Etwa elf Wochen lang haben freiwillige Helfer der Gruppe Uhldingen des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) die Amphibienanlage an der Landstraße 201 zwischen Mühlhofen und Mimmenhausen beobachtet und Tiere gezählt. Jeden Tag sind sie morgens und abends die mehrere hundert Meter lange Strecke abgelaufen, haben zehn Eimer und insgesamt neun Durchlässe unter der Straße kontrolliert, alle Tiere gezählt und wieder auf ihre Reise zu den Killenweihern geschickt, wo die Tiere laichen und den Fortbestand ihrer Art sichern sollen. Vor allem die Zahlen der Tiere an den Durchlässen wurden mit Spannung erwartet, weil dort zuletzt 2013 gezählt worden war.

Zahl der Amphibien seit der letzten Zählung 2013 dramatisch gesunken

Das Ergebnis ist allerdings ernüchternd: Der dramatische Rückgang der Amphibien hat sich auch dieses Jahr fortgesetzt. „An den mobilen Zäunen vor und nach der Anlage haben wir mit 111 Tieren so wenige wie noch nie gezählt“, resümiert Günter Vollmer von der BUND-Gruppe. Er koordiniert die Einsätze der Helfer. „Auch die 510 Amphibien an den Durchlässen unter der Straße sind eine alarmierend geringe Zahl.“ Bei der vergangenen Zählung 2013 waren da noch 2263 Tiere registriert worden.

Ein Kammmolch, nachdem sie während der Amphibienzählung an einem der Durchgänge an der L201 gezählt und wieder freigelassen wurde. Bild: Reiner Jäckle
Ein Kammmolch, nachdem sie während der Amphibienzählung an einem der Durchgänge an der L201 gezählt und wieder freigelassen wurde. Bild: Reiner Jäckle | Bild: Jäckle, Reiner

Vor allem der Rückgang der Erdkröten ist eklatant

Markant sei vor allem der Rückgang der gesichteten Erdkröten gewesen. Eigentlich sei das die mit Abstand häufigste Art zwischen Olsenweiher und Killenweihern, sagt Günter Vollmer. Mit 117 steht sie zwar nach wie vor ganz oben auf der Liste, aber normalerweise sollte das Verhältnis ganz anders sein. Etwas besser sieht es mit dem seltenen Kammmolch aus. Auch hier sind die Zahlen rückläufig, aber nicht so eklatant wie bei den anderen Arten.

Population von Grasfröschen fast verschwunden

„Der Kammmolch ist ein seltener Vertreter unter den Molchen deutschlandweit“, erklärt der Koordinator der Amphibienzählung. „Er steht auf der Liste der ‚Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie‘. Damit ist das Gebiet um die Killenweiher ein Schutzgebiet.“ Es zählt wohl zu den artenreichsten Lebensräumen von Amphibien am Bodensee. Besonders erschreckend sei allerdings der Rückgang der Grasfrösche gewesen. In den elf Wochen wurden lediglich zwölf Tiere gesichtet. Damit scheine es, dass die Population fast verschwunden ist.

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Frosch wandert nicht mehr so weit zum Laichen

Einen anderen Aspekt bringt Professor Peter Berthold vom Max-Planck-Institut in Radolfzell in die Diskussion ein. Berthold ist Initiator der Sielmann-Biotope und war beim Aufbau der Amphibienanlage in den 1980er Jahren beteiligt. Er setzte sich damals dafür ein, dass der trockengelegte Olsenweiher wieder mit Wasser gefüllt wurde. „Wir haben festgestellt, dass die Grasfrösche gar nicht mehr so viel wandern zum Laichen“, sagt er. Außerdem stellt auch er einen kontinuierlichen Rückgang von Amphibien fest, allerdings nicht so gravierend.

