Hat der Flughafen Friedrichshafen eine Zukunft? Antwort auf diese schwierige Frage soll ein Gutachten der Berliner Unternehmensberatung Roland Berger GmbH liefern. Über das Ergebnis wurden am Montagabend Kreistag und Gemeinderat Friedrichshafen in einer gemeinsamen Sitzung informiert. Am Dienstagvormittag stellte Flughafen-Geschäftsführer Claus-Dieter Wehr die Zahlen und Prognosen in einer Medienkonferenz vor.

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Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet nach Roland Berger: ja, aber nicht ohne finanzielle Hilfe. Und der Finanzbedarf ist enorm. Der Flughafen braucht bis zum Jahr 2025 nach aktuellem Stand 29,5 Millionen Euro. Der größte Batzen von 19,3 Millionen Euro wäre für Investitionen fällig, „die nicht mehr aufgeschoben werden können“, machte Wehr klar. Hier geht es vor allem um Flugsicherheitstechnik und Ersatz für den maroden Tower.

Ohne Betriebskosten-Zuschuss geht‘s nicht mehr

Fürs operative Geschäft braucht die Flughafengesellschaft (FFG) vier Millionen Euro, und 6,6 Millionen Euro sind nötig, um Kredite und Darlehen zu finanzieren. Mit anderen Worten: Der Flughafen benötigt im Schnitt jedes Jahr eine Finanzspritze von knapp sechs Millionen Euro, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Und auch nach 2025 bleibt der Bodensee-Airport auf Hilfe angewiesen: Bis 2030 sind weitere Investitionen für 14,6 Millionen Euro nötig. Viel Geld, das zum größten Teil die Gesellschafter des Flughafens aufbringen müssten, an erster Stelle der Bodenseekreis und die Stadt Friedrichshafen, aber auch das Land Baden-Württemberg, das fünf Prozent der Anteile hält.

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Zur vollständigen Rechnung gehören allerdings auch 32 Millionen Euro an Schulden, die die Flughafen-Gesellschaft Stand Ende 2019 noch auf dem Konto hat. Dabei hatten Stadt und Kreistag erst 2017 ein Darlehenspaket im Wert von 17,4 Millionen Euro beschlossen, um den Flughafen nachhaltig von den drückenden Altschulden zu entlasten

Durch die Corona-Pandemie sind auch am Flughafen Friedrichshafen die Passagierzahlen eingebrochen. Aktuell rechnet die FFG mit rund 145 000 Fluggästen in diesem Jahr.
Durch die Corona-Pandemie sind auch am Flughafen Friedrichshafen die Passagierzahlen eingebrochen. Aktuell rechnet die FFG mit rund 145 000 Fluggästen in diesem Jahr. | Bild: Lippisch, Mona

„Es freut mich, dass Roland Berger die Bedeutung des Flughafens für die Region unterstreicht und eine Fortführung des Betriebs empfiehlt“, fasste Claus-Dieter Wehr das Ergebnis der Expertise zusammen. Doch woran macht sich angesichts dieses enormen Finanzbedarfs aus öffentlichen Geldern diese Einschätzung fest?

Wie entwickeln sich die Passagierzahlen?

Laut Gutachter gebe es eine konstante und „organische“ Nachfrage nach Flugleistungen von rund einer halben Million Passagiere pro Jahr. Je ein Drittel sind Geschäfts- und Besuchsreisende, etwa 40 Prozent Touristen. Diese „Hausnummer“ ist auch nötig, so Wehr, damit der Flughafen im operativen Geschäft kein Minus macht. Vor allem durch die Corona-Pandemie rechnen aber selbst die Gutachter nicht damit, dass 500 000 Fluggäste in den nächsten Jahren realistisch sind. Die Prognose geht von knapp 145 000 Passagieren in diesem Jahr und rund 360 000 Passagieren im kommenden Jahr aus. Aber selbst im günstigsten Fall rechnen die Experten für die Jahre ab 2022 mit maximal 491 000 Fluggästen in Friedrichshafen. „Wir erreichen die Zahlen wie vor Corona nicht vor 2025“, sagte Claus-Dieter Wehr, allerdings habe man sehr konservativ gerechnet.

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Welches Geschäftsmodell ist das Richtige?

Geprüft wurden mehrere Szenarien, so Wehr – von der Aufgabe des Flughafens bis zum Betrieb nur für Geschäftsreisende. Durchgerechnet wurden zwei Varianten: der Airport für Billigflieger oder das heute praktizierte Modell. Ergebnis: „Die Zahlen liegen nah beieinander“, so Wehr. Doch auf einen Konkurrenzkampf mit dem Flughafen Memmingen will und soll sich der Bodensee-Airport nicht einlassen. Also heißt die Empfehlung, weiter wie bisher auf den Mix an Fluggästen zu setzen und die Möglichkeiten des Marktes auszureizen. Denn egal welches Modell gewählt wird, keines bringt dem Flughafen so viel Geld ein, dass selbst bei 500 000 Passagieren pro Jahr nötige Investitionen oder Abschreibungen aus eigener Kraft finanziert werden können.

Warum ist die Aufgabe des Flughafens keine Option?

Laut Roland Berger braucht die Region den Flughafen. Das gelte in erster Linie für die Unternehmen, aber auch für die hohe Nachfrage nach touristischen Zielen. Wegen der mangelnden Verkehrsanbindung durch Straße und Bahn, die sich auch in Zukunft nicht maßgeblich verbessere, sei der Flughafen das beste Tor, um Europa und interkontinentale Ziele schnell zu erreichen. Zweites Argument der Unternehmensberater ist die Wertschöpfung, die Roland Berger auf brutto 56 Millionen Euro jährlich taxiert.

Wie geht‘s weiter mit dem Bodensee-Airport?
Wie geht‘s weiter mit dem Bodensee-Airport? | Bild: Bodensee-Airport

Abgesehen davon sei das rund 100 Hektar große Flughafengelände nur zu einem Drittel nutzbar. Der Erlös bei einer Verwertung der Flächen liege nur bei maximal 34 Millionen Euro. Und davon müssten zuerst die Schulden des Flughafens von derzeit 32 Millionen Euro getilgt werden. Finanziell sei das „keine attraktive Alternative“, so Wehr.

Wie Kreistag und der Gemeinderat in Friedrichshafen das Gutachten bewerten und beurteilen, wird Thema der politischen Auseinandersetzung in den kommenden Wochen werden. Bereits im Oktober sollen beide Gremien über die Marschrichtung und damit über die Zukunft des Bodensee-Airports entscheiden.

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