Andrea Sprenger lädt zum Gespräch ins Kulturhaus Caserne. Dort arbeitet sie derzeit mit, was ihr neben ihrer Tätigkeit an der Bodensee-Schule durch die Krisenzeit geholfen habe. Auch hat sie acht Wochen in ihrem ehemaligen Beruf für die Stiftung Liebenau gearbeitet: „Finanziell komme ich klar“, sagt Sprenger. Was ihr fehle, das sei der Zirkus: „Die Rotzlöffel um mich herum, die Energie, die da rüberkommt, das vermisse ich.“

Sprenger macht seit rund 25 Jahren Zirkus, seit 2014 leitet sie die Zirkus-Akademie unter Trägerschaft des Vereins Theatertage am See. „Die ältesten der Kinder, die bei uns mitgemacht haben, sind inzwischen 30“, sagt sie. Sechs von den inzwischen jungen Erwachsenen seien professionell in die Artistik eingestiegen: „Die stehen jetzt mit dem Rücken zur Wand. Die versuchen jetzt, irgendwas zu machen, um zumindest ein bisschen Geld zu verdienen.“

Andrea Sprenger im Innenhof des Kulturhauses Caserne, in dem im Oktober der letzte und beinahe einzige Auftritt im Jahr 2020 der ...
Andrea Sprenger im Innenhof des Kulturhauses Caserne, in dem im Oktober der letzte und beinahe einzige Auftritt im Jahr 2020 der Zirkus-Akademie stattgefunden hat. | Bild: Lena Reiner

Im Jahr 2020 sei keine Handvoll Veranstaltungen an Stelle der üblichen 50 bis 70 möglich gewesen und wenn, dann nur mit viel Abstand, Masken und Desinfektionsmitteln. Eine zweitägige Freizeit in Tettnang hätte sie so etwa angeboten, mit jeweils acht Kindern an einem Tag und zwei Übungsleiterinnen neben ihr: „Das rechnet sich natürlich nicht, aber wir haben so auf die regelrechten Hilfeschreie der Kinder reagiert.“ Diese seien „fast zu brav“ gewesen: „So froh waren sie, dass das stattfand.“ An Stelle von 20 bis 25 Feuershows in der kalten Jahreszeit hätte lediglich eine einzige stattfinden können.

Spagat zwischen Arbeit und Homeschooling

Mit Fryderyk Heinzel und Joanna Klakla leben gleich zwei hauptberufliche Künstler in einem Haushalt. Die beiden haben ein eigenes Atelier in Überlingen. Schwierig empfinden sie derzeit vor allem den Spagat zwischen Arbeit und Homeschooling. Am meisten Betreuung benötige die jüngste Tochter, da sie erst eingeschult worden sei: „Das sind allein vier Stunden täglich“, sagt Joanna Klakla.

Fryderyk Heinzel und Joanna Klakla sind verheiratet und beide als freischaffende Künstler aktiv. Während der Corona-Pandemie standen sie ...
Fryderyk Heinzel und Joanna Klakla sind verheiratet und beide als freischaffende Künstler aktiv. Während der Corona-Pandemie standen sie vor unterschiedlichen Herausforderungen. | Bild: Lena Reiner

Generell zeigen sich die beiden gut gelaunt. „Das ist ein bisschen wie im Zirkus: Man muss jonglieren“, erklärt Klakla. 2020 habe sie ihre Werke in einer Reihe des IBC namens „Kunst aus der Krise„ zeigen können. Viele andere Termine seien ausgefallen. „Der zweite Lockdown hat uns überrascht“, verrät sie. Der IBC habe gerade seine Jahresausstellung juriert und vorbereitet: „Es ist alles aufgebaut, alles hängt und steht.“ Noch bestehe die Hoffnung, die Ausstellung wenigstens für zwei Wochen im Februar zugänglich machen zu können.

