Im Gerichtsverfahren wegen Mordes gegen eine 84-Jährige vor dem Landgericht in Konstanz hat deren Pflichtverteidigerin Kristina Müller zu Beginn des Prozesses dessen Aussetzung beantragt. Sie habe bedingt durch die Corona-Pandemie und die schwierigen gesundheitlichen Vorbedingungen ihrer Mandantin bislang keine ausreichende Möglichkeit besessen, sich eingehend mit ihr zu beraten sowie eine Verteidigungsstrategie zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund werde sich ihre Mandantin gegenwärtig auch nicht zum Tatvorwurf oder zu anderen Einzelheiten äußern.

Das könnte Sie auch interessieren

Ex-Mann mit Benzin übergossen und angezündet

Gestützt auf Pflichtverteidigerin Kristina Müller hatte die 84-Jährige am Morgen den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Konstanz betreten. Dort muss sie sich dem Vorwurf stellen, im Januar im westlichen Bodenseekreis ihren Ex-Mann ermordet zu haben. Sie soll ihm laut Anklage mit einem Fleischerhammer mehrfach auf den Kopf geschlagen haben. Als der elf Jahre jüngere Mann ihr schwer verletzt den Hammer abgenommen habe und mit der Notrufzentrale telefonierte, sei sie in die Garage gelaufen, habe eine Kanister mit Benzin geholt und ihren Ex-Mann, während er telefonierte, damit übergossen und angezündet. An den Brandverletzungen und der Rauchvergiftung sei der Mann qualvoll gestorben.

Die Hände der Angeklagten. Der 84-Jährigen wird vorgeworfen, im Januar ihren Ex-Mann ermordet zu haben.
Die Hände der Angeklagten. Der 84-Jährigen wird vorgeworfen, im Januar ihren Ex-Mann ermordet zu haben. | Bild: Schnurr, Michael

„Unübersehbare kognitive Einschränkungen und Auffälligkeiten“

Der Vorsitzende Richter Arno Hornstein bat zunächst den psychiatrischen Sachverständigen Peter Winckler aus Tübingen um seine Einschätzung. Winckler hatte die Angeklagte drei Mal im Mai, Juni und Juli dieses Jahres in der Justizvollzugsanstalt aufgesucht. Auch er berichtete von schwierigen Bedingungen, unter denen er die Untersuchung der Angeklagten hatte vornehmen müssen. Gleichwohl habe er bei der Angeklagten „unübersehbare kognitive Einschränkungen und Auffälligkeiten“ festgestellt.

„Es war ein Mosaik von überraschend klaren Antworten und in Teilbereichen dann von völliger Ebbe.“
Sachverständiger Peter Winckler

Neben einer Schwerhörigkeit und einer stark eingeschränkten Sehfähigkeit attestierte der Sachverständige „hirnoganische Beeinträchtigung mit sehr eingeschränkte sensorischen Fähigkeiten“. Allerdings könne nicht davon gesprochen werden, dass sie „ psychotisch, verwirrt, desorientiert oder hochgradig dement“ sei. „Die Angeklagte ist verhandlungsfähig.“ Eine eben erst vorgenommene hirnanatomische Untersuchung habe jedoch Durchblutungsstörungen des Gehirns ergeben. Das entspreche seiner Beobachtung: „Es war ein Mosaik von überraschend klaren Antworten und in Teilbereichen dann von völliger Ebbe.“ Eindeutig ausschließen konnte der Sachverständige allerdings einen Verfolgungswahn oder dass das Beziehungsleben wahnhaft beeinflusst gewesen sei. Der Sachverständige empfahl dem Gericht, die Sitzungen immer wieder durch Pausen zu unterbrechen.

Das könnte Sie auch interessieren

Vor einigen Tagen wurde der Haftbefehl gegen die Frau aufgehoben, sie wurde in eine Pflegeeinrichtung verlegt, wo eine anwaltliche Vorbereitung des Verfahrens eher möglich sei. Vor diesem Hintergrund schlug Hornstein vor, zunächst mit der Zeugenvernehmung zu beginnen. Die Entscheidung über eine Unterbrechung oder Aussetzung des Verfahrens könne später getroffen werden. Nach der Vernehmung der Feuerwehrleute, die im Januar zu dem Brandeinsatz worden waren, setzte er aufgrund des positiven Verlaufs des ersten Verhandlungstages die Fortsetzung des Prozesses für kommenden Freitag, 9 Uhr, an.

Feuerwehrmänner trafen Seniorin auf dem Balkon an

In der Vernehmung hatten die Feuerwehrmänner übereinstimmend ausgesagt, dass sie die Seniorin außerhalb der brennenden Wohnung auf dem Balkon angetroffen hätten. Übereinstimmend war auch die Aussage, dass sie nicht hilfesuchend oder aufgelöst erschienen sei. Vielmehr habe sie eher einen zufriedenen, aber auch abwesenden Eindruck gemacht.

Die Angeklagte verfolgte das Prozessgeschehen weitgehend unbeteiligt. Nur gelegentlich bat sie ihre Anwältin, sie bei der Benutzung ihres Kopfhörers zu unterstützen.

Bild: Philipp von Ditfurth/dpa