18 Plätze hat das einzige Frauen- und Kinderschutzhaus im Bodenseekreis zur Verfügung. „Das sind auch außerhalb einer Ausnahmesituation nicht viele“, sagt Kathrin Stumpf, Geschäftsführerin des AWO-Kreisverbands Bodensee-Oberschwaben, zu dem das Frauenhaus gehört. Aufgrund der Corona-Pandemie könnten sie das Schutzhaus nun aber nicht mehr voll belegen, erklärt Stumpf. Denn auch Frauenhäuser müssen die Vorgaben betreffend „Social Distancing“ erfüllen und Corona-Verdachtsfälle isolieren können.

Kathrin Stumpf, Geschäftsführerin AWO-Kreisverband Bodensee-Oberschwaben.
Kathrin Stumpf, Geschäftsführerin AWO-Kreisverband Bodensee-Oberschwaben. | Bild: Heinz Unglert

Deshalb mietet das AWO-Frauenschutzhaus jetzt zusätzlich Ferienwohnungen an. Denn eines scheint klar: Die Fälle von Gewalt gegen Frauen und Kinder werden zunehmen. Da ist sich die Leiterin des Hauses sicher. „Wir gehen davon aus, dass sich der Bedarf an Plätzen noch massiv erhöhen wird“, betont die Leiterin – aus Sicherheitsgründen nennen wir in diesem Artikel den Namen nicht.

Warum nimmt die Gewalt gegen Frauen und Kinder im häuslichen Umfeld jetzt zu?

„Vor allem in belasteten Familien, wo Gewalt bereits ein Thema ist, kann die Enge für Frauen und Kinder nun lebensbedrohlich werden“, erklärt die Frauenhaus-Leiterin. Nicht alle Familien hätten eine Wohnung mit Balkon oder Garten: „Sie leben auf engstem Raum zusammen und haben kaum Möglichkeiten, einander bei Konflikten aus dem Weg zu gehen.“ Hinzu kämen existenzielle Sorgen: „Die Angst um den Arbeitsplatz etwa.“ Auch befürchtet sie, dass der Alkoholmissbrauch zunimmt. Angst, Enge und Alkohol: Das sei eine toxische Mischung, die oft in Gewalt ausarte.

„Gewalt gegen Frauen und Mädchen war bereits vor der Corona-Krise ein beträchtliches Problem. Die Krise und die Isolierungsmaßnahmen verschärfen jedoch die Problematik.“
Veronika Wäscher-Göggerle, Frauen- und Familienbeauftragte

Das bestätigt auch die Frauen- und Familienbeauftragte des Bodenseekreises, Veronika Wäscher-Göggerle: „Gewalt gegen Frauen und Mädchen war bereits vor der Corona-Krise ein beträchtliches gesellschaftliches Problem. Die Krise und die Isolierungsmaßnahmen verschärfen jedoch die Problematik.“

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Es sei auch anzunehmen, dass es in einer größeren Anzahl von Partnerschaften zu Gewalt komme und der sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen zunehme. Das Jugendamt des Bodenseekreises stellt jedoch derzeit keine Zunahme von Gewalt gegen Frauen und Kinder im häuslichen Umfeld fest, wie es auf SÜDKURIER-Nachfrage mitteilt.

Dass die offiziell gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt nicht steigen, könnte umso mehr Grund zur Sorge sein

Noch stiegen die Fallzahlen häuslicher Gewalt im Bodenseekreis nur leicht, bestätigt die Frauenhaus-Leiterin. Auch das Polizeipräsidium Ravensburg hält fest, dass „keine signifikante Steigerung im Bereich der häuslichen Gewalt erkennbar“ sei. „Es ist noch nicht so dramatisch, wie wir das vor zwei Wochen befürchtet haben“, sagt die Frauenhaus-Leiterin. „Unsere beste Vermutung ist, dass es am derzeit guten Wetter liegt. Das könnte die Gemütslage unterstützen, sodass es gerade noch gut geht.“

„Wir befürchten, dass Betroffene derzeit gar keine Möglichkeit haben, zu fliehen oder sich Hilfe zu suchen.“
Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses Bodenseekreis

Doch sie befürchte auch, dass von Gewalt betroffene Frauen, Kinder und Jugendliche derzeit überhaupt keine Möglichkeit haben, sich zu melden, so die Leiterin: „Da sie zuhause unter ständiger Beobachtung stehen und die Wohnung gar nicht mehr verlassen können.“ Die Betroffenen hätten weniger Fluchtmöglichkeiten und könnten nicht die Polizei rufen.

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Nachbarn, Freunde und Verwandte sind jetzt stärker gefordert, Gewaltopfern zu helfen

„Den direkten Kontakt zu halten ist aber derzeit viel schwieriger“, betont die Frauenhaus-Leiterin. Bei einem Verdacht sollten Verwandte oder Nachbarn auch nicht selbst aktiv werden: „Reingrätschen, indem man etwa Infomaterial auf das Handy schickt, kann kontraproduktiv sein, da der gewalttätige Partner das Handy vielleicht kontrolliert.“

Deshalb empfehle es sich, zuerst das Frauenhaus oder das bundesweite Hilfetelefon für Opfer von Gewalt anzurufen. „Dann kann besprochen werden, welche Schritte jetzt Sinn machen.“ Grundsätzlich gelte: Lieber einmal zu viel als zu wenig anrufen.

Hier finden Opfer von häuslicher Gewalt sowie deren Nachbarn oder Verwandte Hilfe und Unterstützung

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