Gerade in diesen schwierigen Zeiten, in denen Menschen Trost und Orientierung suchen, ist sie selbst ins Straucheln gekommen: die Kirche. Sowohl die katholischen als auch die evangelischen Kirchengemeinden im Landkreis und darüber hinaus mussten sich angesichts der pandemischen Umstände neu erfinden, um die Menschen zu erreichen. Wie haben die Kirchen die Corona-Zeit erlebt? Dekan Bernd Herbinger von der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen und Pfarrer Hannes Bauer, Evangelische Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen, geben Einblicke.

Wie für alle sozialen Einrichtungen stellt die Pandemie auch für die Kirchen als Dienstleisterinnen und Glaubensgemeinschaften eine Hürde dar. „Alle für die Kirche wichtigen Bereiche, also Gottesdienste, Caritas und die Glaubensweitergabe, mussten seit Beginn der Pandemie Tiefschläge einstecken“, sagt Dekan Bernd Herbinger, Pfarrer in der St.-Columban-Kirche.

So war im Frühjahr 2020 Kirche im klassischen Sinne gar nicht mehr möglich, familiäre religiöse Feiern wie Trauungen oder Taufen mussten mehrmals verschoben werden und auch Menschen in Not konnte nur über Umwege geholfen werden.

Dekan Bernd Herbinger über die Mitgliederzahlen in der katholischen Kirchengemeinde Friedrichshafen: „Die Kirchenaustritte haben ...
Dekan Bernd Herbinger über die Mitgliederzahlen in der katholischen Kirchengemeinde Friedrichshafen: „Die Kirchenaustritte haben zugenommen.“ | Bild: privat

„Viele Menschen haben ihr Herz geöffnet und sich Gedanken darüber gemacht, wie wir uns als Kirche einbringen und helfen können. Zum Teil wurden mit pfiffigen und alternativen Lösungen Großes geleistet“, erzählt Bernd Herbinger. So wurde Vieles digital abgefangen oder im Freien veranstaltet. Über zwei längere Perioden hinweg gab es eine Armenspeisung vor der Canisius-Kirche, sagt er.

Kirchenkonzerte konnten unter Auflagen und im kleinen Rahmen ebenfalls organisiert werden, sagt Herbinger. Insbesondere die Kindergartenarbeit konnte unter erheblichem Einsatz fortgesetzt werden. So konnte kirchliches Leben, da wo es möglich war, stattfinden: mit Freude und Wut, aber vor allem Gottvertrauen, so der Dekan Bernd Herbinger.

Über zwei längere Perioden hinweg gab es in der schwierigen Corona-Zeit eine Armenspeisung vor der St.-Petrus-Canisius-Kirche.
Über zwei längere Perioden hinweg gab es in der schwierigen Corona-Zeit eine Armenspeisung vor der St.-Petrus-Canisius-Kirche. | Bild: Verchio, Graziella

Ähnliches berichtet auch Pfarrer Hannes Bauer von der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen. „Wir haben progressiv mit einem digitalen Format angefangen. Plötzlich haben Menschen ungeahnte Gaben entdeckt und wurden richtig aktiv.“ So sind in den ersten beiden Wellen Video-Gottesdienste unter dem Titel ‚Mein Beruf – meine Berufung‘ entstanden, mit Akteuren die im Lockdown nicht arbeiten konnten. „Der Grundgedanke dabei war: Wenn ihr nicht zu uns kommen könnt, dann kommen wir als Kirche zu euch. Dabei sind spannende Gottesdienste entstanden, etwa in einem Friseursalon und einem Kunstatelier“, so der Pfarrer.

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Digitale Angebote gibt es in beiden Kirchen weiterhin, zuletzt auch an Weihnachten. „Sämtliche Angebote – ob in den Kirchen, online oder im Freien – wurden von den Bürgern sehr gut angenommen. Wir bekommen weiterhin positive Rückmeldungen“, sagt Pfarrer Bauer. Dies bestätigt auch Dekan Bernd Herbinger für die katholische Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen. „Es haben sich sogar Menschen, die nicht in der Heimat waren, dazu geschalten.“

Weg von der Komm-her-Struktur

Die eigentliche Seelsorge war indes für beide Kirchen schwierig. „Wir haben eigentlich weitestgehend eine Komm-her-Struktur. Nun mussten wir aktiv die Kontaktaufnahme starten“, sagt Bernd Herbinger selbstkritisch. Dies ist auf dem Höhepunkt der Krise nur bedingt gelungen, telefonisch oder auch per Post. „Uns war es jedoch wichtig zu signalisieren: wenn es schlimm wird, könnt ihr jederzeit anrufen.“

