In wenigen Wochen ist es soweit: Mit dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember soll die elektrifizierte Strecke von München nach Lindau-Reutin in Betrieb gehen. Dann werden Eurocity-Züge (ECE) von der bayerischen Landeshauptstadt in einer Stunde und 55 Minuten den Bodensee erreichen. Nach Angaben der Deutschen Bahn verkürzt sich die Reisezeit um etwa 40 Minuten. Im Lindauer Stadtteil Reutin ist ein neuer Fernverkehrsbahnhof entstanden (siehe Erklärstück). Er erspart dem ECE künftig den Umweg über die Lindauer Insel.

Am Bodenseeufer geht‘s dann im Bummeltempo weiter

Während sich Fahrgäste auf der Strecke von München nach Lindau also auf deutlich kürzere Fahrzeiten freuen können, geht es entlang des Bodenseesufers im Bummeltempo weiter. „Mit großer Enttäuschung habe ich festgestellt, dass der neue Fahrplan keine einzige Direktverbindung von Friedrichshafen-Stadt nach Lindau-Reutin vorsieht“, schreibt Ulrich Dreher dem SÜDKURIER. Damit fehle eine direkte Anbindung an den ECE nach München. Er ist regelmäßig auf der Strecke zwischen München und Salem unterwegs und die Bahn ist dabei sein „bevorzugtes Verkehrsmittel“, erklärt er. Ganz selten nehme er auch mal einen Mietwagen.

Das könnte Sie auch interessieren

Bei seiner Recherche hat er bemerkt: Alle Verbindungen gehen zunächst über den Bahnhof Lindau-Insel und die Fahrzeit inklusive Umsteigezeit von Friedrichshafen bis nach Lindau-Reutin „beträgt bei den meisten Verbindungen zwischen 50 Minuten und einer Stunde“. Die Fahrt von Friedrichshafen über die Lindauer Insel bis nach Lindau-Reutin dauere damit sogar länger als ins österreichische Bregenz, erklärt er verwundert. Hier seien Fahrzeiten ab 41 Minuten möglich.

Das müsste deutlich schneller möglich sein

Hinzu komme, dass man bei einer Verbindung mit 54 bis 56 Minuten Fahrzeit von Friedrichshafen nach Lindau-Reutin anschließend auch noch „üppige 26 Minuten Aufenthalt in Lindau-Reutin“ bis zur Abfahrt des ECE nach München habe, rechnet Ulrich Dreher vor. Für eine Fahrt von Friedrichshafen nach München via Lindau-Insel und Lindau-Reutin brauche man also allein eine Stunde und 20 Stunden im Nahverkehr zwischen dem Start in Friedrichshafen und der Abfahrt des ECE in Reutin. „Mit einer optimalen Direktverbindung wäre das in etwa 24 Minuten Fahrzeit plus etwa fünf bis zehn Minuten Umsteigezeit zu schaffen“, glaubt Dreher.

Deutsche Bahn verweist an Nahverkehrsgesellschaft

„Warum ist die Anbindung an Friedrichshafen so dermaßen schlecht?“, fragt sich Ulrich Dreher und hat sich damit auch an die Deutsche Bahn gewandt. Von der Bahn erhielt er die Antwort, das Angebot des Personennahverkehrs in Baden-Württemberg werde durch die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW) im Auftrag des Verkehrsministeriums gestaltet. Auch eine Anfrage des SÜDKURIER blieb von der Deutschen Bahn unbeantwortet.

Das könnte Sie auch interessieren

Vom Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg heißt es auf Anfrage: Das Fahrplanjahr 2021 stelle für den Bahnknoten Lindau den ersten Schritt auf dem Weg zum Zielkonzept dar, das im Rahmen der vor rund zehn Jahren geplanten Lindauer Zwei-Bahnhofs-Lösung erstellt wurde. „Leider kann das Zielkonzept im Knoten Lindau noch nicht zum Fahrplanjahr 2021 eingeführt werden.“ Außer der EC-Linie München–Zürich und dem Regionalexpress aus dem Oberallgäu würden alle anderen Linien vorerst in ihren Status-quo-Fahrplankonzepten verbleiben.

Einschränkung bei verfügbaren Trassen

Begründet wird dies größtenteils mit weiterhin bestehende Restriktionen bei der Infrastruktur, für welche der Bund als Eigentümers des Schienennetzes zuständig sei. „Die Sanierung des Seedamms im Jahr 2021 und der weiterhin nicht beseitigte Bahnübergang Hasenweidweg-Ost führen zu einer Einschränkung der Kapazität, also der verfügbaren Trassen“, teilt das baden-württembergische Verkehrsministerium mit.

Die Bauarbeiten zur Elektrifizierung des Streckenabschnitts Friedrichshafen–Lindau wurden Anfang des Jahres abschlossen. Dennoch verkehren auf der Strecke weiterhin Dieselloks. Erst wenn alle 130 Kilometer der Südbahnstrecke von Ulm nach Friedrichshafen und weiter bis nach Lindau elektrifiziert sind, wird der Betrieb elektrisch.
Die Bauarbeiten zur Elektrifizierung des Streckenabschnitts Friedrichshafen–Lindau wurden Anfang des Jahres abschlossen. Dennoch verkehren auf der Strecke weiterhin Dieselloks. Erst wenn alle 130 Kilometer der Südbahnstrecke von Ulm nach Friedrichshafen und weiter bis nach Lindau elektrifiziert sind, wird der Betrieb elektrisch. | Bild: Fabiane Wieland

Mit der Inbetriebnahme des Bahnhofs in Lindau-Reutin benötigen Züge, die aus Richtung Bregenz kommen, durch den zusätzlichen Halt außerdem zwei bis drei Minuten länger bis zum Inselbahnbahnhof, was die Taktungen verändere und damit Auswirkungen auf die Anschlussverbindungen habe. Züge aus Baden-Württemberg könnten nicht direkt bis Reutin fahren, weil es dort bisher noch keine Diesel-Tankstelle gebe. Sie enden daher vorläufig weiter am Inselbahnhof, so das Ministerium. Die Umstiegsprobleme löse man schrittweise bis zum Dezember 2021.

Das könnte Sie auch interessieren

Nach der Aufnahme des elektrischen Betriebs auf der Südbahnstrecke und der Sanierung des Seedamms zum Dezember 2021 sei es geplant, dass die RE-Züge aus Baden-Württemberg den Bahnhof Lindau-Reutin anfahren. Dies sei auch Bestandteil des mittel- und langfristigen Zielkonzepts des Landes. Die kommenden Monate müssten nun zeigen, ob dies mit guter Betriebsqualität so umgesetzt werden kann. Das Ministerium geht eigenen Angaben zufolge aber fest davon aus, dass ab Dezember 2021 für die Fahrgäste eine deutliche Verbesserung am Bahnknoten Lindau realisiert werden kann.