee kaufen, auch wenn es teurer sei als die importierten Früchte. „Den Unterschied bemerkt man letztlich in der Qualität.“

Obwohl die Nachfrage nach regionalem Obst aktuell noch besteht, sieht Manfred Büchele künftig einige Probleme auf die Landwirte zukommen: steigende Kosten für Pflanzenschutz– und Düngemittel, höhere Energiekosten sowie einen Anstieg des Mindestlohns ab Oktober. Theoretisch müssten die Obstbauern ihre Preise erhöhen, um ihre Existenz langfristig zu sichern.

Äpfel aus Polen sind billiger als Bodensee-Äpfel

Doch wie Büchele erklärt, sind die Landwirte dann nicht mehr wettbewerbsfähig. Äpfel aus Polen beispielsweise seien billiger als Bodensee-Äpfel und liegen demnach im Wettbewerb vorne. „Das alles zusammen mit der aktuellen Situation auf der Welt verbreitet gerade schlechte Stimmung bei den Bauern“, weiß Büchele.

Der Landwirt selbst bleibt optimistisch. Er ist der Auffassung, dass die Zukunft des Obstanbaus in der Region mit einem gut durchdachten Vermarktungskonzept gesichert werden kann. „Bei Äpfeln stehen wir prinzipiell schon gut da. Aber bei der Vermarktung der Bodensee-Kirschen gibt es Verbesserungspotenzial“, findet Büchele.

Eine bessere Vermarktungsstrategie werde jedoch nicht reichen. Auch so wird sich die Situation der Obstbauern in der Region verändern, ist sich Büchele sicher. Er vermutet: Gerade kleinere Landwirte können irgendwann nicht mehr im Wettbewerb mithalten und deswegen ihren Beruf aufgeben.

Die Kirschernte in der Bodenseeregion lief dieses Jahr gut. Experte Manfred Büchele spricht von einem „ordentlichen“ Ertrag.
Die Kirschernte in der Bodenseeregion lief dieses Jahr gut. Experte Manfred Büchele spricht von einem „ordentlichen“ Ertrag. | Bild: Lippisch, Mona

Landwirtschaft steht vor Herausforderungen

Diese Zukunftssorgen sieht auch Andrea Hutt vom gleichnamigen Biohof in Friedrichshafen-Ailingen. Neben ansteigenden Kosten zählt die Landwirtin insbesondere die Klimakrise als Schwierigkeit für nachfolgende Generationen auf. „Wetterextreme wie Hitze und Dürre oder Frost und Hagel machen die Arbeit nicht einfach. Die Zukunft wird für landwirtschaftliche Betriebe eine Herausforderung“, sagt Hutt.

Was sich schon aktuell im Familienbetrieb Hutt bemerkbar mache, sei die Inflation. Anders als Manfred Büchele bemerkt die Obstbäuerin seit einigen Wochen einen Rückgang der Nachfrage. Sowohl im Hofladen als auch am 24-Stunden-Automaten würden weniger Produkte verkauft. „Die Leute sparen weniger am Urlaub, an Kleidung oder am Handy. Nein, sie sparen eher beim Einkauf von Lebensmitteln“, vermutet sie.

Frieder und Andrea Hutt in den Apfelplantagen. Voraussichtlich ab der kommenden Ernte im Herbst muss die Familie den Preis ihrer ...
Frieder und Andrea Hutt in den Apfelplantagen. Voraussichtlich ab der kommenden Ernte im Herbst muss die Familie den Preis ihrer Produkte erhöhen. Gründe sind unter anderem die Inflation, teurere Energiepreise und ein höherer Mindestlohn. | Bild: Nicole Maskus-Trippel

Täglich könne sie Kunden beobachten, die sich Gedanken darüber machen, ob sie sich das gute Weidehähnchen oder den Biosalat leisten wollen oder nicht. „Angefangen hat alles mit der Energie-Bepreisung. Seitdem schauen die Leute ganz genau hin, was sie kaufen“, berichtet Hutt. Und die Kunden würden vergleichen: Ist das Gemüse im Supermarkt oder bei regionalen Anbietern billiger?

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„Mit im Ausland unter geringeren Umwelt- und Sozialstandards produzierter Import-Discounter-Ware können wir natürlich nicht mithalten“, gibt Andrea Hutt zu. Das Obst und Gemüse, das aus dem Ausland importiert wird, sei deutlich billiger als Produkte, die sie auf ihrem Hof anbaut. Steigende Energiekosten, höhere Futterkosten für die Tiere und die anstehende Erhöhung des Mindestlohns im Oktober seien alles Faktoren, die Familie Hutt einkalkulieren muss.

„Mit im Ausland produzierter Import-Discounter-Ware können wir natürlich nicht mithalten.“
Andrea Hutt, Biohof Hutt

„Bisher haben wir – anders als Supermärkte – noch keine Preise unserer eigenen Produkte erhöht. Wir haben alle Mehrkosten aus der eigenen Tasche gezahlt“, sagt die Landwirtin aus Friedrichshafen. Auf Dauer sei das jedoch keine Lösung, betont Hutt. Vermutlich Richtung Herbst werden auch auf dem Häfler Biohof die Preise für die Produkte angepasst.