Es ist noch finster, als Andreas Geiger um 5 Uhr morgens seinen Van öffnet. Der See liegt schwarz und geheimnisvoll hinter den Büschen am Spetzgarter Hafen in Überlingen. Geiger hievt drei Fischkästen und eine Styroporkiste mit Eis aus dem Auto, streift sich die Gummistiefel über und marschiert los.

Frühstück gibt es erst auf dem See. „Die Zeit rennt“, sagt er. Denn die Fische, die er fängt, dürfen nicht zu lange in den Netzen hängen. „Das beeinträchtigt die Qualität.“

Fünf Netze hat Geiger am Abend zuvor im Überlinger See, dem nordwestlichen Teil des Bodensees, ausgelegt. Jetzt will er seine Beute einfangen. „Das Wetter ist gut“, sagt er. Und tatsächlich ist der Himmel wolkenlos, als er den Motor seines Bootes anwirft.

Geiger ist einer der letzten Fischer am Bodensee

Geiger ist einer der letzten Fischer am Bodensee. Rund 60 von ihnen gibt es noch, sagt Elke Dilger vom Verband Badischer Berufsfischer am Bodensee. „In meiner Kindheit waren es mehr als doppelt so viele“, so Dilger. Etwa 200 Fischer seien es damals gewesen.

Es ist noch stockfinster, als Geiger die ersten Netze aus dem Wasser zieht. Nur der Schein seiner Stirnlampe erleuchtet den See.
Es ist noch stockfinster, als Geiger die ersten Netze aus dem Wasser zieht. Nur der Schein seiner Stirnlampe erleuchtet den See. | Bild: Daniela Biehl

Um Geiger herum ist es fast still. Der Motor des Bootes brummt, der Wind rauscht an seinen Ohren vorbei. Sonst ist da nichts. „Auf dem See haben alle das gleiche Recht“, erklärt er. Die Grenze zwischen Deutschland, Schweiz und Österreich verläuft mitten im See.

Geiger darf nach der „Bregenzer Übereinkunft“, einem der ersten Fischereiabkommen überhaupt, auch im schweizerischen und österreichischen Gewässer fischen. Auch die Regeln zu den Fangmethoden und Schonzeiten sind in allen drei Ländern durch das Abkommen gleich.

„Wir fischen nachhaltig. Wir lassen die Fische ein paar Mal Junge bekommen und wenn sie älter sind und nicht mehr richtig wachsen, müssen sie raus“, sagt Geiger. Gesteuert werde das mit der Größe der Maschen im Netz. Seine sind 38 Millimeter groß. „So fängt man nur die ausgewachsenen Fische.“

In eine Fischerfamilie hineingeboren

In den Augen von Andreas Geiger funkelt der Stolz. Und das Wissen, einen der ältesten Berufe der Welt auszuüben. Er reckt die Nase in den Fahrtwind, lenkt das Boot in die Mitte des Sees und fängt an, zu erzählen.

Davon, wie sein Vater vor 40 Jahren noch mit Baumwollnetzen fischte und diese am Morgen auf dem großen Bodensee stundenlang suchen musste, weil sie bis zu 12 Kilometer weit abgetrieben waren. Damals gab es keine modernen Peilsender.

Oder, wie man die Netze mittags – weil die Baumwolle bei Nässe vergammelte – mühevoll trocknen musste. „Aber die Arbeit hat sich verändert“, sagt der Fischer. Heute nutze er Perlonnetze, die verkommen nicht. Und auch die Zeiten seien nicht mehr so rau.

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Aus Geigers Erzählungen setzt sich eine Biografie zusammen, die von der Liebe zum Bodensee geprägt ist. In eine Fischerfamilie hineingeboren – „mein Uropa hat mit der Fischerei angefangen“ – war Geiger schon als Kind jede freie Minute auf dem See. Heute nimmt er seinen sechsjährigen Sohn selbst oft mit und weiß: „Das hat seinen Zauber. Morgens, allein auf dem See.“

Bei seinem Vater ging er in die Lehre

Ein Zauber, dem sich Geiger nicht entziehen konnte. Denn: Eigentlich wollte er Elektriker werden. Zumindest nach der Schule. „So richtig gefallen hat mir die Ausbildung dann aber nicht.“ Also ging er kurzerhand bei seinem Vater in die Lehre, hielt sich an die erfahrenen Männer, die „wussten, wo die guten Fanggebiete sind“ und wurde vor 30 Jahren selbst zum Fischwirtschaftsmeister.

Nach einigen Minuten Fahrt erscheint plötzlich eine rote Boje auf dem schwarzen See. Vom spärlichen Schein seiner Stirnlampe erleuchtet, erkennt Geiger den Peilsender an der Oberseite der Boje. Sein Netz ist also hier.

Er fährt langsamer, entdeckt eine weitere Markierung, stellt den Motor ab, zieht das Netz heraus und deutet weit in Richtung Horizont. Dort nahe dem Konstanzer Ufer, beim Teufelstisch will die Genossenschaft „Regio Bodenseefisch“ ein Netzgehege bauen.

„Das bringt dem See nichts Gutes“, flucht Geiger. „Das muss man an Land machen, wo man einen geschlossenen Kreislauf hat.“ Seine Befürchtung: Brechen die Zuchtfische aus dem Gehege aus, könnten sie sich mit den Wildfischen kreuzen und so die Genetik der Wildtiere beeinflussen.

