So extrem wie in den heißen Monaten der vergangenen beiden Jahre sind die Wucherungen wetterbedingt in diesem Sommer bislang nicht. Und doch kennt wohl jeder, der schon mal einen Badeausflug an den Bodensee gemacht hat, die mitunter spitzen Schreie bei unerwartetem Kontakt zwischen Schwimmer und Unterwasservegetation: Hilfe, Schlingpflanzen! Rechtfertigt das, was da im Wasser in die Höhe ragt, die spitzen und mitunter angsterfüllten Ausrufe aber tatsächlich?

„Natürlich gibt es im See große Felder von Wasserpflanzen. Und ja, sie wachsen in den Uferrandzonen ab einer Tiefe von einem bis etwa zehn Metern – also tatsächlich in einem Bereich, der von Badegästen und Schwimmern genutzt wird“, erklärt Biologin Petra Teiber-Sießegger von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) Auskunft. Eine Gefahr stellen Wasserpflanzen ihr zufolge aber nicht dar. Und: „Schlingpflanzen sind sie schon gar nicht.“

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Wasserpflanzen schnappen sich keine Schwimmer

Unter all den verschiedenen Gruppen von „submersen Makrophyten“, wie Biologen „untergetaucht lebende und mit bloßem Auge erkennbare“ Wasserpflanzen nennen, gibt es keine einzige Schlingpflanzenart. Denn Schlingpflanzen sind Kletterpflanzen, die ein Gerüst oder eine anderweitige Hilfe brauchen, die sie umschlingen können, um kletternd daran emporzuwachsen. So etwas gibt es im Wasser nicht.

Aus biologischer Sicht ist die Angst vor Schlingpflanzen im Wasser also schon mal völlig unbegründet. Und eine Pflanze, die das Bein eines Schwimmers umschlingt und ihn unter Wasser zieht? Das ist auch rein logisch gar nicht machbar, denn dann müssten die Pflanzen ja in Sekundenschnelle wachsen.

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Michael Behrendt, Stationsleiter der Wasserschutzpolizeidirektion Friedrichshafen, bezeichnet die Schlingpflanzengeschichte als „alte Mähr“. 30 Jahre ist er im Außendienst zu allen möglichen Einsätzen auf dem See unterwegs gewesen, an eine Seenotrettung mit Schlingpflanzen als Ursache kann er sich nicht erinnern.

Michael Behrendt
Michael Behrendt | Bild: Cuko, Katy

„Bei Badeunfällen sind häufig ältere Menschen mit Herz-Kreislaufproblemen betroffen“, sagt Behrendt, „oft Menschen, die noch gar nichts von ihren gesundheitlichen Problemen wussten.“ Kommen Überhitzung oder Panik dazu, entstehe schnell eine Notsituation. „Hin und wieder waren Alkoholgenuss und die Fehleinschätzung der eigenen Schwimmfähigkeit die Ursache von Badeunfällen, aber von Ertrunkenen in Schlingpflanzen habe ich dienstlich nie gehört“, berichtet Behrendt.

Hektische Schwimmbewegungen vermeiden

Rudi Krafczik ist seit 56 Jahren bei der DLRG in Friedrichshafen aktiv und bei mehr als 150 Einsätzen mitgefahren. „Wenn man ganz bewusst, ruhig und langsam über einen Pflanzenteppich drüber schwimmt, passiert eigentlich nix“, erklärt er.

Rudi Krafczik
Rudi Krafczik | Bild: Andrea Fritz

Erst wenn man zu zappeln anfängt, könne man sich verheddern. „Dann läuft über Stress, Luftknappheit, Hektik und Panik ein kaum noch beeinflussbares Schema ab“, sagt Krafczik. „Ruhe bewahren und langsam agieren, ist deshalb das Wichtigste“, rät er. Auch kann das unerwartete Berühren eines Gewächses oder von Pflanzenteilen einen Schreck auslösen, dem mitunter mentaler Stress, Panik und letztlich eine Notsituation folgen.

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Kapitäne sollten darauf achten, gar nicht durch Pflanzenfelder zu fahren, weil durch die Rotation der Antriebsschraube die Wasserpflanzen regelrecht abgemäht und aufgewickelt werden. Das kann zum Festfahren führen. Nur aus diesem Grund ist auch das Mähen von Wasserpflanzen zur Freihaltung von Häfen und offiziellen Schifffahrtslinien erlaubt. Da die Unterwasserwelt unter besonderem Schutz steht, um das Ökosystem See zu erhalten, ist zum Mähen jedoch eine Genehmigung des Landratsamtes erforderlich.

Und was wächst da so?

Laichkräuter sind die im See am stärksten vertretene Wasserpflanzengruppe. Bekannt ist vor allem das Durchwachsenblättrige Laichkraut, da es mit seinen Trieben bei warmen Temperaturen in großen Feldern bis zur Oberfläche wuchert. „Grund dafür ist, dass es winzige Blüten hat, die durch den Wind bestäubt werden. Allerdings kann es sich auch über das Wurzelwerk vermehren“, erklärt Petra Teiber-Sießegger. „In den Zellen seiner Stängel hat es Lufteinschlüsse, weshalb es nach oben wachsen und auch schwimmen kann. Obwohl diese Laichkrautart etwa vier Millimeter dicke Stängel hat, kann sie leicht von Schwimmern ab- oder ausgerissen werden.“

Durchwachsenblättriges Laichkraut
Durchwachsenblättriges Laichkraut | Bild: Kerstin Hahn

Am nördlichen Ufer weit verbreitet ist das Kammlaichkraut. Es ist eine Unterart der Laichkräuter und wächst wie die ganze Gruppe in ufernahen Flachbereichen bis fünf Meter Wassertiefe.

Kammlaichkraut
Kammlaichkraut | Bild: Kerstin Hahn

Armleuchteralgen muten in ihrer Struktur etwas stachelig an. Sie bilden in größeren Tiefen unterseeische Wiesen. Ausgedehnte Armleuchteralgen-Rasen gedeihen im Untersee und im Überlinger See.

Armleuchteralge
Armleuchteralge | Bild: Kerstin Hahn

Das Tausendblatt ist durch seine roten Stängel und das fadenartige Blattwerk eine hübsche, grazile und sehr fotogene Pflanze, die außerdem besonders viel Sauerstoff bildet.

Tausendblatt
Tausendblatt | Bild: Kerstin Hahn

In den Bereichen des Sees, wo wenig Strömung herrscht und viele Nährstoffe vorhanden sind, können schon ab dem Frühjahr Fadenalgen vorkommen. In großen Feldern schwebt sie wie hellgrüne Watte im Wasser. Ans Ufer gespült entstehen oft richtige Haufen, die unter Sonneneinstrahlung ausbleichen und übel riechen.

Fadenalgen
Fadenalgen | Bild: Kerstin Hahn
Ans Ufer gespülte Fadenalgen
Ans Ufer gespülte Fadenalgen | Bild: Kerstin Hahn