Leere Netze, kaum Nachwuchskräfte und viel zu magere Fische: Für die Berufsfischer am Bodensee scheinen die fetten Jahre vorbei zu sein. Anita Koops vom Internationalen Bodensee-Fischereiverband und Elke Dilger, Vorsitzende des Verbandes Badischer Berufsfischer am Bodensee, kennen die Probleme genau – ebenso ihre Ursachen.

Niedrige Erträge bei Felchen, Barsch und Hecht

Genaue Zahlen für das vergangene Jahr lägen zwar noch nicht vor, da sie erst Ende Juni veröffentlicht werden. Aber, sagt Anita Koops: „Das Jahr 2021 war geprägt durch sehr niedrige Erträge und liegt um mehr als 50 Prozent unter dem Zehnjahresmittelwert der Jahre 2011 bis 2021.“ Insbesondere die Felchen seien durch viele „historische Niedrigfangjahre“ seit 2015 das größte Problem der Berufsfischer. Zwar stehen die Fischer gegenüber dem Negativrekord aus 2019 etwas besser da. „Aber schon die ersten fünf Fangmonate im Jahr 2022 zeigen einen weiteren Rückgang des Felchen-Bestandes an“, beklagt Koops. Vor 20 Jahren sei noch die fünffache Menge gefangen worden.

Beim Barsch konnten die Ertragsrückgänge der vergangenen Jahre mit 15,4 Tonnen gefangenen Fischen zwar kompensiert werden. Dennoch lag der Ertrag noch etwa zehn Prozent unter dem niedrigen Zehnjahresmittel. Auch beim Hecht sei ein geringes Minus zum Vorjahr zu verzeichnen. Besserung ist nicht in Sicht. Anita Koops sagt: „Der Start ins Jahr 2022 lässt keine Hoffnung auf ein gutes Fangergebnis zu. Zumindest beim Felchen müssen wir davon ausgehen, dass sich der negative Trend fortsetzen wird.“

Nährstoffmangel: Felchen geben „erschreckendes Bild ab“

Der Rückgang hat mehrere Gründe. Elke Dilger identifiziert drei: Nährstoffmangel, Kormorane sowie die Quagga-Muschel. Der Nährstoffgehalt im See sinke seit Jahren. „Es gibt kaum Phosphat, das die Fische als Nahrung bräuchten. Hier muss die Forschung Wege finden, den Gehalt zu erhöhen“, sagt Dilger. Viele Fischarten würden daher an einer chronischen Unterernährung leiden. Die Folge: Die Fische sind zu mager. Und die wenigen gefangenen Felchen geben laut Anita Koops ein „erschreckendes Bild“ ab. „Würde ein Landwirt seine Tiere im Stall derart mangelernähren, würde ihm sicher die Genehmigung zur Haltung seiner Tiere entzogen werden“, vergleicht sie. Daher würden im Moment kaum Fischer zum Felchenfang auf den See fahren – es lohne sich nicht.

Elke Dilger, Vorständin des Verbandes Badischer Berufsfischer am Bodensee.
Elke Dilger, Vorständin des Verbandes Badischer Berufsfischer am Bodensee. | Bild: Elke Dilger

Kormoran und Quagga-Muschel bedrohen einheimische Arten

Hinzu kommt der Kormoran, von dem es am See immer mehr gibt. „Dessen riesige Population ist eine große Sorge für uns“, sagt Elke Dilger. Der Vogel gehöre zwar zum Bodensee. „Aber wir haben viel zu viele Exemplare hier und er darf nicht bejagt werden“, erklärt sie. Bis in die 1990er-Jahre habe es keine brütenden Kormorane am See gegeben – inzwischen sind es laut Koops etwa 900 Brutpaare. Bis zu 4000 der Vögel würden aus dem See fressen. Jeder Vogel fresse über 500 Gramm Fisch am Tag. Das macht insgesamt rund 700 Tonnen jährlich, die die Kormorane aus dem See entnehmen, rechnet Elke Dilger vor.