„Wir haben hier Fische, die Jahrhunderte gebraucht haben, um sich an die Umwelt, an die Bedingungen, an Nahrungssituation am See anzupassen. Die kann man nicht mit Zuchtfischen, die völlig naturfremd sind, kreuzen“, brummt der Fischer. „Und Netzgehege gehen auch mal kaputt.“

Geiger hat sich in Rage geredet. Aber er ist eben jemand, der den See liebt und alles, was in ihm schwimmt. Als er das vierte, und vorletzte Netz, aus dem Wasser zieht, kommt ihm ein Fisch abhanden. Als er zurück in den See springt, ruft Geiger ihm nach: „Mach‘s gut, mein Kleiner.“

Und als eine Möwe den Fisch packt, ehe er untertauchen kann, ist er fast ein bisschen traurig. „Ich hätt‘ ihm die Freiheit jetzt sogar gegönnt.“

„Das hat seinen Zauber. Morgens, alleine auf dem See“, sagt Geiger.
„Das hat seinen Zauber. Morgens, alleine auf dem See“, sagt Geiger. | Bild: Daniela Biehl

Langsam kriecht am Himmel die Sonne hervor, als er das letzte Netz aus dem See zieht. Ein schimmerndes Rot zwischen all dem Schwarz. Es ist windstill. Das Wasser kräuselt sich nur ein wenig. Hier und da hört man die Möwen schreien.

Doch Geiger hat keine Zeit für Romantik. Er zieht kräftig, flicht das Netz auseinander und holt die ersten Fische heraus. Es sind Felchen. „Dafür ist der Bodensee bekannt.“ Später werden auch ein paar Forellen dabei sein. Die großen Fische, die er räuchern will, landen in einer Extra-Kiste. Alle anderen werden am Ende filetiert.

Video: Daniela Biehl

Warum Geiger so früh unterwegs ist? „Felchen jagen, wenn es dunkel ist und gehen dann ins Netz“, sagt er und kippt eine Schippe Eis über die gefangenen Fische. Das kühlt. Und hält die Qualität. Die Ausbeute für den Tag ist in Ordnung. „Zum Leben reicht das aber nicht.“

Geiger kann sich noch an die Tage erinnern, als der See ihm gar nichts mehr gab. „In den letzten zwei Jahren, haben wir praktisch unsere komplette Kundschaft verloren.“ Mit „wir“ meint er alle Fischer am Bodensee. Weil die nicht mehr liefern konnten, seien viele Kunden umgestiegen und orderten ihren Fisch nicht mehr regional.

Für die Fische ist der Bodensee zu sauber

Und das Problem ist kein Neues: Seit Jahren fangen die Fischer am Bodensee weniger Fisch. Rund 260 Tonnen pro Jahr waren es nach Angaben der Internationalen Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei (IBKF) in den vergangenen Jahren. Zum Vergleich: In den 70er Jahren lag der Fangertrag im Durchschnitt noch bei 1423 Tonnen – er war also fünfeinhalb Mal so hoch.

Schuld daran ist der niedrige Phosphat-Gehalt. Aktuell liegt er bei 7,6 Milligramm pro Kubikmeter, sagt Roland Rösch von der Fischereiforschungsstelle in Langenargen – den Fischen fehlt es daher an Nährstoffen und Nahrung.

Einst drohte der See umzukippen

In den 70ern war das noch anders. Da lag der Phosphat-Gehalt bei 40 bis 80 Milligramm pro Kubikmeter. Doch das Gewässer drohte umzukippen. „Waschmittel, Dünger – einfach alles landete im See“, erzählt Geiger. Also wurde mit Kläranlagen nachgesteuert.

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Der ökologische Zustand des Sees ist heute deutlich besser als vor 30 Jahren – er ist sauber. Zu sauber, wie die Fischer finden. Von der Regierung fordert der Verband Badischer Berufsfischer deshalb, „Möglichkeiten zu schaffen, wie der Bodensee wieder mehr Fische produziert. Und das auf natürliche Art“, sagt Elke Dilger.

Die Ausbeute für den Tag ist in Ordnung. Geiger hat vor allem Felchen gefangen, die er jetzt filetieren und räuchern will.
Die Ausbeute für den Tag ist in Ordnung. Geiger hat vor allem Felchen gefangen, die er jetzt filetieren und räuchern will. | Bild: Daniela Biehl

Geiger wickelt das letzte Netz zusammen, zieht die Boje ins Boot und steuert Richtung Land. Die Morgendämmerung hat den See in hellblaues Licht getaucht. Um zu überleben, hat Geiger sich mit Ferienwohnungen und einem Restaurant zwei weitere Standbeine geschaffen.

Viele seiner Kollegen haben schon aufgegeben. Unter den Übriggebliebenen „ist kaum noch einer unter 50“. Und Lehrlinge? Gibt es nicht. „Das macht traurig, weil so viel Wissen verloren geht“, sagt er, vertäut das Boot am Hafen und reckt die Nase gegen den aufkommenden Wind. Es riecht nach Algen und Fisch. Und nach frühmorgendlicher Frische.

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