Der Bodensee war für Nikolay Linder immer schon ein Sehnsuchtsort. Jetzt kennt er ihn aus einer neuen Perspektive, die kein Mensch je erlebte: Der 47-Jährige umrundete den Bodensee. Besser: er umschnorchelte ihn.

Andere queren den Bodensee und erzielen Rekorde. Linder jedoch ist der erste Mensch der Welt, der als Schwimmer nahezu das komplette Bodenseeufer erkundete. Am 12. September startete er in Romanshorn, schnorchelte im Uhrzeigersinn am Ufer entlang – 174 Kilometer – und kam am 1. Oktober in Romanshorn wieder an. Den Kopf hielt er meistens unter Wasser, weil das Kraft sparender für ihn ist. Nun berichtete er, was es dort zu entdecken gibt.

Probeschwimmen auf etwas mehr als sieben Kilometern

Nik Linder ist zwar Extremsportler, aber nicht im Langstreckenschwimmen. „Bevor ich hier eine große Welle mache, bin ich mit meiner Frau an den Bodensee und habe geschaut, ob ich längere Strecken überhaupt schaffe“, berichtete er dem SÜDKURIER. Nach damals 7,5 Kilometern habe er sich gedacht: „Wird schon klappen.“

Den größten Teil der Strecke hielt Nik Linder den Kopf unter Wasser und atmete über einen Schnorchel.
Den größten Teil der Strecke hielt Nik Linder den Kopf unter Wasser und atmete über einen Schnorchel. | Bild: Matthias Siebert

Mit dem Bodensee kam Nik Linder, der in Ludwigsburg aufgewachsen ist, erstmals im Badezimmer in Berührung: „Ich war schwer beeindruckt, als mir meine Mutter berichtete, dass bei uns Bodenseewasser aus dem Hahn kommt.“ Seine Eltern zeigten ihm Überlingen, die Pfahlbauten und die Mainau. „Für mich war der Bodensee das größte vorstellbare Wasser überhaupt“, so seine Erinnerungen an Kindheitstage. Heute wohnt er mit seiner eigenen Familie in Freiburg, er bereiste die ganze Welt, verlor den Bodensee aus dem Blick – lernte ihn während der Corona-Zeit, wie er sagt, „notgedrungen aber wieder schätzen“.

Er kann sechseinhalb Minuten die Luft anhalten

Extremsportler ist Linder in der Disziplin des Apnoetauchens, beim Tauchen ohne Hilfsmittel. Sechs Minuten und 32 Sekunden lang, so sein Rekord, könne er unter Wasser die Luft anhalten. Er bildet Taucher ohne Flasche aus, schreibt Bücher. Er hält Vorträge über das richtige Atmen, das zu tiefer Entspannung führe. Und er „versucht sich in Weltrekorden“, wie es auf seiner Internetseite heißt.

Für die 174 Kilometer lange Strecke war er 19 Tage unterwegs. Hier ein Bild mit Linder und Gepäcktasche vor Sipplingen.
Für die 174 Kilometer lange Strecke war er 19 Tage unterwegs. Hier ein Bild mit Linder und Gepäcktasche vor Sipplingen. | Bild: Matthias Siebert

Auf seiner Bodenseetour schnorchelte Linder pro Tag eine Strecke von neun Kilometern. Den Kopf hob er meist nur, um sich zu vergewissern, dass kein Boot seinen Weg kreuzt, oder um den vorgeschriebenen Abstand zu Häfen einzuhalten. Sonst, so berichtete der 47-Jährige, habe er sich an der Uferlinie orientiert, wie sie sich ihm unter Wasser darbot. Zuweilen habe er eine Bucht ausgelassen und Abkürzungen genommen, weshalb seine Tour auf 174 Kilometer schrumpfte, obwohl die Uferlinie des Bodensees in voller Länge 273 Kilometer betrage.

Die schönste Sicht gibt es im Überlinger See

Als den schönsten Teil empfand er „alles ab Konstanz in Richtung Marienschlucht und am ganzen Überlinger See entlang“. Er schwärmt von den Fischen, dem kristallklaren Wasser „und dem tollen Bewuchs“. Es sei faszinierend zu sehen, wie sich die Landschaft über Wasser unter Wasser fortsetzt.

Linder startete am 12. September in Romanshorn. Er war im Uhrzeigersinn unterwegs und erreichte Romanshorn am 1. Oktober wieder.
Linder startete am 12. September in Romanshorn. Er war im Uhrzeigersinn unterwegs und erreichte Romanshorn am 1. Oktober wieder. | Bild: Matthias Siebert

Seatrekking nennt er seine Art, Küstenlandschaften zu erschließen. Seine Reisegeschwindigkeit liegt bei rund zwei Stundenkilometern. Er schnorchelt bei Flusskrokodilen in Mexiko und mit Orcas in Norwegen, sowie entlang der bunten Küsten von Kroatien. In der Corona-Zeit habe er nun wieder den Bodensee entdeckt. Nach Rochen und Hai jetzt eben Karpfen und Hecht. Wobei eine Tour im Bodensee ihn genauso dazu inspiriere, ganz bei sich zu sein: „Beim Seatrekking muss man sich von der Idee des Ankommens verabschieden, sondern sich auf den Moment konzentrieren.“

Auch mit Schnorchel kann man Lieder singen

Der Einsamkeit und der Stille unter Wasser begegnete Linder, indem er Lieder sang. „Einatmen, langsam ausatmen, das sorgt für einen niedrigen Puls.“ Er sagt: „Stimme ist vertonte Atmung. Man zwingt sich beim Singen dazu, langsamer auszuatmen.“ Wenn es kalt wurde, trotz seines drei Millimeter dicken Neoprenanzugs, wenn der See, wie im Rheindelta, aufgewirbelt und die Sicht ganz grottig war, dann habe er gesungen: „Don‘t worry, be happy“.

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Nicht unter, sondern über Wasser liegt die größte Erkenntnis

Wie hat sich sein Bild vom See auf dieser ungewöhnlichen Reise verändert? Das waren laut Linder weniger die Beobachtungen unter Wasser, als vielmehr die Gespräche am Ufer. Zum einen waren da die Begegnungen auf den Campingplätzen, zum anderen Gespräche, die der SWR für eine Fernsehdokumentation aufzeichnete (sie sollen laut Linder im Oktober ausgestrahlt werden). Es gab vor laufender Kamera Treffen mit Fischerin Elke Dilger, Pfahlbauchef Gunter Schöbel, Gärtnern von der Reichenau und anderen Seebewohnern. Heute wisse er: „Der See hat eine Auswirkung auf die Menschen. Man könnte ja meinen, dass man das Schöne nicht mehr sieht, wenn man es an jedem Tag vor Augen hat. Nicht aber am Bodensee. Den Bewohnern ist sehr bewusst, dass sie an einem wirklich schönen Ort wohnen.“