Der Ernstfall beginnt mit einem Anruf. Ein Labor meldet dem Gesundheitsamt einen positiven Test auf das Coronavirus. Das ist der Startschuss für ein präzise festgelegtes Verfahren. „Wir ermitteln, mit welchen Personen eine infizierte Person in der infektiösen Phase Kontakt hatte“, sagt Oliver Schäfer, designierter Leiter und stellvertretender Leiter des Gesundheitsamts im Bodenseekreis. Er leitet die „Einsatzgruppe Pandemie„ oder auch die Task Force, die das Kontaktpersonenmanagement im Corona-Fall übernimmt.

Zunächst ruft ein Mitarbeiter des Gesundheitsamts die infizierte Person an, teilt ihr das Ergebnis mit und macht sich ein Bild über den möglichen Krankheitsverlauf und die Kontakte in dieser Zeit. Trotz eines Leitfadens, der den Ermittlern vorliegt, ist schon das eine Herausforderung, wie Schäfer an mehreren Beispielen erläutert:

Beispiel eins: Steht die Infektion am Anfang oder am Ende?

Eine Infektion wurde im Zuge einer Reihenuntersuchung entdeckt. Die betroffene Person fühlt sich gesund und zeigt keine Symptome. Erst gründliches Nachfragen ergibt, dass sie vor acht Tagen wegen einer Erkältung beim Arzt war, der aber kein Corona diagnostizierte. „Jetzt müssen wir entscheiden: Könnte das schon die Erkrankung mit Sars-CoV-2 gewesen sein oder steht die Infektion am Anfang? Das ist wichtig für die Kontaktverfolgung“, sagt Schäfer. Im Zweifelsfall werden alle Kontakte aus den vergangenen zehn Tagen abgefragt und trotzdem eine Isolierung für den Infizierten verfügt.

Beispiel zwei: Wenn der ct-Wert ermittelt werden muss

In einem anderen Fall ruft ein Mitarbeiter jemanden an, den er gerade erst aus der Isolierung entlassen hat. Manche Arbeitgeber oder Schulen verlangen einen negativen Test, ehe die Betroffenen wiederkommen. Fällt der Test trotz Isolation und gutem Gesundheitszustand positiv aus, landet er wieder beim Gesundheitsamt. In den Fällen kommt der sogenannte ct-Wert ins Spiel, der Rückschlüsse auf die Virenkonzentration zulässt. „Der PCR-Test weist auch Bruchstücke der Virus-RNA nach, die nicht mehr infektiös sind, aber lange nach einer Erkrankung noch vorhanden sind“, sagt Schäfer.

Die Task Force ordnet dann für den Betroffenen die häusliche Isolierung an und fordert ihn auf, innerhalb weniger Stunden eine Liste seiner Kontaktpersonen ans Gesundheitsamt schicken. „Das Virus kann schon streuen, bevor die Leute Symptome zeigen. Das ist für das Virus sehr intelligent und wir laufen ihm immer hinterher“, sagt Schäfer. Daher werden auch Kontakte vor Auftreten der ersten Symptome oder vor dem Test abgefragt.

Wann echte Detektivarbeit gefragt ist

Auch die rufen die Ermittler an. „Das kann übersichtlich sein, bei einer Familie aus Vater, Mutter, Kind mit wenigen Außenkontakten sind wir schnell fertig, obwohl wir drei Fälle bearbeiten“, sagt Schäfer. Aber es gibt auch diejenigen mit vielen Kontakten in Kindergarten, Schule oder bei der Arbeit, im Verein oder bei einem großen Familienfest.

Da kommen zu den Angaben des Infizierten noch Gästelisten oder ganze Schulklassen hinzu. Jetzt beginnt die echte Detektivarbeit: Wie war die Situation vor Ort? Saß oder stand die Kontaktperson direkt beim Infizierten oder etwas entfernt? Wie lange dauerte der Kontakt? Wie war die Lüftungssituation? „Da können wir uns nur auf die Angaben der Befragten verlassen“, sagt Schäfer.

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Daran entscheidet sich, ob jemand als Kontaktperson der Kategorie eins oder zwei eingestuft wird – und das hat weitreichende Folgen. Kontaktpersonen der Kategorie zwei bekommen ein Faltblatt mit Informationen und den Hinweis, die eigene Gesundheit zu beobachten und vor allem zu potenziell gefährdeten Personen Abstand zu halten. „Die Großmutter mit der Tumorerkrankung sollten sie in den nächsten 14 Tagen eher nicht besuchen“, erläutert Schäfer.

Kontaktpersonen der Kategorie eins

Über Kontaktpersonen der Kategorie eins verhängt das Gesundheitsamt die Quarantäne: 14 Tage Kontaktsperre, gerechnet von der letzten Begegnung mit dem Infizierten. Ihnen empfiehlt es auch, sich testen zu lassen. „Ziel der Testung ist es, weitere Fälle zu finden und gegebenenfalls weiteres Kontaktpersonenmanagement einzuleiten“, sagt Schäfer.

Auch ein negativer Test beendet die Quarantäne nicht: Befindet sich etwa zu Beginn einer Infektion zu wenig Virenmaterial auf den untersuchten Schleimhäuten in Nase, Mund und Rachen, kann der Test trotz Infektion negativ ausfallen.

Besondere Härtefälle

Schäfer kennt auch besondere Härtefälle: Für Infizierte, die sich von ihren nächsten Kontakten nicht absondern können, verlängert sich die Quarantäne. „Das betrifft vor allem Alleinerziehende mit kleinen Kindern oder pflegende Angehörige“, sagt er. In dem Fall steht der ganze Haushalt für die Zeit der Isolation unter Quarantäne – und anschließend weitere 14 Tage, falls sich am letzten Tag der Infektiosität doch noch jemand angesteckt hat. „Das wird dann richtig problematisch“, sagt er.

Die meisten Infektionen ereignen sich nach den Erkenntnissen der Task Force im privaten oder beruflichen Umfeld, auch Reiserückkehrer spielen eine Rolle. Immer wieder lassen sich Infektionsquellen nicht ermitteln. Alles in allem aber sei die Lage im Bodenseekreis noch übersichtlich.

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„Im Moment sind wir in der Lage, das zu beherrschen, wenn auch manchmal mit etwas Zeitverzug. Es ist die Frage, wie sich das entwickelt. Wichtig ist, dass das Versorgungssystem stabil bleibt“, sagt Schäfer. Dafür aber müssen die Infektionsketten wo möglich unterbrochen werden.

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