Ein Autounfall, irgendwo im Deggenhausertal zum Beispiel. Der Unfallzeuge ruft sofort die 112 an. Am anderen Ende der Leitung fragt der Disponent in der Rettungsleitstelle als erstes, wo der Notfallort ist. Nur: So genau weiß das der Anrufer jetzt gar nicht. Und nun?

Trefferquote bei Funkzellen-Ortung gering

„Dann ist das Gespräch oft lang, um die Örtlichkeit zu klären“, sagt Jörg Pfeifer, der die Rettungsleitstelle Bodensee-Oberschwaben leitet. Bisher konnte der Disponent am Monitor bei einem Handyanruf zwar oft sehen, in welcher Funkzelle der Anrufer beim Notruf eingeloggt ist. Doch der genaue Standort ließ sich bei einem Radius bis zu 20 Kilometer pro Zelle um den Funkmasten nicht sicher ermitteln.

Binnen 20 Sekunden Klarheit über exakten Notfallstandort

Seit einer Woche wissen die Disponenten in den Leitstellen in Friedrichshafen oder Ravensburg binnen 20 Sekunden bis auf wenige Meter genau, wo der Notruf im Bodenseekreis, im Landkreis Ravensburg oder Sigmaringen abgesetzt wurde – egal, ob auf dem Bodensee, mitten in der Stadt oder irgendwo im Hinterland. Möglich macht‘s eine Technologie, auf die der Rettungsdienst Bodensee-Oberschwaben nun zurückgreifen kann.

Wo bin ich gerade? Dank AML-Technologie meldet das Smartphone bei einem Notruf die GPS-Koordinaten automatisch an die Rettungsleitstelle.
Wo bin ich gerade? Dank AML-Technologie meldet das Smartphone bei einem Notruf die GPS-Koordinaten automatisch an die Rettungsleitstelle. | Bild: Zacharie Scheurer

Die nennt sich Advanced Mobile Location (AML), was übersetzt so viel wie „fortschrittliche lokale Ortung“ heißt. Damit wird der Standort des Anrufers beim Notruf automatisch an die Leitstelle übermittelt. „Das ist eine super Sache“, sagt Jörg Pfeifer. Vor allem in Situationen, in denen ein Hilfesuchender den Notfallort nicht genau beschreiben kann oder dazu aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage ist, spare die neue Technik wertvolle Zeit. Im Ernstfall könne das Leben retten.

AML funktioniert ohne App

Voraussetzung ist nur, dass der Anrufer ein Smartphone benutzt, egal ob Android-Handy (ab Version 4.0) oder iPhone. Mehr nicht, denn eine spezielle App braucht es nicht. AML ist über das Betriebssystem des Handys integriert und erlaubt nach dem Notruf 112 die genaue Ortung des Hilfesuchenden. Beim Android-Handy muss allerdings der Google Play Services vorinstalliert sein, damit AML funktioniert. Dann wird der Standort automatisch an die Rettungsleitstelle übermittelt. Die Technologie nutzt dafür die exakten GPS-Koordinaten und ist deshalb weitaus genauer als die bisherige grobe Ortung über Funkzellen. Das Handy aktiviert zu Gesprächsbeginn automatisch WLAN und GPS, auch wenn das vorher noch nicht der Fall war oder diese Funktionen sogar dauerhaft deaktiviert sind. Gerade in ländlichen Gebieten kann AML so hilfreich und zeitsparend sein.

In der Rettungsleitstelle selbst sehen die Disponenten in ihrem graphischen Informationssystem dann den aktuellen Standort des Anrufers. Mehr noch: „Wir können den Einsatzkräften den Einsatzort direkt in deren Navigationsgerät übertragen“, erklärt Jörg Pfeifer. Dadurch wird die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes und der Feuerwehr deutlich verkürzt und die Leitstelle kann auch schneller mit der Anleitung von Erste-Hilfe-Maßnahmen am Telefon beginnen.

In Notfällen kommt es auf jede Sekunde an. Nicht nur, weil die Retter in 95 Prozent der Fälle binnen 15 Minuten ab Notruf da sein müssen.
In Notfällen kommt es auf jede Sekunde an. Nicht nur, weil die Retter in 95 Prozent der Fälle binnen 15 Minuten ab Notruf da sein müssen.

Anruf wird nur 60 Minuten auf Servern gespeichert

Bleibt die Frage nach dem Datenschutz, wenn sich AML beim Notruf quasi selbst aktiviert. Nach Auskunft von Jörg Pfeifer hat eine Arbeitsgruppe der Datenschutzkonferenz, einem Gremium der unabhängigen deutschen Datenschutzaufsichtsbehörden des Bundes und der Länder, das Konzept ausgiebig geprüft und freigegeben. „Der Standort beim Absetzen des Notrufs wird nur für 60 Minuten auf Servern in Deutschland gespeichert und danach automatisch gelöscht“, erklärt er auf Anfrage.

Ein Dienst für alle 250 Leitstellen in Deutschland

Dabei wird der Dienst letztlich für alle 250 Leitstellen in Deutschland von der Berliner Feuerwehr und der Integrierten Leitstelle in Freiburg betrieben, hier stehen auch die zentralen Server. Rund ein Drittel der Leitstellen in der Republik können die AML-Daten mittlerweile empfangen. Und es kommt einiges an Anrufen zusammen. Allein der Telefondienstleister Vodafone hat nach eigenen Angaben im Jahr 2018 über 420 000 Notrufe aus dem Mobilfunknetz an die jeweilige Rettungsleitstelle übermittelt.