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Heinzels Schwerpunkt ist die Fotografie. „Der Porträtbereich ist natürlich weggefallen“, sagt er. Während des ersten Shutdowns im Frühling sei das schwer gewesen. Gerettet hätten sie beide die staatlichen Soforthilfen. In der Lockdown-Pause danach habe Klakla einige Bilder verkaufen können: „Das lief gut. Ich konnte ein Polster anlegen.“ Auch für ihn habe sich eine Lösung gefunden: „Ich fotografiere jetzt für Museen und Galerien. Das ist ein neuer Kundenkreis für mich.“ Durch die aktuelle Situation hätten die Häuser erkannt, dass es sinnvoll sei, ihre Werke auch digital zeigen zu können.

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Die Arbeit geht weiter, doch der Kontakt zu Publikum fehlt

Die Eriskircher Autorin Anja Jonuleit hatte ihre Recherchen in Riga für ein neues Buch vor der Corona-Pandemie bereits abgeschlossen und sagt: „Meine Arbeit, zumindest der schreiberische Anteil, wurde durch Corona wenig beeinflusst.“ Mehr noch, sie erkennt in der aktuellen Situation etwas Positives: „Ich hatte sogar den Eindruck, dass mehr Ruhe eingekehrt ist, eine größere Innerlichkeit.“

Gleichzeitig hätten keine Lesungen stattfinden können. „Das hat mir schon gefehlt, der Kontakt zu einem Publikum, mit dem sich ein Dialog entspinnt“, sagt sie. So eine Veranstaltung sei ja keine Einbahnstraße vom Typ „ich lese und die anderen hören zu“, sondern auch ein Austausch: „Ich freue mich immer, wenn hinterher Fragen kommen oder manche Leser gar eigene Erfahrungen einbringen.“

Anja Jonuleit konnte als Autorin während der Corona-Pandemie ganz normal weiterarbeiten: Nur Vor-Ort-Recherchen seien 2020 nicht möglich ...
Anja Jonuleit konnte als Autorin während der Corona-Pandemie ganz normal weiterarbeiten: Nur Vor-Ort-Recherchen seien 2020 nicht möglich gewesen und: „Ich vermisse Lesungen.“ | Bild: Lena Reiner

Ob sich die Pandemie finanziell ausgewirkt habe, könne sie bislang nicht sagen: „Was die Einnahmen durch Buchverkäufe angeht, so werde ich das erst Ende März feststellen können, wenn die Jahresabrechnung kommt.“ Natürlich fehlten die Einnahmen aus den Lesungen. Dennoch sei sie bisher sicher vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen: „Ich finde auch, dass diese Krise die Wahrnehmung für das schärft, was wir haben.“ Sie sei eine Chance, „dass wir das, was uns so selbstverständlich geworden war, wieder mit neuen Augen sehen: den Wohlstand, die Freiheit.“

Thomas Lutze: „Manch ein Lebensentwurf wurde einfach ausradiert“

Musiker und Musikpädagoge Thomas Lutz aus Friedrichshafen vermisst ebenfalls die Bühne: „schmerzlich sogar“. Gleichzeitig gehe es ihm „rein pekuniär“ gut. „So doof das klingt, habe ich damit gerechnet, dass sich das zu einer Pandemie entwickelt und sie im Herbst wiederkommt“, sagt er. So habe er sich seit März vorbereitet, seinen Fokus weg vom Bühnengeschäft gelegt. Er habe sich zuhause ein kleines Videostudio eingerichtet, biete von dort aus unter anderem Musiktherapie für Jugendliche an. „Wenn ich meine Finanzen anschaue, dann habe ich die Pandemie bisher unbeschadet durchgestanden“, sagt Lutz. Doch all die Projekte – darunter auch virtuelle Weihnachtskonzerte – könnten die Bühne nicht ersetzen.

