Selbst manch gestandener Metzger kann sich nur schwer vorstellen, wie so eine zierliche Frau wie Katrin Gössl ein Schwein schlachtet oder eine 150 Kilo schwere Rinderhälfte zerlegt und entbeint. „Mit Technik, nicht mit Kraft“, erklärt die Tochter des Tettnanger Metzgermeisters. Der durfte sich am Montagabend gleich doppelt freuen. Denn als Obermeister der Metzger-Innung der Kreishandwerkerschaft Bodenseekreis hat Rainer Gössl bei der Lehrabschlussfeier nicht nur einen starken Jahrgang ins Berufsleben verabschiedet. Seine Tochter schloss die dreijährige Fleischer-Ausbildung auch noch als Beste ab – mit einem Prüfungsergebnis von 1,1.

Ausbildung in einer Männerdomäne erfolgreich abgeschlossen (von links): Julia Greinwald, Katrin Gössl und Theresa Hügle mit ihrem Gesellenbrief als Fleischerin. Hana Eberding (2.v.l.) ist jetzt Fachverkäuferin.
Ausbildung in einer Männerdomäne erfolgreich abgeschlossen (von links): Julia Greinwald, Katrin Gössl und Theresa Hügle mit ihrem Gesellenbrief als Fleischerin. Hana Eberding (2.v.l.) ist jetzt Fachverkäuferin. | Bild: Cuko, Katy

Dabei war „Kati“ Gössl nicht die einzige Frau in der Fleischerklasse. Mit ihr bekamen auch Theresa Hügle und Julia Greinwald aus Meersburg, die trotz eines Motorradunfalls und neunmonatiger Zwangspause ihren Abschluss geschafft hat, von Georg Beetz ihren Gesellenbrief ausgehändigt. Drei Mädels, die in einem Jahrgang Metzgerin werden, „das gab es seit 50 Jahren nicht“, freute sich der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Und ein viertes Mädel eifert den Junggesellinnen bereits nach. In der Überlinger Metzgerei von Fridolin Zugmantel lernt Melissa Meloncelli den Beruf und ist derzeit im zweiten Lehrjahr.

Die Freude am Beruf sieht man den Junggesellinnen an, die der Ausbildung-Kampagne der Metzger-Innung ihr Gesicht geben.
Die Freude am Beruf sieht man den Junggesellinnen an, die der Ausbildung-Kampagne der Metzger-Innung ihr Gesicht geben. | Bild: Metzgerei Zugmantel/Susanne Pokrop

So viel Frauen-Power im doch eher männlich geprägten Handwerk nutzt die Metzger-Innung Bodenseekreis, um für dringend benötigten Nachwuchs zu werben. „Anders als Du denkst“ ist die Ausbildungs-Kampagne überschrieben, deren Gesicht Theresa Hügle, Melissa Meloncelli und Katrin Gössl sind. Die Branche ist durch die Schlachtindustrie und Tierquäler-Skandale mit einem schlechten Image behaftet. Dass regionale Handwerksmetzger anders arbeiten, brachte der Innungs-Obermeister in seiner Rede so auf den Punkt: „Bei uns hat Qualität ein Gesicht. Im Supermarkt hat Qualität eine Hotline.“

Nur noch ein gutes Dutzend Metzgereien im Bodenseekreis

Dabei sind nur noch ein gutes Dutzend Fleischereien im Bodenseekreis übrig geblieben, genau 13 Innungsbetriebe für rund 220 000 Einwohner. Das Handwerk blutet aus, auch bei den Metzgern. „Als ich 1996 den Vorsitz übernommen habe, waren es noch 28 Betriebe im Kreis“, sagt Innungsmeister Rainer Gössl, dessen Familie in Tettnang seit 1956 eine Fleischerei betreibt.

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Umso größer ist seine Freude, dass mit Tochter Katrin nun die Nachfolge gesichert wäre, zumal sich sein Sohn beruflich anders orientiert hat. Dabei war auch sie zunächst berufsfremd unterwegs, „auch wenn ich faktisch in der Metzgerei aufgewachsen bin“, erzählt Katrin Gössl. Erste Wahl war ein BWL-Studium im Gesundheitsmanagement. Nach dem erfolgreichen Abschluss arbeitete sie im Controlling am Klinikum Konstanz.

Junggesellinnen haben noch viel vor

Aber die Vorstellung, jetzt noch 40 Jahre am Computer zu sitzen und Excel-Tabellen zu wälzen, ließen sie dann doch nachdenklich werden. „Ich wollte was mit meinen Händen schaffen. Also hab‘ ich die Fleischerlehre angefangen. Papa ist glücklich, und ich bin es jetzt auch“, sagt sie lachend. Dabei hat sie noch einiges vor, will in anderen Betrieben reinschnuppern und vor allem ihren Meister machen. Den Abschluss braucht Katrin Gössl, sollte sie mal das Geschäft ihres Vaters übernehmen wollen.

„Ich liebe Fleisch“, sagt Julia Greinwald, die aber ebenfalls familiär vorgeprägt ist. Papa ist Fleischermeister in der Metzgerei Otto Müller in Konstanz. Sie möchte nach dem schweren Unfall aber erst einmal gesundheitlich wieder topfit werden. Große Pläne hat die Meersburgerin trotzdem. Auch sie will den Meister machen und vielleicht sogar Lebensmitteltechnologie studieren, wenn sich die Möglichkeit ergibt.

Ein starker Jahrgang: die 13 Fleischergesellen und drei Fachverkäufer nach Abschluss ihrer Ausbildung mit Georg Beetz (links), Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, und Innungsmeister Rainer Gössl (rechts).
Ein starker Jahrgang: die 13 Fleischergesellen und drei Fachverkäufer nach Abschluss ihrer Ausbildung mit Georg Beetz (links), Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, und Innungsmeister Rainer Gössl (rechts). | Bild: Cuko, Katy

Auch bei der Metzgerei Hügle, die seit 1904 in Frickingen für Fleisch und Wurst auf dem Teller sorgt und noch selbst schlachtet, gibt es keine Nachwuchssorgen mehr. Die Zwillinge Theresa und Andreas, die beim Papa in die Lehre gingen, haben jetzt ihren Gesellenbrief als Fleischer in der Tasche. Der älteste Sohn ist bereits Metzgermeister und die zweite Tochter im Verkauf. Und zwei weitere Metzger-Söhne des aktuellen Gesellenjahrgangs eifern ihren Vätern nach, sind aber nicht bei ihnen in die Lehre gegangen. Philip Winkler von der Immenstaader Metzgerei lernte das Handwerk bei Meister Thomas Reiß in Friedrichshafen, Dominik Buchmann bei Wolfgang Binger in Waldburg.

Ein starker Jahrgang

Kein Wunder also, dass die 13 Fleischergesellen ein in jeder Hinsicht starker Jahrgang sind, was sich auch in den Prüfungsleistungen zeigte. „So ein Ergebnis hatten wir noch nie“, stimmte letztlich auch der Chef der Prüfungskommission, Manfred Fleschhut, in den Freudengesang ein.

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