Ein Kormoran am Bodensee. Die Vögel fressen jährlich bis zu 700 Tonnen Fisch aus dem See.
Ein Kormoran am Bodensee. Die Vögel fressen jährlich bis zu 700 Tonnen Fisch aus dem See. | Bild: Brunhöber, Eike

Die Fischerei fordert daher bereits seit 20 Jahren eine Bestandskontrolle, passiert sei aber nichts. „Um auf eine verträgliche Anzahl Kormorane zu kommen, die dem Bestand der Fische im Bodensee entspricht, müssten wie in Österreich Vögel geschossen werden“, erklärt Kopps.

Als wäre das nicht genug, nimmt der Konkurrenzkampf um Nahrungsmittel durch nicht-heimische Arten zu. So breiten sich der Stichling und die Quagga-Muschel explosionsartig im Bodensee aus, beschreibt Dilger. Anita Koops erklärt: „Die Quagga-Muschel bindet durch ihre Filtriertätigkeit Nährstoffe am Grund und entzieht sie dem Nahrungsnetz.“ Zudem hänge sie sich an die Netze der Fischer und verursache so Schäden beim Heben der Netze.

Die seit 2016 eingewanderte Quagga-Muschel macht den Fischern das Leben schwer. Die entzieht dem Wasser Nährstoffe und zerstört die ...
Die seit 2016 eingewanderte Quagga-Muschel macht den Fischern das Leben schwer. Die entzieht dem Wasser Nährstoffe und zerstört die Netze der Fischer. | Bild: Tauch-Sport-Club Friedrichshafen / K.-H. Weltz

Steigende Preise in Restaurants und Supermärkten

Das hat Folgen, sowohl für Fischer als auch für Verbraucher. Anita Koops sagt: „Die Zukunft der Berufsfischer sieht alles andere als rosig aus. Wenn es so weitergeht, wird sich der Trend, das immer mehr Fischer ihren Beruf aufgeben, fortsetzen.“ Bis 2030 würden noch mindestens 20 Fischer das Rentenalter erreichen, es gebe kaum Nachwuchs. „Mit dem Berufsstand der Bodenseefischer geht dann ein wichtiger Teil eines Kulturgutes in der Kulturlandschaft des Bodensees verloren“, so Koops.

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Kurzfristig spüren die Verbraucher die Folgen vor allem im Geldbeutel: Die Preise für Fisch in den Restaurants und Läden würden weiter steigen. „Die Nachfrage von Gastronomen ist viel größer als das Angebot. Einige Gastronomen haben den Bodenseefisch bereits von der Karte genommen, da er so unzuverlässig geliefert werden kann“, so Koops. Zudem falle der Bodenseefisch als Werbemittel der Region weg. Elke Dilger sagt: „Das ist eine traurige Entwicklung. Wir Berufsfischer fühlen uns im Stich gelassen. Das Thema Fischerei wird am See sehr stiefmütterlich behandelt im Vergleich zu Tourismus, Schifffahrt und Baden.“

Fischerin fordert Mindest-Quoten

Lösungen sind aktuell kaum in Sicht. Kurzfristig könne laut Anita Koops nur eine Reduzierung der Kormoran-Bestände helfen. Ansonsten würden die Fischer vermehrt auf andere Fischarten wie Karpfen, Rotaugen und andere Weißfische umsteigen, deren Bestände noch etwas größer sind. Beim Thema Phosphat gebe es die Möglichkeit, das gereinigte Wasser aus den Klärwerken nicht in der Tiefe des Sees verschwinden zu lassen, wo es für den Nährstoffhaushalt verloren ist, sondern in die obere erwärmte Wasserschicht zu leiten. Doch bislang sei Phosphat ein „Tabuthema“ für die Politik.

Anita Koops fordert: „Bei all den Diskussionen um den Klimawandel und Regionalität, kann es für die Politik eigentlich nur ein Ziel geben: Der Bodensee muss wieder ertragreicher werden – sprich er braucht mehr Nährstoffe.“ Elke Dilger sieht das ähnlich. Während es in die 1990er-Jahren noch Fangquoten als Obergrenze gegeben habe, sei jetzt das Gegenteil nötig. „Die Politik könnte Mindestquoten festlegen, wie viel Fisch der Bodensee für die Bedürfnisse der Menschen am See liefern muss „, sagt sie.

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