Dieses Amphibienleitsystem ist das ganze Jahr über an der L201 zwischen Mühlhofen und Mimmenhausen fest installiert. Links und rechts von der Mauer befinden sich insgesamt neun Durchgänge unter der Straße, durch die die Frösche, Kröten und Molche in Richtung Killenweiher wandern können.
Dieses Amphibienleitsystem ist das ganze Jahr über an der L201 zwischen Mühlhofen und Mimmenhausen fest installiert. Links und rechts von der Mauer befinden sich insgesamt neun Durchgänge unter der Straße, durch die die Frösche, Kröten und Molche in Richtung Killenweiher wandern können. | Bild: Jäckle, Reiner

Amphibien leiden unter dem Klimawandel und unter Pilz- und Hautkrankheiten

Dennoch betont Peter Berthold, dass die Zukunft für Amphibien in unseren Regionen alles andere als rosig aussieht. „Die Amphibien sind die am stärksten betroffene Gruppe in puncto Rückgang durch den Klimawandel“, sagt er. „Sie haben vor allem mit der immer weiter steigenden Temperatur, aber auch mit Pilz- und Hautkrankheiten zu kämpfen.“ Es sei zu befürchten, dass Amphibien in nicht allzu langer Zeit bei uns komplett aussterben könnten.

Bei Zählungen im ganzen Land Rückgänge von teils mehr als 50 Prozent

Der Rückgang der Amphibien an der Anlage zwischen Mühlhofen und Mimmenhausen sei kein lokales Ereignis. In ganz Baden-Württemberg sind bei den vielen Amphibienzählungen Rückgänge von mehr als 50 Prozent zum Vorjahr keine Seltenheit. Dies jedenfalls bestätigt Hubert Laufer, Vorsitzender des Vereins Amphibien- und Reptilien-Biotop-Schutz Baden-Württemberg. „Es ist ein bedrohlicher landesweiter Rückgang, über dessen Gründe man momentan nur spekulieren kann“, sagt er. „Maßgeblich ist sicherlich der Klimawandel und der Rückgang der Insekten.“

Vier Teichmolche wollten ebenfalls die Amphibienanlage nutzen, um an den Weiher zum Laichen zu kommen.
Vier Teichmolche wollten ebenfalls die Amphibienanlage nutzen, um an den Weiher zum Laichen zu kommen. | Bild: Jäckle, Reiner

Wo es genügend feuchte Gebiete gibt, ist der Rückgang deutlich geringer

Die Lebensräume der Amphibien werden durch die steigenden Temperaturen immer trockener. Außerdem finden die Tiere durch das Insektensterben immer weniger Futter. Diese Kombination hat verheerende Folgen. Unterstrichen wird diese These dadurch, dass dort, wo es genügend feuchte Gebiete gebe, der Rückgang der Tiere deutlich geringer sei, erklärt Hubert Laufer. Zudem gab es immer mehr Meldungen von deutlich kleineren und abgemagerten Amphibien. Weitere regionale Belastungen für die Tiere sind Einsätze von Pestiziden sowie die deutlich intensivierte Forst- und Landwirtschaft.

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Wald wird mit schwerem Gerät durchforstet und der Boden dadurch verdichtet

Hiervon betroffen ist auch das Waldgebiet rund um die Killenweiher. „Dort wird im Wald seit einigen Jahren mit schweren Gerät geforstet“, erklärt Günter Vollmer. „Dadurch wird der Boden verdichtet und durch die offenen Baumkronen der Boden extrem viel trockener als sonst.“ Der Rückgang in diesem Jahr könnte auch an der ungünstigen Witterung gelegen haben, denn es hatte nachts häufig Minusgrade, wogegen das Quecksilber tagsüber regelmäßig ins Zweistellige kletterte. „Früher hatten wir einen Temperaturunterschied von weniger als zehn Grad zwischen Tag und Nacht“, sagt Günter Vollmer. „Dieses Jahr kam es öfter vor, dass der Unterschied sogar mehr als 20 Grad betragen hat.“ Auch dies sei eine Folge des Klimawandels, unter dem die Amphibien besonders zu leiden haben.