Seit Freitag ist klar: Finanziell ist der Flughafen Friedrichshafen am Limit angekommen, auch wenn eine Sanierung noch möglich ist. Mit dem Antrag der Geschäftsführung des Bodensee-Airports auf Insolvenz in Eigenverwaltung soll nun Zeit gewonnen werden, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie und struktureller Probleme in den Griff zu bekommen.

Klar ist, dass der Flughafen überschuldet ist. Das bedeutet, dass alle Vermögenswerte nicht mehr ausreichen, um die Forderungen der Gläubiger zu begleichen. Der Airport hat Verbindlichkeiten gegenüber Dritten in Höhe von rund 34,5 Millionen Euro. Nun muss ein Insolvenzplan erarbeitet werden, damit danach das Insolvenzverfahren eröffnet werden kann.

Das könnte Sie auch interessieren

OB Andreas Brand hält Flughafen für wichtigen Teil der Verkehrsinfrastruktur

Die Stadt Friedrichshafen ist mit dem Landkreis eine der beiden Hauptgesellschafter des Bodensee-Airports. In einer Stellungnahme der Stadt heißt es zu den aktuellsten Entwicklungen: „Ziel dieses Verfahrens ist die Sanierung von Unternehmen, nicht die Liquidierung. Im Mittelpunkt stehen der Erhalt des Unternehmens und damit die Sicherung der Arbeitsplätze. Das ist für die Stadt als Gesellschafter natürlich in unserem Interesse.“ Oberbürgermeister Andreas Brand fügt hinzu, dass der weitere Betrieb des Flughafens „für den Wirtschafts- und Tourismusstandort Friedrichshafen und die gesamte Region unverändert von enormer Bedeutung“ sei.

Das könnte Sie auch interessieren

Zudem sei der Airport ein „fester Baustein in der Verkehrsinfrastruktur der Region“. Auf die Frage des SÜDKURIER, was der OB angesichts knapper Kassen zu weiteren Finanzspritzen sagt, heißt es seitens der Pressestelle des Rathauses: „Zunächst einmal muss das Schutzschirmverfahren zeigen, wie die Perspektiven für den Flughafen aussehen können. Ohne Kenntnis des Sanierungsplanes und die Vorschläge des Insolvenzverwalters sind Antworten spekulativ und verfrüht.“

Landrat: In Gutachten wurde Potenzial des Flughafens klar herausgearbeitet

Landrat Lothar Wölfle erklärt auf Anfrage: „Unser Ziel ist der Erhalt und die Zukunftsfähigkeit des Flughafens. Das nun eingeleitete Schutzschildverfahren ist ein rechtlich notwendiger und aktiv gestaltender Schritt auf diesem Weg.“ Die Bedeutung und das Potenzial des Bodensee-Airports seien erst kürzlich nochmal im Gutachten der Firma Roland Berger klar herausgearbeitet worden.

„Auf das gesamtwirtschaftliche Umfeld im Zusammenhang mit der Pandemie haben Geschäftsführung und Gesellschafter naturgemäß keinen Einfluss.“
Lothar Wölfle, Landrat

„Hierin sind auch die Chancen und Handlungsfelder benannt. Diese haben weiterhin Gültigkeit. Auf das gesamtwirtschaftliche Umfeld im Zusammenhang mit der Pandemie haben Geschäftsführung und Gesellschafter naturgemäß keinen Einfluss“, betont der Landrat des Bodenseekreises. Ist der Erhalt des Flughafens in seinen Augen also ein realistisches Zukunftsszenario? „Ja, und ein erstrebenswertes“, sagt er. Auf die Frage, ob dafür nicht auch der Bodenseekreis weitere Finanzmittel für den Airport bereitstellen muss, erklärt Wölfle: Das sei im Augenblick noch nicht abzusehen.

Am Mittwoch soll es in Berlin ein Spitzentreffen zur Rettung der Flughäfen geben:

Netzwerk für Friedrichshafen hält nachhaltige Sanierung für richtig

Jürgen Holeksa, Fraktionschef des Netzwerks für Friedrichshafen, schreibt in einer Pressemitteilung, das Netzwerk fühle sich in der Einschätzung bestätigt. „Wir haben uns stets gegen das vorgeschlagene Finanzierungskonzept ausgesprochen und als einzige Fraktion mehrfach eine Insolvenz in Eigenverantwortung vorgeschlagen“, schreibt Holeksa.

Das könnte Sie auch interessieren

Dabei sei schon im Herbst die Faktenlage eindeutig gewesen. So weise das Sanierungsgutachten inhaltliche und fachliche Lücken auf, das strategische Konzept zeichne sich durch „Kraftlosigkeit, Mutlosigkeit und Ideenlosigkeit“ aus und das Finanzierungskonzept habe mit der „Optimierung des Status quo“ nicht zu einem Schuldenschnitt geführt. Das Netzwerk betonte in seiner Mitteilung die Unterstützung für den Flughafen: „Mit vielen Wochen Verspätung wird nun endlich der von uns vorgeschlagene Weg eingeschlagen, der aus unserer Sicht grundsätzlich zur nachhaltigen Sanierung des Flughafens führen könnte.“ Nach dem Schutzschirmverfahren müsse endlich ein tragfähiges Zukunftsbild erarbeitet werden.

Häfler Grüne sehen Chance für eine Neuausrichtung

„Nun ist es doch schon so weit: Der Flughafen Friedrichshafen ist in das Insolvenzverfahren gerutscht und soll saniert werden“, schreibt der Ortsverband der Grünen in Friedrichshafen in einem Pressetext. Bewahrer oder Kritiker des Flughafens – beide Seiten seien nun gefordert, sich mit der wirtschaftlichen Situation und den Erfolgsaussichten auseinanderzusetzen. Die Fortführung des Flughafens führe nicht nur zum längst absehbaren Schuldenschnitt und damit Verlusten für die Eigentümer und Gläubiger, sondern fordere sicherlich weiteres finanzielles Engagement über das erst vor einem halben Jahr zugesagte Volumen hinaus.

Das könnte Sie auch interessieren

„Dieses Geld fehlt, so wird in den derzeit laufenden Haushaltsberatungen deutlich, für andere kommunale Aufgaben und Projekte.“ Die Bündnisgrünen in Friedrichshafen fordern daher eine ergebnisoffene Diskussion und Auseinandersetzung bezüglich der Fortführung des Flughafens. „Stellen wir uns der Realität und nutzen wir die Chancen der Abwägung eines auf die Bedarfe und finanziellen Möglichkeiten ausgerichteten Betriebs oder eine Alternativbetrachtung, die Chancen für Arbeit, Wohnen und Klima bietet“, so die Grünen.