Thomas Lutz spielt derzeit auf keiner Bühne, wohl aber online, vorrangig für pädagogische Aufträge.
Thomas Lutz spielt derzeit auf keiner Bühne, wohl aber online, vorrangig für pädagogische Aufträge. | Bild: Privat

„Es gibt Kollegen, denen geht es finanziell und psychisch schlecht. Manch ein Lebensentwurf wurde einfach ausradiert.“ Er selbst habe „Jede Krise birgt auch eine Chance“ zu seinem Motto erklärt. „Für meine Psyche“, erklärt Lutz.

Gleichzeitig übt er Kritik an den staatlichen Maßnahmen: „Das ist auch vor Corona ein Thema gewesen: Der Staat hat sich viel zu weit aus der Verantwortung gestohlen. Er müsste eigentlich für die kulturelle Grundversorgung zuständig sein.“ Lutz hofft, dass eine Lehre aus der Krise sein werde, dass der Staat sich ebendieser Verantwortung wieder stelle: „Der Markt regelt eben nicht alles. Was kein Geld bringt, wird nicht unterstützt.“ Das treffe auch auf andere Bereiche wie die Gesundheitsversorgung zu. Für die Unterstützung von Künstlern hat er einen konkreten Vorschlag: „Kommunen und Länder könnten Onlinebühnen schaffen und den Künstlern, die dort auftreten, eine Gage zahlen.“ Das halte er für deutlich sinnvoller, als alle paar Monate Soforthilfen zur Verfügung zu stellen.

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Wie Uli Boettcher die Krise als Solokünstler und als Veranstalter erlebt

Auch Kabarettist Uli Boettcher, der im Hoftheater Baienfurt gleichzeitig Veranstalter ist, sucht kreative Antworten auf die Krise. Aktuell arbeitet er mit Ariane Müller an einer Live-Sitcom: Toni Tortellini. „Das Crowdfunding dafür war erfolgreich. Wir mussten nur den Dreh aufgrund der aktuellen Lage verschieben“, erklärt er. Dabei gehe es weniger darum, ob sie rechtlich gemeinsam vor der Kamera arbeiten könnten, da hätte sich sicherlich ein Weg finden lassen: „Das ist auch eine moralische Frage.“

Uli Boettcher hatte im Sommer die Gelegenheit, auf Open Air-Bühnen aufzutreten. Hier war er im Kulturhaus Caserne zu Gast.
Uli Boettcher hatte im Sommer die Gelegenheit, auf Open Air-Bühnen aufzutreten. Hier war er im Kulturhaus Caserne zu Gast. | Bild: Lena Reiner

Boettcher übt sich darin, das Positive in der Krise zu sehen: „Sie fordert die Flexibilität enorm. Das ist anstrengend, aber macht auch Spaß.“ Um wen er sich allerdings große Sorgen mache, seien junge Künstler, die noch keine Rücklagen bilden konnten oder im Jahr 2020 „so richtig losgelegt“ hätten. „Die ganzen kleinen Spielorte, die verschieben die Termine nicht aufs nächste Jahr. Die sagen die komplett ab.“ Ob man eine solche Auftrittsreihe zu Karrierebeginn einfach um ein oder zwei Jahre verschieben könne, sei fraglich: „Für den Nachwuchs ist das echt hart.“ Selbst habe er Glück gehabt: „Wir haben ja eine eigene Bühne und konnten unser Sommertheater draußen machen. Ich habe fast acht Monate gespielt. Vielen Kollegen erging es deutlich schlimmer.“

Aus Sicht des Solokünstlers sei er gut durch die Krise gekommen, als Veranstalter sei die Lage „natürlich krasser“: „Das wird knapp, wenn da die Hilfen nicht kommen.“ Auch der Umsatzeinbruch von kleineren Veranstaltungshäusern, ist er überzeugt, werde auf dem Rücken der jungen Talente ausgetragen: „Im Normalbetrieb ist das eine Mischkalkulation aus Kassenschlagern und Nachwuchskünstlern.“