Auf dem Anwesen der Landwirtefamilie Pfleghaar haben sich Reutener Einwohner Luft gemacht. Wie Erich Pfleghaar erzählt, besteht der Familienbetrieb, der schon von Vorfahren umgetrieben worden ist, seit rund 330 Jahren. Der Blick in die Zukunft bereitet ihm Sorgen. Denn ein Zusammenschlusses von Initiativen aus Immenstaad und Kippenhausen fordert, die Vorzugsvariante B1 für die B 31-neu weiter nach Norden zu verschieben. Damit wäre Reute stärker betroffen.

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Erich Pfleghaar: „An einer autobahnähnlichen Straße können wir dann nicht mehr wie gewohnt Beeren und Gemüse anbauen. So eine Straße verursacht zu viel Belastung durch Schadstoffe. Dann muss ich weg.“
Erich Pfleghaar: „An einer autobahnähnlichen Straße können wir dann nicht mehr wie gewohnt Beeren und Gemüse anbauen. So eine Straße verursacht zu viel Belastung durch Schadstoffe. Dann muss ich weg.“ | Bild: Ganter, Toni

„Je nachdem, wie die B1-Trasse verläuft, gibt das in Reute totale Veränderungen. Was da an Lärm kommt, das sind wir nicht gewohnt. Ich lebe seit 55 Jahren hier und das gerne. Ich habe mich wegen der Natur entschieden, hier zu leben. Die Landschaft ist‘s einfach wert.“

Sorge um Existenz des Familienbetriebs

Erich Pfleghaar käme nach eigenem Bekunden „nicht auf die Idee, bei Nachbarn Linien für einen gewünschten Straßenverlauf zu ziehen“. Damit verweist er auf den jüngsten Vorstoß von Initiativen aus Immenstaad und Kippenhausen.

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„Man muss doch versuchen, für Kippenhausen und Reute eine Lösung zu finden. Wir in Reute haben noch nie von einer B 31 profitiert wie Immenstaad. Hier bei uns geht Lebensqualität und der Wert des Eigentums verloren.“ Erich Pfleghaar sorgt sich um die Existenz des Familienbetriebs. „An einer autobahnähnlichen Straße können wir dann nicht mehr wie gewohnt Beeren und Gemüse anbauen. So eine Straße verursacht zu viel Belastung durch Schadstoffe. Dann muss ich weg.“

Patrick Pfleghaar: „Ob ich hier wohnen bleibe und arbeite, werde ich davon abhängig machen, wie genau die B1-Variante verläuft. An einer Autobahn will ich nicht leben.“
Patrick Pfleghaar: „Ob ich hier wohnen bleibe und arbeite, werde ich davon abhängig machen, wie genau die B1-Variante verläuft. An einer Autobahn will ich nicht leben.“ | Bild: Ganter, Toni

Für Sohn Patrick Pfleghaar steht die ernsthafte Überlegung im Raum, ob er den elterlichen Betrieb übernimmt und weiterführt. „Ob ich hier wohnen bleibe und arbeite, werde ich davon abhängig machen, wie genau die B1-Variante verläuft. An einer Autobahn will ich nicht leben.“ Laut Erich Pfleghaar ist der Betrieb Stand heute so aufgestellt, dass er gute Chancen hat, erfolgreich weitergeführt zu werden. „Die Sorge um die berufliche Existenz, das bereitet mir schon schlaflose Nächte.“

Herbert Pfleghaar: „Wenn man in Stuttgart bereit ist, für geschätzt eine Milliarde Euro eine Oper zu sanieren, ist es im Vergleich dazu doch ein Klacks, was man für die Erhaltung der Bodenseelandschaft tun kann.“
Herbert Pfleghaar: „Wenn man in Stuttgart bereit ist, für geschätzt eine Milliarde Euro eine Oper zu sanieren, ist es im Vergleich dazu doch ein Klacks, was man für die Erhaltung der Bodenseelandschaft tun kann.“ | Bild: Ganter, Toni

Senior Herbert Pfleghaar kann nicht verstehen, wie gering die Bereitschaft ist, für eine gute Lösung das notwendige Geld in die Hand zu nehmen. „Wenn man in Stuttgart bereit ist, für geschätzt eine Milliarde Euro eine Oper zu sanieren, ist es im Vergleich dazu doch ein Klacks, was man für die Erhaltung der Bodenseelandschaft tun kann.“

Von Disskussionsverlauf um B31-neu genervt

Pfleghaars Nachbarn Thomas und Brigitte Rösler, Eltern von zwei Kindern, sind wegen des Diskussionsverlaufs in Sachen B 31-neu/B1-Variante genervt. Thomas Rösler sagt, er habe „Respekt vor der Lösungsfindung durch die Gutachter, auch wenn‘s zu meinem Nachteil ist“. Die jüngsten Bestrebungen, die B1-Trasse möge weiter ins Hinterland verlegt werden, sind für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. „Für mich ist ausgeschlossen, dass jemand Vorschläge in solchen Größenordnungen ohne Autorisierung und ohne planerischen Hintergrund macht. Ich frage mich, welche Kräfte da am Wirken sind. Es ist ja auf einmal wie auf dem Marktplatz. Man bekommt den Eindruck, dass die zum Zuge kommen, die am lautesten schreien.“

