„Wir haben verrückte Zeiten.“ Mit diesem Worten beginnt der Aushang an Bäcker Markus Kränkels Geschäft in Meersburg. „Corona nervt immer noch, Rohstoffpreise explodieren, Energiekosten ebenfalls“, ist weiter zu lesen. Zudem fehlen Kränkel laut dem Schrieb die Mitarbeiter. „Deswegen haben wir uns entschlossen, einen Ruhetag einzuführen.“ Der gilt seit dem 1. August in den fünf Geschäften der kleinen Kette. Und die Hauptfiliale in der Meersburger Steigstraße ist derzeit komplett geschlossen. Markus Kränkel: „Anders können wir den Betrieb nicht aufrecht erhalten.“

„Wir haben verrückte Zeiten.“ Mit diesen Worten beginnt der Schrieb, mit dem Bäcker Kränkel auf seinen Ruhetag am Montag ...
„Wir haben verrückte Zeiten.“ Mit diesen Worten beginnt der Schrieb, mit dem Bäcker Kränkel auf seinen Ruhetag am Montag verweist. | Bild: Wieland, Fabiane

Überall herrscht Personalmangel

Bäcker Kränkels Laden ist kein Einzelfall. Supermärkte, Reformhäuser, Klamottengeschäfte: Viele Geschäftstreibende suchen derzeit Personal und finden niemanden. Das führt zu Dauerstress bei den verbleibenden Mitarbeitern: Sie müssen Lücken füllen, dort einspringen, wo Kollegen fehlen. Diese Belastung führt wiederum zu Schwund in der Belegschaft – ein Teufelskreis. Verkürze Geschäftszeiten erscheinen daher als Ausweg.

Nicole Knor erzählt, dass sie ihr Geschäft in Friedrichshafen seit Pfingsten samstags geschlossen hat.
Nicole Knor erzählt, dass sie ihr Geschäft in Friedrichshafen seit Pfingsten samstags geschlossen hat. | Bild: Cuko, Katy (Archiv)

Gerade Bäcker und Lebensmittelgeschäfte scheint es dabei zu treffen: Die Bäckerei Ulmer in Markdorf hat inzwischen komplett geschlossen, bei Edeka Sulger – ebenfalls in Markdorf – bleibt die Backstube sonntags zu. Auch Nicole Knor, Inhaberin einer Bäckerei in Friedrichshafen, fehlt die Unterstützung. Schon seit Pfingsten hat ihr Laden am Samstag zu. „Es ging nicht anders“, erzählt sie. Auch Anke Kreis, Filialleiterin des Reformhauses Merk in Friedrichshafen, musste in der Vergangenheit schon mittags zusperren. Auch heute sagt sie: „Wir suchen händeringend jemanden.“ Thomas Goldschmidt, Geschäftsführer des Stadtmarketings Friedrichshafen, ergänzt: „Der Personalmangel betrifft alle Branchen im Einzelhandel.“

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Mehr Lebensqualität durch einen Ruhetag

Allerdings, so scheint es, kann die Lage auch etwas Gutes mit sich bringen: Die Geschäftsinhaber finden Wege, um mit der Situation umzugehen. Markus Kränkel, der in seinen Bäckereien einen Ruhetag eingeführt hat, kann seiner Entscheidung Positives abgewinnen: „Ich find‘s toll“, sagt Kränkel. „Wenn ich mir es wünschen kann, würde ich es beibehalten.“ Ihm tut der freie Tag gut. „Montag kann man gut einkaufen gehen. Auch Fahrradfahren ist schöner als am Sonntag.“ Die geschlossenen Geschäfte bringen Lebensqualität.

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Klar ist aber auch: Das muss man sich leisten können. Unter dem Strich schlägt sich der Ruhetag allerdings bei Markus Kränkel nicht negativ nieder: „Zumindest kann ich das für den August, den ersten Monat mit Ruhetag, so sagen.“ Einsparungen bei den Personalkosten, sowie auch bei Rohstoffen und Energie, schmälern zwar den Umsatz – nicht aber den Gewinn. Zudem positiv für Kränkel: Auch die Kunden machen mit. Die 40 Hotels, die er beliefert, bestellen dann eben für den Ruhetag Schnittbrot und Zopf. „Das sorgt sogar für Abwechslung beim Frühstücksbuffet im Vergleich zu den anderen Tagen.“

Selbst die Kunden sagen: „Da habt ihr recht“

Positive Rückmeldungen seitens der Kundschaft hat auch Nicole Knor für ihren Ruhetag am Samstag bekommen. „99 Prozent haben mir gesagt: Da habt ihr recht.“ Auch Knor betont: „Ein Tag weniger Arbeit bietet auch mehr Raum für Freizeit.“ Und die ist bitter nötig, sagt sie etwa mit Verweis auf ihren Mann, der in der Backstube steht. „Er hat dieses Jahr noch keinen Tag Urlaub gemacht.“

Sandra Weiss von Louise Fashion in Friedrichshafen versucht sich nach den Wünschen ihrer Angestellten zu richten.
Sandra Weiss von Louise Fashion in Friedrichshafen versucht sich nach den Wünschen ihrer Angestellten zu richten. | Bild: Benjamin Schmidt

Auch in anderen Geschäften haben Inhaber Wege gefunden, um mit dem Personalmangel umzugehen. Sandra Weiss, Inhaberin von Louise Fashion in Friedrichshafen, sagt: „Angestellte sind bei uns nur zwei bis drei Tage im Einsatz.“ Sie achte darauf, es den Angestellten so gut wie möglich machen: durchaus ein Beitrag zur Lebensqualität für die Mitarbeiter.

Bild 4: Bäcker profitiert von Ruhetag trotz Notlage
Bild: Lippisch, Mona

Neue Kräfte trotz Sprachbarriere

Und Marita Witan, Inhaberin des Geschäfts Leder Meid in Friedrichshafen, hat für ihren Laden zwei neue Kräfte gefunden: „Seit zwei Monaten arbeitet eine Afghanin bei uns, seit einem Monat eine Frau aus der Ukraine.“ Natürlich gebe es bislang noch Sprachbarrieren. Deswegen arbeiten die Neuzugänge derzeit eher im Hintergrund. „Wir führen sie erst Stück für Stück an den Service heran.“

Es scheint also Lösungen gegen die Personalnot zu geben – oder zumindest einen guten Umgang damit. Bäcker Kränkel plädiert vor allem dafür, entspannt zu bleiben. Früher wäre er wegen Personalmangels oder hohen Rohstoffpreisen noch an die Decke gegangen, sagt er. „Aber ich bin jetzt 60 Jahre alt. Man wird mit der Zeit gelassener und cooler.“