An Heiligabend wollte der Überlinger Robert Mayer nach dem Essen zum Weihnachtstreff ins „Galgenhölzle“: mit Bekannten über das vergangene Jahr plaudern und ein wenig unter Menschen kommen. Doch seit Beginn des Lockdowns im November ist die Kneipe vorerst geschlossen und die Ausgangsbeschränkungen wurden bis Mitte Januar verlängert. Der Treffpunkt wird daher auch an Weihnachten geschlossen bleiben.

Hat ein geschäftlich durchwachsenes Jahr hinter sich, freut sich aber auf Weihnachten: Robert Mayer, Inhaber des Reisebüros am Münsterplatz.
Hat ein geschäftlich durchwachsenes Jahr hinter sich, freut sich aber auf Weihnachten: Robert Mayer, Inhaber des Reisebüros am Münsterplatz. | Bild: Cian Hartung

Robert Mayer ist 68 Jahre alt, geschieden und lebt seit mehreren Jahren für sich allein. Als Inhaber eines Reisebüros hat er ein durchwachsenes Jahr hinter sich. „Aber gesundheitlich geht es mir gut“, sagt er. Allerdings: „Allein zu sein, kann man leider nicht so einfach ändern. Das betrifft sicherlich nicht nur mich. Viele Leute erzählen so etwas auch gar nicht.“

Ein Foto aus vergangenen Zeiten: Jung und alt vergnügt sich am Heiligabend in der Überlinger Kneipe Galgenhölzle.
Ein Foto aus vergangenen Zeiten: Jung und alt vergnügt sich am Heiligabend in der Überlinger Kneipe Galgenhölzle. | Bild: Erwin Niederer

Für Menschen wie Robert Mayer gab es in den vergangenen Jahren die Möglichkeit, auch an Weihnachten unter Menschen zu kommen. Neben geöffneten Kneipen wie dem „Galgenhölzle“ oder „Anusch‘s Pub“ in der Überlinger Schulstraße organisierte beispielsweise auch die Münstergemeinde St. Nikolaus regelmäßig ein gemeinsames Abendessen im Kolpingsaal in der Münsterstraße.

Geselligkeit dank Livestream aus dem Überlinger Münster

„Das Gefühl von Angst und allein zu sein ist in diesem Winter stark ausgeprägt“, bestätigt Bernd Walter, Pfarrer der Überlinger Münstergemeinde St. Nikolaus. „Die Nächte werden länger und man kann und darf abends nicht mehr rausgehen. Das schlägt auf das Gemüt vieler Menschen“, so Walter. Derzeit könne der Pfarrer keine Hausbesuche anbieten, bedauert er. Stattdessen sei er vermehrt auf den Überlinger Straßen unterwegs, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. „Die Hausbesuche finden derzeit auf der Straße statt.“

Pfarrer Bernd Walter von der Überlinger Münstergemeinde: „Meine Hausbesuche finden derzeit Corona-bedingt auf der Straße statt.“
Pfarrer Bernd Walter von der Überlinger Münstergemeinde: „Meine Hausbesuche finden derzeit Corona-bedingt auf der Straße statt.“ | Bild: Timm Lechler

Geselligkeit bietet die Pfarrgemeinde an Weihnachten in Form der Gottesdienste, die in diesem Jahr per Livestream auf Youtube auch auf die Bildschirme der Gemeindemitglieder kommen. Das sei selbstverständlich nicht das selbe wie in den Vorjahren, so Walter. Doch auf diese Weise können Menschen digital und live die Gottesdienste und das Krippenspiel mitverfolgen. Dafür, so der Pfarrer, habe die Gemeinde ein neues Breitbandkabel verlegen lassen, das Datenvolumen erhöht und sich eine Videokamera angeschafft.

Angst vor Einsamkeit bei Anrufern der Caritas-Beratungsstelle spürbar

Auch Josefa Gitschier, Leiterin der Beratungsstelle vom Caritas-Verband Linzgau, sieht in der Einsamkeit vieler Menschen an diesem Jahresende ein ernstes Problem. „Alleine zu sein, ist gerade bei älteren Menschen ein schwieriges Thema. Aktivitäten wie beispielsweise der Seniorensport fallen seit langem weg.“ Viele ältere Menschen wünschten sich, endlich ihre Kinder und Enkel wieder unbedarft sehen zu können.