Mutter wünscht sich Machtwort von Planern

Seine Frau Brigitte ergänzt: „Mir fehlt ein Machtwort von den Planern. Da finden schon die ersten unnötigen Kleinkriege statt. Jetzt melden sich lauter Leute zu Wort, mit dem Ansinnen, die Straße zu anderen zu schieben.“ Thomas Rösler stimmt zu. „Der Immenstaader/Kippenhauser Vorschlag ist für mich ein Anzeichen von durchschaubarem Egoismus.“

Markus Bucher: „Der geplante Straßenbau ist ein Verbrechen an der Bodenseelandschaft, egal ob eine C- oder B1-Variante.“
Markus Bucher: „Der geplante Straßenbau ist ein Verbrechen an der Bodenseelandschaft, egal ob eine C- oder B1-Variante.“ | Bild: Ganter, Toni

„Die Medaille hat zwei Seiten“, sagt Landwirt Markus Bucher. „Die C-Varianten hätten mich voll getroffen, sieben bis acht Hektar Tafelobst wären zerschnitten worden. Dennoch wäre das besser gewesen. Denn durch die B1-Variante wird die Lärmbelastung viel größer sein.“ Das liege an der Topografie und an den Windverhältnissen. Sein Standpunkt: „Der geplante Straßenbau ist ein Verbrechen an der Bodenseelandschaft, egal ob eine C- oder B1-Variante.“

„Befremdlich, dass in heutiger Zeit so viele Bäume plattgemacht werden“

Zita Müller-Knecht wendet sich ebenfalls gegen zusätzlichen Straßenneubau. „Ich finde es schon befremdlich, dass man in der heutigen Zeit so viele Bäume plattmachen kann, die zum guten Kleinklima in der Gegend beitragen. Es werden Naherholungsgebiete kaputtgemacht.“ Nach Miller-Knechts Ansicht wird zu wenig über den Ausbau des ÖPNV diskutiert. „Durch so massive Straßenbaumaßnahmen zieht man noch mehr Verkehr an. Im Bodenseekreis gehen immer mehr wertvollste Flächen verloren, durch die Wachstumsziele. Tourismusforscher haben herausgefunden, dass die Touristen von Morgen Erholung in der Natur suchen. Die B1-Variante ist doch eine Autobahn durch die Hintertür.“

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Straßenführungen wirken wie Flickwerk

Oliver Seifried lebt mit seiner Familie seit 15 Jahren in Reute. „Was mich schockiert, sind die Flickwerke. Bei Stockach dreispurig, nach Überlingen dann zweispurig und hier bei uns soll‘s unbedingt eine vierspurige Straße sein. Richtung Lindau wieder zweispurig – dort, wo viele Unfälle passieren.“

Oliver Seifried: „Beim Landschaftsverbrauch scheint Geld keine Rolle zu spielen. Aber jeder Euro für das Wohlbefinden der Anwohner scheint zu viel zu sein.“
Oliver Seifried: „Beim Landschaftsverbrauch scheint Geld keine Rolle zu spielen. Aber jeder Euro für das Wohlbefinden der Anwohner scheint zu viel zu sein.“ | Bild: Ganter, Toni

Seifried fährt nach eigenem Bekunden mit dem Fahrrad zur Arbeit nach Friedrichshafen. „Beim Anschlussknoten bei Fischbach muss ich an einer Ampel die vierspurige Straße queren. Ich fragte einen Planer, warum keine Unterführung gebaut wurde. Die Antwort war, das sei zu teuer. Beim Landschaftsverbrauch scheint Geld keine Rolle zu spielen. Aber jeder Euro für das Wohlbefinden der Anwohner scheint zu viel zu sein.“ Es müsse eine verträgliche Lösung für die Landwirtschaft, für Anwohner und für den Tourismus gefunden werden. „Dafür muss das notwendige Geld ausgegeben werden.“

Bürger müssen Lösung der Gutachter akzeptieren

Für Peter Brause, seit acht Jahren in Reute, ist klar, dass es eine Straße braucht. „Wenn B1 laut Gutachten die Vorzugsvariante ist, muss das der Staatsbürger akzeptieren, falls keine Wertungsfehler getroffen wurden. Anfechtbar scheint mir die Durchquerung des Waldes Weingarten zu sein.“

Peter Brause: „Auffallend ist, dass eigentlich nur ältere Mitbürger an den Planungsprozessen teilhaben und sich interessieren. Nach meiner Überzeugung sollten aber die Jüngeren bestimmen, wie viel von der wunderbaren Landschaft zubetoniert wird.“
Peter Brause: „Auffallend ist, dass eigentlich nur ältere Mitbürger an den Planungsprozessen teilhaben und sich interessieren. Nach meiner Überzeugung sollten aber die Jüngeren bestimmen, wie viel von der wunderbaren Landschaft zubetoniert wird.“ | Bild: Ganter, Toni

Aus Brauses Sicht „gibt es für die Verschiebung der B1-Variante weiter in Richtung Reute keinen Grund, den die Gutachter festgestellt haben“. Ganz im Gegenteil werde „überregional bedeutsamer Wald in Anspruch genommen“. Außerdem werde durch eine Verschiebung der B1 nach Norden die Straße länger und damit teurer. „Auffallend ist, dass eigentlich nur ältere Mitbürger an den Planungsprozessen teilhaben und sich interessieren. Nach meiner Überzeugung sollten aber die Jüngeren bestimmen, wie viel von der wunderbaren Landschaft zubetoniert wird.“

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