Diese Kolumne trägt den Arbeitstitel „Aus dem Notizblock“. Heute geht es jedoch eher um einen Notizblock beziehungsweise einen Stapel an Notizzetteln als um ein Thema. Der Stapel liegt seit Jahren in der Lokalredaktion in Überlingen auf einem Regal und hat inzwischen eine Höhe von zehn Zentimetern erreicht. Initiatoren sind die Kollegen mba und hk. Es handelt sich um Papiere, die in der Redaktion bedruckt wurden, aber auch Unterlagen, die den Kollegen zugeschickt wurden.

Die unbedruckten Seiten der Papiere dienen denen, die schnell etwas aufschreiben möchten, als Notizzettel. Selbst auf dem Drehstuhl sitzend und mit dem Telefonhörer in der Hand lässt sich der Papierturm von zwei Büroseiten erreichen. Komplett wahllos aus dem Stapel gezogen, findet sich das Überlinger Kinoprogramm. Beworben werden unter anderem die Filme „What a man“ mit Matthias Schweighöfer sowie „Die drei Musketiere“ mit Orlando Bloom und Christoph Waltz. Die Streifen liefen 2011 in den Kinos.

Mit dabei sind ebenfalls Schulungsunterlagen für gute Onlineüberschriften. Eines der Beispiele geht so: „Die Feuerwehr hilft: Flex statt Sex“. Der dazugehörige Vorspann lässt erahnen, dass die Retter einen Einsatz hatten, den sie so schnell nicht vergessen werden. Wer nun schon schmunzelnd über Feuerwehrkollegen und Nachbarn nachdenkt: Das Beispiel stammt aus Waldshut-Tiengen am Hochrhein.

Das unterste Papier ist auf Januar 2010 datiert

Der nächste mit verschlossenen Augen ausgewählte Zettel zeigt Tourismuszahlen der Gemeinde Sipplingen. 2019 wurden 61.842 Übernachtungen gezählt, 2020 waren es 53.882 und 2021 51.620. Dies immer zum Stichtag 31. Oktober. Das dritte Papier führt wieder in der Zeit zurück. Es handelt sich um das unterste im Zehn-Zentimeter-Stapel. Eine Bank hat damals eine Anzeige geschaltet, mit Erscheinungstermin 23. Januar 2010. Angela Merkel war damals gerade im fünften Jahr ihrer Kanzlerschaft und Unheilig standen im Jahresschnitt mit „Geboren um zu leben“ an der Spitze der deutschen Singlecharts.

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Der Überlinger Papierstapel hat also nicht nur den Redaktionsalltag und einen Umbau des Büros überstanden, sondern Geschichte überdauert. Damit ist er wohl nachhaltiger, als man es von einem Turm einseitig bedruckten Papiers annehmen würde. In den vergangenen Jahren ist der Stapel nicht sehr viel weiter in die Höhe gewachsen oder geschrumpft. Das liegt daran, dass allerorts völlig korrekt auf digitale Kanäle anstelle von Papier umgestellt wurde. Auch hat die Corona-Pandemie die Menschen aus den Büros gedrängt.

Der Notizzettelstapel ist ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Trotzdem erfüllt er nach wie vor seine zentrale Aufgabe. Wer ein Blatt Papier benötigt, kann zugreifen. Und nichts sagt doch mehr „Willkommen bei uns“, als einem neuen Kollegen zu erklären: „Hier gibt es Notizzettel“. Selbst wenn derjenige nie einen Zettel vom Stapel nehmen sollte, entsteht im Kennenlernmoment ein heimeliges, warmes Gefühl.

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