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Pfarrer Hannes Bauer ergänzt: „Meine Frau und ich haben an Ostern rund 50 Mitgliedern unserer Kirchengemeinde kleine Osterkerzen mit Brief vor die Tür gestellt.“ Wo es möglich war, fanden Gespräche im Freien statt. Zusätzlich gab es vor den evangelischen Kirchen ein Gottesdienst „To go“: kleine Pakete mit einer Gottesdienstanleitung für Zuhause. „Die Pakete waren schnell vergriffen“, sagt Hannes Bauer, Pfarrer in der Bonhoeffer Kirche. „Wir wollten den Menschen zeigen: wir sind trotzdem für euch da.“

Die evangelische Bonhoeffer Kirchengemeinde hat vor der Kirche ein Gottesdienst „To go“ angeboten.
Die evangelische Bonhoeffer Kirchengemeinde hat vor der Kirche ein Gottesdienst „To go“ angeboten. | Bild: Verchio, Graziella

Und auch der Dekan Bernd Herbinger selbst geriet in dieser schwierigen Zeit ins Grübeln. „Ich habe nicht an Gott gezweifelt oder den Glauben an den heiligen Teil der katholischen Kirche verloren. Aber ich habe am Bestand gesellschaftlicher Werte gezweifelt“, gesteht er. Die Krise verändere öfter ihr Gesicht und man wisse nicht, was als nächstes komme. Doch er ist sich sicher: „Es kommen auch wieder bessere Zeiten.“

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Pfarrer Hannes Bauer habe vor allem das erste Corona-Jahr vor Herausforderungen gestellt. „Ich habe diese Zeit, in der wir nach außen hin nicht so präsent sein konnten, als viel stressiger empfunden“, sagt er. „Ich habe mich ständig gefragt ‚kannst du noch mehr machen? Hast du vielleicht etwas vergessen?‘“ Hinzu kam das Verwaltungschaos mit den Corona-Verordnungen, die schnell umgesetzt werden mussten. „Insgesamt mussten wir uns neu orientieren und umdenken.“

Vertrauenskrise sorgt für Austritte bei den Kirchen

Allerdings: nicht nur Corona macht den Kirchen derzeit zu schaffen. Immer mehr Menschen treten aus den Kirchen aus. „Die Austritte aus der katholischen Kirche haben zugenommen. Aber nicht der Pandemie wegen, sondern aufgrund der Vertrauenskrise“, sagt Bernd Herbinger. Die Risse im Fundament seien deutlich zu sehen, so Dekan Herbinger. „Die Aufarbeitung des Missbrauchs ist nicht adäquat – in Tempo und Umfang.“ Pfarrer Hannes Bauer: „Hier muss ganz offensiv Aufklärung betrieben werden.“

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Ein Austritt trifft nicht nur die Hierarchie der Kirche, sondern vor allem die Kirchengemeinden vor Ort, gibt Bernd Herbinger zu Bedenken. Gerade für die katholische Kirchengemeinde in Friedrichshafen ist der Mitgliederschwund ein Problem. „Die Austrittszahlen sind auch am See hoch und können nicht ignoriert werden“, sagt der Dekan Herbinger.

Gleichwohl gilt: Die konstant hohe Zahl von Sterbefällen und die kontinuierlich abnehmende Zahl von Taufen weisen darauf hin, dass vor allem der demografische Wandel einen wesentlichen Einfluss auf die Mitgliederentwicklung hat, meint der Dekan. „Der Rückgang der Zahl der Kirchenmitglieder kann daher nicht allein auf Austritte zurückgeführt und mit dem Slogan ‚Den Kirchen laufen die Mitglieder davon‘ beschrieben werden“, so Herbinger.

Kirchen in Zahlen

„Kirchenmitglieder sterben oder ziehen weg, ohne dass im gleichen Umfang neue Mitglieder durch Taufe oder Aufnahme gewonnen werden können. Austritte beschleunigen aber den demografisch bedingten Mitgliederschwund erheblich“, sagt der Dekan.

Wie soll es in Zukunft weitergehen?

Künftig werde man sich auf einige wenige Bereiche konzentrieren müssen und auch Liebgewordenes auf den Prüfstand stellen, sagt Dekan Bernd Herbinger. Und Pfarrer Hannes Bauer kann sogar etwas Positives aus der Krise ziehen. „Die Kreativität ist definitiv gestiegen. Gerade die digitalen Angebote bieten viele Möglichkeiten. So erreichen wir Menschen, die wir so nie in die Kirche bekommen würden“, fasst er zusammen.