Jürgen Resch, unterm Jahr bekannt als Autoschreck, der Fahrverbote für Dieselstinker in Innenstädten bewirkt, widmet sich jährlich, wenn es auf Silvester zugeht, neben dem Auto vor allem auch den Feuerwerksraketen. Während er früher stets die in seinen Augen völlig unnötige Feinstaubwolke geißelte, argumentiert er, beziehungsweise die Deutsche Umwelthilfe, in diesem Jahr mit medizinischen Gründen.

Jürgen Resch: „Immer deutlicher sehen wir den Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastungen und schweren Krankheitsverläufen von Covid-19.“
Jürgen Resch: „Immer deutlicher sehen wir den Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastungen und schweren Krankheitsverläufen von Covid-19.“ | Bild: Hilser, Stefan

Man solle in Deutschland dem Beispiel Niederlande folgen und ein generelles Verbot von Silvesterfeuerwerk verhängen: Das forderte die Deutsche Umwelthilfe mit Sitz in Berlin und Radolfzell und setzte sich damit durch. Bereits am Dienstag einigten sich die Länder darauf, zumindest an belebten Orten ein Verbot zu verhängen.

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Etliche Städte, darunter auch Berlin, haben ihre großen Silvesterfeuerwerke, die einer Großveranstaltung gleichen, bereits abgesagt. Der Grund: zu viele Menschen auf engem Raum. Zwischen SPD- und CDU-geführten Ländern, so Resch gegenüber dem SÜDKURIER am Montag dieser Woche, gebe es noch Streit, ob ein generelles Verbot richtig sei oder eine Empfehlung genüge. Mittlerweile hätten sie aber schon diverse Handelsunternehmen auf ihrer Seite, die auf einen Verkauf von Feuerwerkskörpern verzichteten.

DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch lebt mit seiner Familie in Überlingen. Er fürchtet, dass eine Vielzahl an Verletzungen, die regelmäßig zu Silvester entstünden, die Krankenhäuser unnötig blockierten, wo doch die volle Konzentration auf die Behandlung von Covid-19-Patienten gelegt werden müsse. Die Niederlande hätten deshalb bereits ein Verbot für private Feuerwerke beschlossen.

Am Helios-Spital in Überlingen sieht man der Silvesternacht gelassen entgegen. Die durch Feuerwerke entstehenden Verletzungen seien zahlenmäßig überschaubar.
Am Helios-Spital in Überlingen sieht man der Silvesternacht gelassen entgegen. Die durch Feuerwerke entstehenden Verletzungen seien zahlenmäßig überschaubar. | Bild: Hilser, Stefan

Resch zählt nicht nur Verletzungen von Augen, Ohren oder Gliedmaßen auf, die in Krankenhäusern behandelt werden müssten. Alleine die Feinstaubbelastung in der Luft könne für Covid-19-Patienten zum zusätzlichen Problem werden. „Immer deutlicher sehen wir den Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastungen und schweren Krankheitsverläufen von Covid-19.“ Er beruft sich auf Umfragen, wonach die Mehrheit der Bevölkerung für ein Ende der privaten Böllerei sei.

Pro und Contra Böllerverbot – das meinen unsere Autoren

Sabine Wienrich
Sabine Wienrich | Bild: Südkurier
Stefan Hilser
Stefan Hilser | Bild: Tesche, Sabine

Die DUH hatte bei Bundesinnenminister Seehofer und Bundesgesundheitsminister Spahn beantragt, noch im November ein allgemeines Verbot für Verkauf und Nutzung von Feuerwerk auszusprechen. Das könne über eine einfache Änderung der Sprengstoffverordnung erfolgen.

Doch wie sieht es dazu auf örtlicher Ebene aus, wird überhaupt eine Notwendigkeit erkannt? Wir haben sowohl bei der Stadtverwaltung als auch beim Helios-Spital nachgefragt.

Überlingen: Was sagt die Stadtverwaltung?

Die Forderung der DUH wollte Oberbürgermeister Jan Zeitler auf Anfrage „weder inhaltlich noch politisch“ kommentieren. Doch verweist die Stadt darauf, dass wegen der Brandgefahr bisher schon keine Feuerwerkskörper in der Nähe von Fachwerkhäusern, Kirchen, Kindergärten und dem Krankenhaus gezündet werden durften. Insbesondere in der Altstadt entstehe dadurch ein Feuerwerksverbot.

Ein allgemeines Feuerwerksverbot könne über eine Allgemeinverfügung der Stadt Überlingen verfügt werden. Es gelte, eine Gefahreneinschätzung im Allgemeinen vorzunehmen, und dabei spiele in diesem Jahr die mögliche Belegung und Belastung des Krankenhauses durch die Corona-Pandemie eine Rolle.

Helios-Spital sieht keine Überlastung

Das Helios-Spital sieht an Silvester keine außergewöhnliche Belastung auf sich zukommen. „Wir haben uns die Patientenzahlen an Silvester angeschaut, konnten aber keinen signifikanten Anstieg im Vergleich zum restlichen Jahr feststellen“, teilte Pressesprecherin Claudia Prahtel mit. In der Regel hätten sie in der Silvesternacht einige ambulant zu behandelnde Patienten, „die wegen Knalltrauma, leichten Handverletzungen oder Augenreizungen zu uns kommen. Selten sind auch chirurgische Behandlungen von Verletzungen nötig. Eine Behandlung anderer Patientengruppen, zum Beispiel Covid-Patienten, würde dadurch nicht beeinflusst.“

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Ein Blick auf die Statistik im Helios-Spital in Überlingen zeigt generell, dass momentan durch Covid-Patienten keine Belastung über Gebühr droht. Die Zahlen datieren von vergangenem Freitag, 20. November: Von den aktuell 94 Patienten auf Normalstation litt ein Patient mit Covid-19. Und von den neun Patienten auf der Intensivstation war kein einziger Corona-Patient.

Friedrichshafen wartet auf einheitliche Vorgabe

Die Friedrichshafener Stadtverwaltung wartet beim Thema Böllerverbot noch die Ministerpräsidentenkonferenz am 25. November ab. „Aus unserer Sicht muss es eine einheitliche Vorgabe von Bund und Land geben. An einer solchen Entscheidung werden wir uns als Stadt orientieren“, erklärt eine Stadtsprecherin gegenüber dem SÜDKURIER.

Sie verweist außerdem darauf, dass das Abfeuern von privaten Feuerwerken laut Sprengstoffgesetz ausschließlich am 31. Dezember und 1. Januar eines Jahres erlaubt ist. Generell verboten sei es nach dem Sprengstoffgesetz vor Kinder- und Altenheimen, Krankenhäusern, Kirchen und Ried- und Fachwerkhäusern.

Verweilverbote wie im Frühjahr kein Thema

„Vor der Schlosskirche darf somit kein Feuerwerk abgefeuert werden. An der Uferpromenade ist es generell nicht verboten“, so die Sprecherin. Dass die Stadtverwaltung bestimme Bereiche absperrt oder wieder Verweilverbote ausspricht, wie zu Beginn der Corona-Pandemie im März, ist derzeit kein Thema. Man wolle nicht „über die gesetzlichen Regelungen hinausgehen.“