Bild: Nitzsche, Viktoria

Laut Josefa Gitschier sei die Angst bei älteren Anrufern der Seelsorge spürbar, dass Treffen über Weihnachten nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Der Caritas-Verband Linzgau wolle daher um die Weihnachtszeit herum telefonischer Ansprechpartner für einsame Menschen sein, unterstreicht sie.

Erhöhte Zahl der Anrufer bei Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee

Bei der Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee sei Einsamkeit „stets ein großes Thema“ unter den Anrufern, bestätigt auch Bernadette Augustyniak, Leiterin des Seelsorgedienstes. „Jetzt trifft dies natürlich auch vermehrt Menschen, die bisher in ihrem Leben davon weniger betroffen waren. Diese Veränderung wird derzeit deutlich spürbar und schlägt sich auch in einer erhöhten Zahl von Anrufenden nieder.“

Bei der Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee haben sich in der Vorweihnachtszeit vermehrt Menschen zum Thema Einsamkeit gemeldet (Symbolbild).
Bei der Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee haben sich in der Vorweihnachtszeit vermehrt Menschen zum Thema Einsamkeit gemeldet (Symbolbild). | Bild: Cian Hartung

Aber die Telefonseelsorge stehe den Menschen rund um die Uhr offen, auch an den Feiertagen und in den Nachtstunden“, sagt Bernadette Augustyniak. Die Mitarbeiter seien verfügbar für die Sorgen, Nöte und die Gefühle der Anrufer. Über Telefon, Mail oder Chat könnten Menschen mit den Seelsorgern in Kontakt treten.

Telefonseelsorge an den Weihnachtstagen

Überlinger Psychotherapeut gibt Tipps gegen Einsamkeit

Der Überlinger Psychotherapeut Christian Kuhn betont, wie wichtig Familie und Angehörige für ein glückliches Leben seien. „Die Politik kennt den Wert der Familie. Deshalb hat sie ja auch Kontakte an Weihnachten zugelassen.“ Er könne nicht verstehen, warum dennoch viele seiner Patienten so wenig Wert auf sie legten. Er unterstreicht: „Das Wichtigste ist immer die Liebe.“

Überlinger Psychotherapeut Christian Kuhn: „Fühle dich nicht als Opfer deiner Einsamkeit, sondern nimm dein Glück in die Hand und erschaffe es.“
Überlinger Psychotherapeut Christian Kuhn: „Fühle dich nicht als Opfer deiner Einsamkeit, sondern nimm dein Glück in die Hand und erschaffe es.“ | Bild: Cian Hartung

Aber wenn man sich mit Familie oder Angehörigen sich zerstritten hat, sollte man an diesem Weihnachtsfest aufeinander zugehen, findet der Psychotherapeut. „Ob per Mail, Whatsapp oder am Telefon, das ist vollkommen egal“, so Kuhn. „Das Verzeihen ist die Voraussetzung, dass Schmerz aufhört. Fühle dich nicht als Opfer, sondern nimm dein Glück in die Hand und erschaffe es.“

Das könnte Sie auch interessieren

Laut Christian Kuhn sollten sich Menschen, die sich einsam fühlten, „nicht einen Tatort nach dem anderen schauen“. Vielmehr sollten sie sich fragen, warum ihnen dieser Umstand so schwerfalle und wie sie diesen Umstand für sich nutzbar machen könnten. Es gebe laut Kuhn einen Weg zum Glück im Alleinsein. „Man sollte die Zeit nutzen, um eine Bilanz zu ziehen, was war und ist und was ich im Leben möchte. Für jeden Menschen gilt: Man kann sich sein Glück selber erschaffen“, so der Psychotherapeut.

Robert Mayer muss Weihnachten nicht allein verbringen

Trotz des Lockdowns hat der Überlinger Robert Mayer in diesem Jahr dennoch eine Lösung gefunden, an Heiligabend unter Menschen zu feiern: Er wurde von Freunden zum Essen eingeladen, erklärt er mit Freude.

Robert Mayer freut sich auf das Weihnachtsfest im Kreis von Freunden und erzählt: „Es wird Wienerle mit Kartoffelsalat geben.“
Robert Mayer freut sich auf das Weihnachtsfest im Kreis von Freunden und erzählt: „Es wird Wienerle mit Kartoffelsalat geben.“ | Bild: Cian Hartung

„Es wird Wienerle mit Kartoffelsalat geben“, erzählt Mayer. „als Vorspeise vielleicht eine Suppe.“ Anschließend werden alle Teilnehmer der Runde heimfahren und sich am folgenden Weihnachtstag zum nächsten Essen wieder treffen. „Darauf freue ich mich.“