Noch stecken die Menschen in der Corona-Pandemie, noch ist kein Ende der Auswirkungen absehbar. Verantwortliche in Archiven und Museen denken aber bereits an die Nachwelt. Sie sammeln Dokumente, Plakate, Fotos, Internetseiten und vieles mehr, um das geschichtsträchtige Ereignis Corona-Virus für künftige Generationen zu konservieren.

Robert Schwarz, Pressesprecher im Landratsamt des Bodenseekreises, berichtet, dass das Kreisarchiv Ende April damit begonnen habe, systematisch Dokumente aus dem Landratsamt zur Corona-Pandemie zu sammeln. „Das Ziel ist es, die in unterschiedlichen Dienststellen anfallenden Dokumente zu einer Sammlung, die im Kreisarchiv dauerhaft verwahrt wird, zusammenführen, um dieses außergewöhnliche Ereignis und seine Folgen für die Landkreisverwaltung für die Nachwelt zu dokumentieren“, erklärt der Pressesprecher.

„Im Vordergrund stand zunächst die Krisenbewältigung“

Nicht nur den Archivaren, sondern allen Verantwortlichen im Landratsamt sei sofort klar gewesen, dass das Virus Geschichte schreiben wird. „Im Vordergrund stand zunächst die Krisenbewältigung selbst. Vorher weiß man ja nicht, wie sich die Dinge entwickeln und was daran aus Sicht des Archivs interessant sein könnte. Nachdem die meisten Bereiche zur Normalität zurückkehren, kann die Sammlung begonnen werden“, sagt Robert Schwarz.

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Die Dokumentation konzentriere sich auf das Verwaltungshandeln des Landratsamtes in dieser Krise. „Gesammelt werden insbesondere Pressemitteilungen, Rundschreiben und Schreiben des Landrats, Protokolle des Krisenstabs, Plakate, Fotos, Webseiten, Interviews in Presse, Rundfunk und TV“, so der Pressesprecher. Dazu wird der Kontakt zu den Akteuren aus dem Krisenstab gesucht.

Demokratie in Einweghandschuhen: Briefwahl-Vorstand Claudia Weichert am 22. März in der Bücherei in Uhldingen-Mühlhofen, wo einer der beiden Briefwahl-Bezirke der Bürgermeisterwahl zunächst ausgewertet und am Abend dann auch ausgezählt wird. Wahlsieger ist am Ende Dominik Männle.
Demokratie in Einweghandschuhen: Briefwahl-Vorstand Claudia Weichert am 22. März in der Bücherei in Uhldingen-Mühlhofen, wo einer der beiden Briefwahl-Bezirke der Bürgermeisterwahl zunächst ausgewertet und am Abend dann auch ausgezählt wird. Wahlsieger ist am Ende Dominik Männle. | Bild: Jäckle, Reiner

Sachakten aus dem laufenden Betrieb, zum Beispiel aus dem Gesundheitsamt, werden ihm zufolge noch aktuell in den Ämtern geführt und kommen nach Ablauf der Aufbewahrungsfristen automatisch ins Kreisarchiv: „In der Regel gilt eine Zehn-Jahres-Frist. Diese Akten sind natürlich als archivwürdig und daher dauerhaft aufzubewahren einzustufen.“

Im ersten Schritt geht es nun um die Sammlung und Sichtung, was an Unterlagen im Landratsamt zur Corona-Pandemie entstanden ist. „Das ist die Kernaufgabe des Kreisarchivs. Ob daraus ein Projekt werden könnte, in dem auch das Alltagsleben außerhalb der Behörde dokumentiert wird, ist noch nicht klar“, erläutert Robert Schwarz.

Kreisarchiv zu Vogelgrippe und Tschernobyl gefordert

Gab es in der Vergangenheit ähnliche Fälle, zu denen im Kreisarchiv Materialien lagern? Der Pressesprecher sagt: „Die Vogelgrippe vor gut zehn Jahren und die Folgen von Tschernobyl waren solche Fälle, wo die Kreisverwaltung besonders gefordert war und das Kreisarchiv entsprechend auch.“

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Während Archive quasi das historische Gedächtnis für ihre jeweiligen Zuständigkeitsbereiche sind, steht es Museen frei, ob und was sie von einem Ereignis sammeln. Das Freilichtmuseum in Neuhausen ob Eck im Landkreis Tuttlingen strebt zum Beispiel ein Sammlungsprojekt an. „All das, was um uns herum gerade geschieht, hat den Charakter eines historischen Großereignisses“, heißt es in einer Mitteilung (siehe auch Kasten).

Bürger sind dazu aufgerufen, zu sammeln, was mit der Corona-Krise in Zusammenhang steht: „Ankündigungen von Geschäften und Restaurants über die Einrichtung von Lieferservice, Warnhinweise, Fotos eures Homeoffice, selbst gebastelte Atemschutzmasken, Lernmaterial der Kinder für Zuhause, öffentliche Aushänge...“ Von all dem wolle man sich im Museum ein Bild machen.

