Eigentlich sollte auch Stefan Neher, Rektor der Grundschule in Salem-Mimmenhausen, mit am Tisch sitzen. Doch weil er für eine erkrankte Lehrerin im Unterricht einspringen muss, kann er an dem lange vereinbarten Treffen nicht teilnehmen. „Sind Schulleiter etwa Hilfslehrer?“, bringt Dorothea Vollmer das größte Problem in den Grundschulen im Land auf den Punkt: den Lehrermangel.

Grundschulen sollen nicht das Stiefkind der Bildungspolitik im Land bleiben

Die Rektorin der Grundschule in Salem-Neufrach hat genau wie ihre Schulleiter-Kollegin Sonja Fahlenbock von der Grundschule Salem-Beuren erneut großen Gesprächsbedarf. Im Frühjahr 2018 begehrten die vier Rektoren aus dem Salemertal – damals noch mit der inzwischen pensionierten Leiterin der Grundschule Heiligenberg, Gabriele Heidenreich – öffentlich dagegen auf, dass die Grundschulen „das Stiefkind der Bildungspolitik“ im Land sind. Seither habe sich so gut wie nichts getan, beklagt Dorothea Vollmer heute. Im Gegenteil: „Die Vernachlässigungen der vergangenen Jahre kommen durch die Pandemie noch mehr zum Tragen.“

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Dabei blieb der öffentlich formulierte Protest der vier „Grundschul-Rebellen“ aus dem Salemertal vor zweieinhalb Jahren nicht ohne Wirkung. Nach einer Schulleiter-Tagung in Stuttgart folgten sie der Einladung der Landeskultusministerin, sich direkt an sie zu wenden. Sie schrieben im November 2019 einen offenen Brief an Susanne Eisenmann. Der wurde quasi als Speerspitze der Lehrer über die Bildungsgewerkschaft GEW zur Kampagne „Grundschulen – weg vom Abstellgleis“ aufgebaut.

Über 3000 Unterschriften für eine bessere Unterstützung der Grundschulen

Mit durchschlagendem Erfolg: Knapp 3100 Lehrer von mehr als der Hälfte aller 2500 Grundschulen in Baden-Württemberg unterzeichneten den offenen Brief, davon knapp 700 Schulleiter. Mit anderen Worten: Fast jeder dritte Grundschulrektor im Land fordert mehr Unterstützung vom Kultusministerium ein.

Stefan Neher, Dorothea Vollmer und Doro Moritz (von links) bei der Landespressekonferenz im November 2019 zum Start der Kampagne „Grundschulen – Weg vom Abstellgleis“.
Stefan Neher, Dorothea Vollmer und Doro Moritz (von links) bei der Landespressekonferenz im November 2019 zum Start der Kampagne „Grundschulen – Weg vom Abstellgleis“. | Bild: Gew

„Der Brief hatte ein hohes Medieninteresse“, erinnert sich Dorothea Vollmer. Zusammen mit Stefan Neher gab sie am 11. November 2019 in der Landespressekonferenz ein Statement zum Start der Kampagne ab. Am 9. März dieses Jahres überreichten die Rektorinnen vom Bodensee die gesammelten Unterschriften mit GEW-Chefin Doro Moritz an Susanne Eisenmann. Sie habe den Brief sehr Ernst genommen, so Sonja Fahlenbock, und ihnen versprochen, auf jeden Punkte in dem Brief persönlich zu antworten. „Darauf warten wir bis heute“, so Dorothea Vollmer.

Gabriele Heidenreich, ehemalige Rektorin der Grundschule Heiligenberg, überreicht mit ihren Schulleiter-Kolleginnen Sonja Fahlenbrock und Dorothea Vollmer (von links) im März dieses Jahres die Unterschriftensammlung an Landeskultusministerin Susanne Eisenmann.
Gabriele Heidenreich, ehemalige Rektorin der Grundschule Heiligenberg, überreicht mit ihren Schulleiter-Kolleginnen Sonja Fahlenbrock und Dorothea Vollmer (von links) im März dieses Jahres die Unterschriftensammlung an Landeskultusministerin Susanne Eisenmann. | Bild: GEW Stuttgart

Corona hat uns gewissermaßen die Show gestohlen.“ Fakt sei aber, dass die Pandemie eigentlich nur deutlich mache, unter welchen Bedingungen Grundschulen arbeiten müssen, weil sie keine personellen Reserven haben. Ein Beispiel: Fällt eine Lehrerin krankheitsbedingt aus, war es notwendige Praxis, ihre Klasse aufzuteilen. „Wir dürfen die Gruppen aber nicht mehr mischen. Was hat nun Priorität: die Corona-Verordnung oder die verlässliche Grundschule, die keine Kinder heimschickt?“, sagt Dorothea Vollmer.

Zwei Klassen und ein Lehrer

Mit solchen Fragen lassen das Kultusministerium und auch die Schulämter die Schulen allein. In der Praxis bleibe oft nichts anderes übrig, als sich „individuelle Lösungen“ zu basteln, die dem Bildungsauftrag nicht gerecht werden und „bei den Kollegen an die Substanz gehen“, schimpft Sonja Fahlenbock. So wie offene Türen von zwei Klassenzimmern, zwischen denen ein Lehrer dann eben hin und her springen muss.

Zusätzlich zum Lehrermangel gebe es weitere Dauerprobleme. Nach wie vor fehlen an den Grundschulen sogenannte Poolstunden, um Kinder gezielt zu fördern oder Profile aufzubauen. „Wir haben keinerlei Spielräume oder Reserven über das Pflichtprogramm hinaus“, beklagt Dorothea Vollmer – von zusätzlichen Stellen für Sprachförderung, Inklusion oder eben Vertretung ganz zu schweigen.

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Dazu kommen eine schlechtere Bezahlung der Grundschullehrer bei höheren Deputaten als in allen anderen Schularten. Die Kultusbürokratie argumentiere, dass Grundschullehrer dann auch zwei Semester länger studieren müssten, wenn sie ebenfalls in der Stufe A13 besoldet werden wollen. „Die Wertigkeit unserer Arbeit ist doch aber die gleiche“, sagt Dorothea Vollmer.

Rektorinnen wollen nicht locker lassen

Und nun? Die Corona-Pandemie habe ihr Engagement etwas ausgebremst. „Jetzt aufzuhören geht aber gar nicht. Wir wollen die Diskussion neu beleben“, erklären die beiden Rektorinnen, die sich mit Stefan Neher eins wissen. „Was ist der Politik die Bildung an der Basis Wert? Diese Frage stelle ich mir jeden Tag“, bringt es Dorothea Vollmer auf den Punkt.

Sie warten auf die Antworten und vor allem Lösungsvorschläge von Susanne Eisenmann auf ihre Fragen aus dem offenen Brief. Locker lassen wollen die „Grundschul-Rebellen“ aus dem Salemertal jedenfalls nicht.