Fotos können per E-Mail eingeschickt werden an info@freilichtmuseum-neuhausen.de. Wichtig ist der Einrichtung, dass die Menschen – neben ihren eigenen Daten – dazu schreiben, weshalb des jeweilige Bild für sie die Corona-Krise verdeutlicht. Die Fotos sollen zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht werden.

Überlebensstrategien von früher mit Hinweis auf heute

Gunter Schöbel, Direktor der Pfahlbauten Unteruhldingen, sagt: „Wir sammeln zur Zeit nichts und überlassen dies gegenwärtig den Kollegen in den anderen Museen. Der Leihverkehr zwischen den Museen lässt hier ja alle Möglichkeiten für die Zukunft offen.“ Laut des Museumsdirektors sei man „gerade jeden Tag mehr mit der Einhaltung der aktuellen Regeln und der nicht einfachen Organisation eines großen Museums in dieser Krise mit Kurzarbeit und fehlenden Gästen beschäftigt“.

Es bleibe schlichtweg keine Zeit, um sich gegenwärtig um Sammlungsaufgaben im Rahmen der Alltagskultur zu kümmern. „Wir sind aber bemüht, die nachhaltigen Überlebensstrategien von früher mit einem Hinweis auf heute darzustellen und an einen pfleglichen Umgang mit der Natur zu erinnern“, sagt Gunter Schöbel.

Coronabedingt wurde die 1. Schwedenprozession des Jahres 2020 in Überlingen unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten und auf Youtube in die heimischen Wohnzimmer übertragen. In der Produktion von Heiko Grebing wurden immer wieder Detailaufnahmen aus dem Nikolausmünster eingeblendet, die dem Betrachter sonst eher verborgen bleiben.
Coronabedingt wurde die 1. Schwedenprozession des Jahres 2020 in Überlingen unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten und auf Youtube in die heimischen Wohnzimmer übertragen. In der Produktion von Heiko Grebing wurden immer wieder Detailaufnahmen aus dem Nikolausmünster eingeblendet, die dem Betrachter sonst eher verborgen bleiben. | Bild: Hilser, Stefan

Das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen hat bislang ebenfalls nicht explizit gesammelt. „Wir haben aber darüber nachgedacht“, sagt Frauke Kreis, in der Kommunikationsabteilung für Marketing und Werbung zuständig. Die Frage, ob in Bezug auf die Corona-Pandemie gesammelt werden sollte, beantwortet sie aus Sicht des Zeppelin-Museums mit Ja und Nein.

Das Ereignis an sich fällt nicht ins Profil des Museums. Dennoch wirkte es sich massiv aus und zwar auf die Arbeit vor Ort. So musste die Ausstellung „Beyond States. Über die Grenzen von Staatlichkeit“ vom Mai in den Dezember verschoben werden.

Laut Frauke Kreis werden hier die Erlebnisse rund um Corona einfließen: Von der Frage, wie sich das Staatsgefüge verändert hat, bis hin zu Exponaten, die das Hamstern und „Preppen“, übersetzt die Notfallvorsorge, darstellen. An dieser Stelle würde etwa die Rolle Klopapier in die Schau passen.

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Das Immaterielle könnte der Ausstellung in digitaler Form vorgeschaltet werden – darüber wird aktuell debattiert. Darstellbar wären persönliche Erfahrungen und Bilder, sagt Frauke Kreis. Ebenfalls in Friedrichshafen findet sich das Dornier-Museum. Dort hat man sich dazu entschieden, nicht speziell auf die Corona-Pandemie einzugehen, wie ein Mitarbeiter berichtet.

Schulmuseum beschäftigt sich mit Aspekt Homeschooling

Einem besonderen Aspekt der Krise widmet sich dagegen das Schulmuseum. Museumsleiterin Friederike Lutz erklärt, dass für die Einrichtung insbesondere das Thema Homeschooling interessant ist. „Im Moment legen wir vor allem Zeitungsartikel ab“, sagt sie. Zuletzt darüber, welche digitalen Dienste Lehrer in der Kommunikation mit ihren Schülern nutzen dürfen. Es geht dabei um die Frage, ob der Datenschutz eingehalten werden kann.

Hausmeister Manfred Lohr und Schulleiterin Karin Broszat begrüßen die Schüler der Realschule Überlingen am Eingang mit den Worten: Ihr seid mit Abstand die Besten! Herzlich Willkommen zurück! Das Plakat könnte einmal Ausstellungsstück in einem Museum sein.
Hausmeister Manfred Lohr und Schulleiterin Karin Broszat begrüßen die Schüler der Realschule Überlingen am Eingang mit den Worten: Ihr seid mit Abstand die Besten! Herzlich Willkommen zurück! Das Plakat könnte einmal Ausstellungsstück in einem Museum sein. | Bild: Realschule Überlingen

Alles andere will Friederike Lutz abwarten, solange die Menschen in der Krise stecken. Die Museumsleiterin geht davon aus, „dass wir wahrscheinlich ganz stark nacharbeiten werden“. Etwa zu den Geschehnissen in den Kultusministerien. Auch werden die weiteren digitalen Entwicklungen in den Schulen beobachtet. Dazu passend soll im Schulmuseum eine neue digitale Plattform entstehen, die die Schulen abrufen können, verrät Friederike Lutz.